Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Kunstblätter. — Bücherschau.

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gehenden, hochpoetischen Stimmungszauber, der den Vor-
gang in das Bereich des Wunderbaren rückt. Aber
auch Maler der derben Wirklichkeit können die Briten
sein, wie Stanhope Forbes' vorzügliche Arbeiten zeigen,
deren eines — Pferde in einer Schmiede — noch nach-
träglich mit der großen Medaille preisgekrönt wurde.
Nicht auf derselben Höhe wie sonst steht diesmal Hcr-
komer, bei dessen großen ..all beantiful in naked purity"
die braune Farbe nicht zu dem Genuss der schönen
Zeichnung kommen lässt. Auch seine vielbewunderten
Ätzungen mit Pinselzeichnung haben oft einen rechten
Stich ins Süßliche, während seine früheren Radirungen
eher etwas Herbes hatten.

Und nun zu den malerischen Leckerbissen, den
.Schotten. Vor einem halben Jahrzehnt wusste man hier
noch nichts von ihnen; seitdem ist sowiel Geistreiches
und Albernes über sie geschrieben worden, dass man
sicli füglich schenken kann, ihr malerisches Glaubens-
bekenntnis von neuem festzustellen. Genug, dass man sich
von neuem an dem schwellenden Akkord ihres brausenden
Orgeltons berauscht, dessen musikalischer Wohlklang
die Skala der kontinentalen Kunst auf reinere Harmonieen
stimmen half. Es giebt auch schon Leute, denen die
Schotten über geworden sind — doch meine ich, dass
die jene entweder nie verstanden oder Novitätenjäger
sind. Es soll ja gar nicht geleugnet werden, dass auch
unter der Schar der Glasgower Meister viele mitlaufen,
die das Äußerliche der Schule benutzen, um daraus
Kapital zu schlagen — das ist stets so gewesen und
wird überall stets so sein. Die Hauptsache ist, dass
die Maßgebenden Künstler sind, die sich den Ersten
unserer Zeit einreihen — und das vergeht nicht von
heute auf morgen. Es ist auch durchaus kein Rezept,
was Leute wie Paterson oder Walton groß macht, son-
dern eben nur ihr bedeutendes Können, das in der Stille
reifte, ihr intimes Verhältnis zur Natur und der tiefe,
poetische Gehalt, den sie aus ihr zu ziehen verstehen.
Und diese Faktoren sind den guten schottischen Künst-
lern alle im hohen Grade eigen.

Genug der Namen und Beschreibungen. Die Aus-
stellungen neigen sich dem Ende zu; heut fiel der erste
Schnee, die Bäume schütteln weiße Flocken, welche zer-
gehen, wenn sie den nassen Boden berühren. Es ist
kalt und leer in den Räumen und ein Schauer des ab-
sterbendes Jahres geht durch die Säle.

Also auch diese Ausstellungen sind bald wieder
etwas Gewesenes. Mein Gott, welche Fülle von Talent,
welche Summe ehrlicher, fleißiger Arbeit schlössen sie
ein! Welch' frühlingsfrohes Streben offenbarte sich hier
und wie voll und üppig entsprosste die Saat dem Boden!
Es müsste eine herrliche Ernte geben, wenn nun der
Sommer der zweiten Renaissance doch käme. Doch wo
ist der Nährboden, der diese Kunst erhielte? Wo ist
das Arbeiterfeld, wo sie sich bethätigen könnte? Sollen
es taube Früchte werden, die am Halm vertrocknen —

oder wieder eine große Zeit, in der Künstler und Volk,
Kunst und Handwerk Hand in Hand gehen und ein
freieres Denken den gewaltigen Horizont der neuen Zeit
erschließt? Nun das glückliche Säkuluin, das den
mächtigen Strom ins rechte Bett leite, damit er Schiffe
und Schätze trage und nicht im Sande verrinne! Nun
die Paläste und Hütten, die Treppen und Gärten, in
denen die Kunst als frohe Gebieterin einziehe und
herrsche und den Schulmeister hinaustreibe, der ein Jahr-
hundert hindurch den Bakel geschwungen! Dann wird
auch das wieder kommen, um was man heute klagt:
das Adagio des Tempo's, das Ausreifenlassen; das
Hasten und Jagen wird in Misskredit kommen und die
verklärte „Neue Kunst" wird Meisterwerke schaffen,
vor denen das Lied alter Nörgler verstummen muss.
Denn die Kraft ist frisch und jung und wird sich „das
Recht der Lebenden" zu behaupten wissen.

PAUL SCHÜLTZE-NAUMBURG.

BÜCHERSCHAU.

* Das alte Wunderland Ägypten bildet den Gegenstand
eines im Verlage der Gesellschaft „Kosmos" in Berlin
erschienenen Prachtwerkes, welches der durch seine pho-
tographische Publikation über Spanien rühmlich bekannte
Architekt Max Junghacndel in Verbindung mit drei der
namhaftesten Agyptologen der Gegenwart herausgiebt. Es
ist eine Sammlung von 25 Heliogravüren nach den hervor-
ragendsten Baudenkmälern und den schönsten landschaft-
lichen Ansichten Ägyptens, denen auch einige Bilder aus
dem Volksleben beigegeben sind. Die technische Herstellung
der heliographischen Tafeln ist von einer malerischen Voll-
endung in der zarten Abstufung der Töne, wie sie uns bis-
her noch nicht vorgekommen ist. Der beigegebene Text
erscheint in drei Sprachen. Die deutsche Ausgabe desselben
rührt von Georg Ebers, die französische von G. Maspero,
die englische von Rev. Canon George Raivlinson her. Kunst-
und Altertumsfreunde werden in dem mit gediegenster Ele-
ganz ausgestatteten Werke die gleiche Freude haben.

KUNSTBLÄTTER.

Die Gemälde - Galerie der Kgl. Museen zu Berlin

im unveränderlichen Kohleverfahren, herausgegeben von
Braun, Clement & Co., Dornach 1S95. (371 Blatt, mit
erläuterndem Text von W. Bode.) Fol.

Von der in Nr. 6 der Kunstchronik erwähnten neuen
Publikation der Firma Braun & Co. ist unter obenstehendem
Titel mittlerweile die erste Lieferung zur Ausgabe gelangt.
Dass sie sich in würdigster Weise den früheren großen
Galeriewerken aus Madrid, Petersburg, Dresden, Amster-
dam etc. anschließt, ist bei dieser Firma selbstverständlich.
Schon lange hat mancher von uns den Wunsch gehegt, das
Berliner Museum, Europa's jüngste, aber auf vielen Ge-
bieten so bedeutende Sammlung, in den wohlbekannten
Kohledrucken ebenso als bequemes Studienmaterial zu be-
sitzen, wie solches schon seit Jahren aus fast allen sonstigen
hervorragenden Galerien vorlag. Dass es mit Berlin etwas
länger dauerte, hatte insofern sein gutes, als die technischen
Verfahren sich in der Zwischenzeit immer mehr vervoll-
kommneten , und uns nun Reproduktionen geliefert werden
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