Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Das Skulpturen-Museum im Dogenpalast zu Venedig.

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Bei Möbelbildern könnte man sagen, der Gebrauchswert
stecke nur im Malgrunde, der als Füllung eines Schrankes
oder als Spinettdeckel und dergl. dient. Bei Altarbildern
aber gebraucht man gerade die Darstellung.J) Wird irgend-
wo eine katholische Kirche eingeweiht, so stellt sich das
unabweisliche Bedürfnis ein, ein Altarbild zu erhalten.
Wird es geliefert, so hat es zweifellos einen gewissen
Gebrauchswert. Auch ist es ein unleugbares Bedürfnis der
heutigen Kultur, sich Bilder an die Wand zu hängen.
Für diesen Bedarf, für diese Nachfrage kann der Kunst-
philosoph die Ohren nicht verschließen. Deshalb bekämpfe
ich unbedingt die Anschauung, dass Kunstwerke nur einen
„Liebhaberwert" hätten und ihre Schätzung nur auf den
„außerordentlichen Preis" (das pretium affectionis) hin-
zielen müsse. Jedes Bild kann ja neben seinem Handels-
wert auch für bestimmte Personen einen Liebhaberwert
haben, es sei zum Beispiel das mir liebgewordene
Bildnis meines Vaters oder meiner Mutter. Das ist aber
dann nur eine zufällige Beimischung, die eine allgemeine
Erörterung der Frage nicht beeinflussen kann. Im ge-
gebenen Falle allerdings wird der Liebhaberwert die
Preisbildung beeinflussen, wenn keine große Verkaufs-
dringlichkeit vorliegt. Hier hätten wir also wieder
eines von den vielen Elementen, die zusammenwirken,
um uns die Beurteilung von Gemäldepreisen recht sauer
zu machen. Dass bei der schwankenden Natur vieler
dieser Elemente die Bilderpreise, die daraus gebildet
werden, die Schwankungen mitmachen werden, wird sich
nicht bestreiten lassen. Ein weites Feld für neue Studien
lie^t da vor uns. Noch sind nur wenige Furchen durch
das Ganze gezogen, die etwa andeuten, nach welcher
Richtung hin gearbeitet werden könnte. Ich kann
die ganze riesige Arbeit nicht allein leisten und be-
schränke mich darauf, einige Linien abgesteckt zu haben
und frische Arbeiter herbeizurufen.

Dr. TH. v. FRIMMEL.

DAS SKULPTUREN-MUSEUM IM DOGEN-
PALAST ZU VENEDIG.

Im Mai 1895 wurde das archäologische Museum im
Dogenpalast, welches längst eine Umgestaltung erheischte,
wieder eröffnet. Durch endliches Erchließen und Nutzbar-
machen von bisher völlig unzugänglichen Schätzen wurden
sechs weitere Räume dem Publikum zugänglich, wobei vier
prachtvolle lombardische Kamine ans Licht kamen, welche
diese Räume schmücken. Hatte das Museum bisher nur
römische und römisch-griechische Skulpturen aufzuweisen,
so zeigt es außerdem jetzt eine Menge der prachtvollsten

1) Über die schwankende Wertschätzung des Malgrundes
dem darauf gemalten Bilde gegenüber hat spätestens schon
Justinian nachgedacht (vergl. J. Baron: Pandekten, 7. Aufl.
S. 244 (§ 139). Justinian findet es lächerlich, bei einem Ge-
mälde des Apelles oder Parrhasios die Maltafel als das
Wichtigere zu betrachten.

Kunstgegenstände der Renaissance, Büsten in Bronze und
Marmor, getriebene und gegossene Täfelchen, Münzen,
geschnittene Steine, Gemmen und Medaillen.

Jetzt erst erkennt man, welches Unrecht es war,
so viel Schönes so lange Jahrzehnte hindurch planlos
verschlossen zu halten. Durchschreiten wir in rascher
Ubersicht das Museum! Ein schon früher den Besuchern
bekannter Korridor nimmt uns auf, welchen wir durch
einenbislang unbegehbaren Aufstieg der ,. goldenen Treppe"
betreten. Vorbei an einigen Pallasstatuen, einem Bacchus
mit seinem jugendlichen Gefährten, einer ganzen Reihe weib-
licher Gewandstatuen, Porträtstatuen römischer Frauen,
vier prachtvollen Opferaltärchen, vielen Büsten, einem
Mithrasopfer, dem Kolossalkopfe eines Fauns und seiner
ebenfalls ruhenden Gefährtin, einem ruhenden Silen,
gelangen wir zum Ausgang in die „Camera da letto",
das ehemalige Schlafzimmer des Dogen. Der Ausgang
ist flankirt durch zwei Kolossalstatuen, welche aus dem
Theater in Pola stammen. Es sind Figuren altgriechi-
schen Stiles, die eine hält eine tragische Maske. Unge-
fähr dreißig teils kolossale teils lebensgroße und kleinere
Büsten schmücken die Wände. — Das oben genannte
Schlafzimmer des Dogen, welches außer seiner pracht-
vollen Decke Und dem herrlichen Kamine sonst fast
keinerlei Schmuck mehr aufzuweisen hatte, ist nur einiger-
maßen stilgerecht dekorirt. Drei Gemälde, jedesmal
venezianische Kinder darstellend, sind an den Wänden
angebracht. Das erste von Jacopo del ]?iore 1415, das
zweite von Donato Veneziano 1459, das dritte von Car-
paccio von 1518. Diesen drei hochinteressanten Ge-
mälden sind noch drei Dogenporträts beigegeben. — An
plastischen Dingen enthält das Zimmer zwei Reliefs
der schönsten Zeit über den beiden Thüren, den übrig-
gebliebenen Kopf des Dogen F. Foscari, welcher bei
Wiederherstellung der Gruppe über der Porta della
Carta als Modell diente; ferner die Marmorbüste des
A. Vendramin von 1476 und die schöne Bronzebüste
des Sebastiano Venier von T. Aspetti, sowie einer der
prachtvollsten Bronzeständer für die auf demselben
stehende Wahlurne.

Wir durchschreiten die Sala dello Scudo, welche
nichts Plastisches enthält, um den Saal zu betreten, welcher
neunundsechzig Büsten römischer Kaiser und Kaiserinnen,
sowie anderer römischer Größen enthält. Darunter ganz
ausgezeichnete Sachen. Eine kundige Hand müsste einen
brauchbaren Katalog davon anfertigen, dessen Mangel
sich bis jetzt sehr fühlbar macht.

Die Sala Erizzo, bis jetzt noch nicht vollständig
geordnet, enthält außer einer großen Anzahl römischer
Terrakotten von kleinen Dimensionen und Vasen gar viel
Interessantes auf die venezianische Republik Bezügliches,
Münzstempel, Wappen u. a. Das Prachtstück jedoch ist
eine in emaillirtes Silber gefasste gläserne Augsburger
Bierkanne. .Die drei Glasflächen, welche den Mantel bilden,
sind reich bemalt, aus dem Ende des 16. Jahrhunderts
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