Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau.

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in der Dekoration, wie es Italien nicht kennt, und ge-
rade in Mecheln bildete sich wohl eine Schule trefflicher
Zeichner und Dekorateure. Die Renaissance fand hier,
durch Frankreich übermittelt, schon sehr früh Eingang
und der Palast, welchen sich die Statthalterin Marga-
retha von Osterreich baute, gab Künstlern reichlich Ge-
legenheit zum Schaffen. Auf diesem Boden ist Colins
gebildet und aufgewachsen, seine Formenbildung ist
durchaus die niederländische, er war Bildhauer und
Dekorateur, aber kein geschulter Architekt, das geht aus
seiner Heidelberger Fassade unzweifelhaft hervor. Ver-
gleicht man aber auch damit die Frührenaissance-Bauten
Belgiens, welche zu seiner Zeit entstanden, so ist klar,
dass dieselben in der Hauptsache von Architekten ge-
schaffen und ausgeführt wurden. Würden wir also einem
niederländischen Baumeister den Entwurf für die Fassade
in Anrechnung bringen, so kommen wir nicht zum Ziel;
— nur Colins kann der Meister sein, alle anderen ge-
nannten Personen spielen nur eine untergeordnete Eolle
an dem Bau.

Über die sicherstehenden Meister des sogenannten
Friedrichsbaus können mir kurz hinweggehen. Die Mit-
teilungen des Heidelberger Schlossvereins, Bd. I—III,
geben darüber eingehende Auskunft. Weniger bekannt
dürfte eine Arbeit von Prof. Czihak sein, welche in dem
Centraiblatt der Bauverwaltung vom Jahre 1889 ent-
halten ist. ') Hier wird der Nachweis geliefert, dass
der Baumeister Johannes Schock der entwerfende Meister
des Friedrichsbans war, derselbe, welcher auch das Rat-
haus in Straßburg und die große Metzig daselbst erbaute.

Als Bildhauer ist erstmals durch Schneider (Korre-
spondenzblatt des Gesamtvereins, 1878) der Meister
Sebastian Götz ans Chur nachgewiesen, doch hatte man
damals nur die dürftige Notiz, dass derselbe aus Chur
stammte und 1601—1608 mit acht Gesellen den Bild-
schmuck des Friedrichsbaus geschaffen habe. Erst durch
die Veröffentlichungen aus dem Karlsruher Archiv im
I. Bd. der Mitteil, des Heidelb. Schlossvereins und durch
die eingehende Arbeit von Oechselhäuser im III. Bd. der
genannten Zeitschrift ist dem Künstler alle nur ge-
wünschte Ehre erwiesen.

Stuttgart. MAX BACH.

BÜCHERSCHAU.

Goethe und die bildende Kunst. Von Dr. Theodor
Volbehr, Direktor des städtischen Museums zu Magde-
burg. Leipzig, E. A. Seemann. V und 244 S. 8. Preis
M. 3.60.

Die beste der bisherigen Schriften über den häufig
behandelten Gegenstand. Der Verfasser sucht darin die
Frage, was dem großen Dichter die bildende Kunst bedeutet,
welche Stellung sie in seinem Leben eingenommen

1) Vergl. auch die Zeitschr. f. d. Gesch. d. Qberrheins,
1889, und das Rep. f, Kunstwissenschaft, XII,

habe, auf historischem AVege zu lösen. Dabei legt er mit
Recht den Nachdruck auf eine gewissenhafte Durch-
forschung derjenigen Zeiten, die den eigentlichen Werde-
prozess Goethe's enthalten, auf seine Jugend und auf
die Zeit der italienischen Reise. So ergeben sich, von
der Einleitung abgesehen, sechs Hauptabschnitte: Frank-
furt, Leipzig, Straßburg, Weimar, die Fahrt nach Rom
und Rom selbst; ein siebentes (Schluss-) Kapitel be-
handelt die Nachklänge und Ausblicke der späten
Lebensjahre.

Die Eindrücke der Frankfurter ersten Jugendzeit
waren bedingt durch den bürgerlichen Geschmack der
Mitte des Jahrhunderts, dessen Schlichtheit und An-
spruchslosigkeit in den Niederländern die höchsten Vor-
bilder erblicken ließ und außerdem in der Hingabe an
die Natur eine Befriedigung seiner Gemütsbedürfnisse
fand. Das Einzige, was als eine Frankfurter Specialität
hervorgehoben zu werden verdient, ist die dekorative
Tapetenmalerei eines Schütz und Nothnagel, welche die
Wände der besseren Häuser und so auch das Goethe'sche
mit ihren handwerklichen, doch immerhin gefälligen Pro-
dukten schmückte. Durch den Vater wurde der empfäng-
liche Knabe, dessen Zeichentalent und dessen kritischer
Blick frühzeitig sich bethätigten, auf die ersten An-
schauungen von antiker Kunst hingeleitet. Es geschah
das namentlich durch die römischen Prospekte, die im
Väterlichen Hause hingen.

Die Leipziger Studienzeit brachten den Jüngling, in
dessen Innerem Liebe zur Natur, Freude an den Nieder-
ländern und Ehrfurcht vor der Antike friedlich neben-
einander lebten, durch Oeser's nachhaltigen Einfluss zu
inniger Vertrautheit mit den Winckelmann'schen Lehren.
Der Verfasser legt ihren Zusammenhang mit der Ästhe-
tik des vorigen Jahrhunderts, namentlich mit den
Lehren von Battenx und Hagedorn, vortrefflich dar, und
charakterisirt in scharfer und fruchtbarer Weise die
Stellung Lessing's und Goethe's zu den Anschauungen
Winckelmanns. Was Goethe betrifft, so sehen wir in ihm
den Winckelmann'schen Begriff der Einfalt und Stille
sich zu dem der Gesundheit, der Natürlichkeit, der
inneren Wahrheit umgestalten. Die neue Theorie führte
keinen Bruch in seinem Wesen herbei, sie verwandelte
nur das bisher unbewusst Empfundene in klar erkannte
Wahrheit.

Der dritte Abschnitt, die Straßburger Zeit, vertieft
alle diese Anschauungen unter der „grossen und be-
deutenden Einwirkung" Herders. Die Schilderung des
Letzteren und seines geistigen Zusammenhanges mit
Hamann bildet einen der Glanzpunkte der Volbehr'schen
Schrift. Wir sehen, wie sich in Herder und Goethe
zwei wesensverwandtere Geister berühren, als in Oeser
und Goethe. Wir erkennen zugleich, dass der Dithy-
rambus auf Erwin von Steinbach durchaus keinen Bruch
mit den in Leipzig gewonnenen Kunstanschauungen
Goethe's voraussetzen lässt. Das „historische Begreifen"
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