Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Sammlungen und Ausstellungen.

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können, die an Treue des Details, an koloristischer Wahr- I
heit so gut wie nichts mehr zu wünschen übrig lassen. So
viel Anklang vor einigen Jahren das farbige Faksimile des
Dürer'schen Hoizschuher — und mit Recht — gefunden
hat, der jetzt vorliegende Braun'sche Kohledruck mit seiner
harmonischen Wärme des satten Tons, mit der zarten
Wiedergabe des so wunderbar gemalten Haares, Bartes und
Pelzwerks, steht dem Originale doch noch näher. Und so
mit allen Bildern durchweg. Raphael's Terranuova-Madonna
mit ihrem für photographische Wiedergabe gar nicht gün-
stigen Kolorit, Palmavecchio's Frauenbildnis , Botticelli's
Madonna mit den singenden Engeln: jedes Blatt wird der
Eigenart seiner Vorlage vollkommen gerecht. Das seit
einiger Zeit von der Generalverwaltung der Museen heraus-
gegebene Kupferwerk über die Berliner Sammlung hat,
namentlich auch durch seinen gediegenen Text, dem Studium
wesentliche Dienste geleistet; aber vergleichen wir z. B. die
Radirung nach Franz Hals' „Amme mit Kind" mit dem
iiraun'schen Kohledruck, so ist doch nicht zu verkennen,
dass letzterer uns die breite, markige Pinselführung des
Meisters in der Figur der Amme, wie die Durchbildung der
Details am Kleide des Kindes, noch in ganz anderer Weise
nahe bringt. Der wissenschaftliche Wert der Braun'schen
Publikation wird noch bedeutend erhöht durch den dem
Werke beigegebenen Text. Geheimrat Bode selbst, dem die
Berliner Galerie den seit zwei Jahrzehnten genommenen
Aufschwung in erster Linie verdankt, hat sich der Mühe j
unterzogen, jede Nummer mit seinen Erläuterungen zu be-
gleiten. An keine berufenere Feder konnten sich die Ver-
leger in dieser Hinsicht wenden. Wer von dieser ersten
Lieferung auch nur flüchtige Kenntnis nimmt, wird den
folgenden mit berechtigter Spannung entgegensehen: unser
kunsthistorisches Studienmaterial erfährt durch die neue
Braun'sche Publikation eine ebenso willkommene wie wich-
tige Bereicherung. Dr. C. RULAND.

* Die Firma J. Schmidt in Florenz, bekannt durch Ver-
öffentlichung einer Reihe trefflicher Farbenholzschnitte, bietet
eine in farbiger Autotypie ausgeführte Nachbildung eines
Reliefs von Andrea della Robbia dar. Bildgröße 15'/2 ;
zu 53'/2 cm. Preis 1,50 M. Das Original befindet sich im
Nationalmuseum zu Florenz.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

Venedig. — Am 3. November fand unter Anwesenheit
des Unterrichtsministers Bacelli, der eigens von Rom ge-
kommen war, der feierliche Schlussakt dieser in ihren
praktischen Resultaten überaus glücklichen Ausstellung statt-
— Prof. Molmenti hielt die Schlussrede, auf welche der
Minister antwortete. Abends veranstaltete die Stadtverwaltung
ein glänzendes Bankett. Leider war der Exbürgermeister
und zugleich Expräsideiit der Ausstellung, der Dichter Sel-
vatico nicht zugegen, welchem man den ganzen Ausstellungs-
erfolg verdankt. Er hatte bei den Kommunal-Neuwahlen
seinem Nachfolger Platz machen müssen. — Doch sehen wir
näher zu, wie die Ausstellung als solche abschloss. — Die
Spesen für das Gebäude und dessen innere Einrichtung etc.
betrugen 235000Lire. Die Eintrittsgelder ergeben 240000 Lire,
wozu noch 133000 Lire und sonstige Einnahmen kamen. Dem
steht die Ausgabe für Rücksendung der Ausstellungsobjekte
entgegen. Dafür hat aber Venedig ein schönes Ausstellungs-
gebäude, welches in den zwei Jahren bis zur nächsten Aus-
stellung zu öffentlichen und Privatzwecken vorteilhaft be-
nutzt werden kann. — Außer diesem für Venedigs Verwal-
tung günstigen Ergebnis, kommt jedoch als Hauptsache,

dass von den 472 verkäuflichen Kunstwerken (516 waren es
im ganzen) der dritte Teil verkauft wurde. Es wurden 75
Bilder, 14 plastische Werke, 7 Aquarelle und 50 Radirungen
verkauft. Die Summe, welche hierdurch in die Tasche der
Künstler fließt, beläuft sich auf 340 000 Lire, wozu noch
48 000 Lire in Prämien kommen, welche hier in Venedig die
Preismedaillen vertraten. Ganz zuletzt noch wollte Baron
Franchetti dreien von der Jury vernachlässigten und in
ihren Werken achtbaren Künstlern je eine Prämie zu-
kommen lassen und bestimmte hierzu 3000 Lire. Rasche
Entscheidung durch die von genanntem Herrn eingesetzten
Preisrichter bestimmte E. Tito für seine „Prozession" den
ersten Preis mit 1500 Lire, Laurenti für sein „Lebens-
parabel" den zweiten mit 1000 Lire und Milesi für seine
„Paternoster-Arbeiter" den dritten Preis mit 500 Lire (alle
drei Maler Venezianer). Letzteres schöne Bild wurde auch
noch am letzten Tage verkauft. — Wenn auch die Aus-
stellung nun den allzu hoch gespannten Erwartungen man-
cher nicht in allem entsprochen haben sollte, so ist doch im
Ganzen ihr nichts übles nachzureden und der günstige Ab-
schluss für Venedig ein überaus freudiges Ereignis zu nennen.
Ist doch damit die alte Kunststadt, in welcher die Kunst-
traditionen niemals unterbrochen wurden, von neuem und
so glänzend an die Oberfläche getreten und kann darauf
rechnen, dass in zwei Jahren, bei der wiederkehrenden Aus-
stellung, alle Nationen und gewiss auch Deutschland es sich
sehr angelegen lassen sein dürften, möglichst brillant ver-
treten zu sein. A. WOLF.

London. — Nach der K. Z. ist kürzlich eine der inter-
essantesten Sammlungen des Britischen Museums, die bisher
dem Publikum verschlossen war, unter gewissen Cautelen
zugänglich gemacht worden, nämlich die Sammlung des
.,Gold Boom" mit seinen Antiquitäten von Gold, Silber und
Bernstein. Zu diesem Zwecke erfuhr sie eine Umstellung;
der Raum, der bisher die alten Münzen enthielt, hat die
Gemmen und Kunstwerke aus edlem Materiale aufgenommen,
an denen die Abteilung der griechischen und römischen
Altertümer seit mehr als einem Jahrhunderte immer reicher
geworden ist. Vitrinen nehmen jetzt die Schätze auf, so
dass man sie studiren kann. In der Mitte des großen
Raumes mit Oberlicht und drei hohen und breiten Fenstern
steht ein flaches Gehäuse von ansehnlichem Umfange. Die
darin ausgestellten Arbeiten wurden mit Rücksicht auf
Seltenheit, Kunstwert oder geschichtliche Bedeutung aus-
erlesen; darunter sind viele berühmte Gemmen. Die Intaglio's
sind von den Cameen getrennt und viele sind zu ihrem
Vorteile und zur Freude des Beschauers so ausgestellt, dass
ihre Durchsichtigkeit zur Geltung kommt. Alle ausgelegten
Stücke sind chronologisch geordnet. So illustriren sie die
Entwicklung dieser hochausgebildeten antiken Kunst. — Die
Schaukästen an den Wänden enthalten teils Gemmen, die
nach den dargestellten Gegenständen geordnet sind, teils
zahlreiche Kunstwerke in Gold, Silber, Bernstein und an-
derem edlen Materiale, darunter viele Unica; sie sind inner-
halb der Chronologie nach Völkern gruppirt. Unter anderm
steht hier auch die goldene Vase, die kürzlich von einem
Schwammtaucher vom Boden des ägeischen Meeres herauf-
gebracht wurde; dann finden sich hier goldene Totenmasken
und Kränze, Armbänder, Diademe, Ohr- und Fingerringe.
Auch die Portlandvase steht hier, die einen Platz für sich
hat. — In einem anderen Teile des Zimmers ist die Renais-
sance mit ihrer Goldschmiedekunst vertreten. An den Wän-
den des neuen Goldzimmers sieht man Bruchstücke von alten
Wandgemälden, enkaustischen und anderen, die bisher in der
benachbarten Galerie des Obergeschosses des Museums zu
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