Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Nekrologe. — Personalnachrichten. — Wettbewerbungen.

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Die Belege hierfür sind zahlreich seit 1856, als
Owen Jones seiner „Grammar of Ornament" das 20. Kapitel
„Leaves and fiowers from nature" einfügte. Was war
es, das die dekorative Kunst der Japaner in den letzten
drei Jahzehnten zu so durchgreifender Wirkung brachte?
Doch nicht die Eigentümlichkeiten ostasiatischer Kultur,
sondern die Tiefgründigkeit und Feinheit ihrer Natur-
beobachtnng.

Gottfried Semper hat in den Prolegomenen seines
Werkes „Der Stil" 1860 auch die Grundgesetze dar-
gelegt, welche bei der Verwendung der Naturformen für
die technischen und tektonischen Künste gelten. Im
Jahre 1887 erschien das dreibändige Werk Anton Seder's,
„Die Pflanze in Kunst und Gewerbe", und wurde eines
der meist gebrauchten und abgeschriebenen Vorlagewerke
der Gegenwart.

William Morris und Walter Crane gingen im Ge-
leite der Japaner und der Früh-Florentiner auf den
Urquell der Natur zurück und formten in einigen Jahr-
zehnten die Innenräume ihres zäh konservativen Volkes
vollständig um. Die amerikanische Architektur, die sich
bis vor kurzem bei monumentalen Aufgaben streng an
die Muster der Griechen und der Hochrenaissance ge-
halten hatte, wagte den kühnen Wurf, die Kapitelle des
Fischereigebäudes in Chicago aus Wassertieren zu bilden,
ein Vorgang, der an die Bildungen frühromanischer
Architektur erinnert, wie denn gleiche Ursachen immer
gleiche Wirkungen ergeben.

In der Gegenwart gönnt ein wichtiges Lieferungs-
werk, das sich in allen Werkstätten findet, „Dekorative
Vorbilder" (Tiere- und Pflanzentypen von J. Hoffmann,
Stuttgart) der neuen Bichtung bereitwillig Platz; zwei
Kuustgewerbeschulen in Deutschland, die von Straßburg
und von Mainz sind „modern" im Sinne einer vorzugs-
weisen Berücksichtigung des Studiums der Naturobjekte;
an der Schule von Karlsruhe hat sich, wie die Oster-
Ausstellung zeigte, eine Schwenkung nach derselben
Bichtung vollzogen. Auch offizielle Kreise stehen den
modernen Bestrebungen nicht feindlich gegenüber. Das
Werk Meurer's „Pflanzenformen, vorbildliche Beispiele
zur Einführung in das ornamentale Studium der Pflanze",
ist mit Unterstützung des preußischen Unterrichts-
Ministeriums 1895 erschienen.

Wie man sieht, braucht also diese Thüre in Deutsch-
land, England und Amerika nicht erst eingestoßen zu
werden. Und auch in Frankreich — will es uns
scheinen — handelt es sich nicht mehr um das Prinzip,
sondern mehr darum, ob der Canevas, auf den die neu
gewonnenen Muster eingetragen werden sollen, ein
japanisch-englischer, wie bei Grasset, oder ein Pariser
oder Lyoner sein soll; das ist aber ein häuslicher Krieg,
den wir mit Interesse verfolgen können, aber in den wir
uns nicht zu mischen brauchen.

Was die erste Lieferung des Werkes von Grasset
betrifft, so giebt sie Bedeutendes und verspricht noch mehr.

Ebenso wie in dem Seder'schen Werke geht den
stilisirten Darstellungen eine Tafel voraus, in welcher
die modellgebende Pflanze mit der größten Genauigkeit
und in allen ihren Teilen abgebildet ist, und zwar farbig
abgebildet ist. „Wenn wir von Farbe sprechen", sagt
Grasset, „so meinen wir die wirkliche Farbe mit der
ganzen Skala ihrer Töne, nichts von Grau, von dem
Aschgrau, von dem Grabesgrau, dem kraftlosen Grau,
denn es ist Zeit, die Farbe, dieses allmächtige Element,
das heute so verkannt, so verunreinigt, so barbarisch
angewandt ist, wieder in seine Macht einzusetzen."

In der ersten Lieferung sehen wir die Schwertlilie
und den Mohn, beide Motive mit mannigfaltiger Ver-
wendung als Flächenmuster, Bandleisten, Fries, in ver-
schiedenen Graden der Stilisirung, in festen Umrissen
und einfacher, meist glücklicher Farbengebung.

Die Art der Darstellung ist eine sehr sympathische.
Die Umrisse und inneren Bewegungslinien sind litho-
graphisch vorgedruckt, Schatten und Licht ausschließlich
durch Lokaltöne hervorgebracht, entsprechend der Parole
„Kein Grau". Das ganze Werk wird 150 ornamentale
Entwürfe enthalten, zur unmittelbaren Verwendung be-
reit; durch Analogieen wird man die Zahl ins Ungemessene
steigern können.

Als Zeichner der einzelnen Tafeln sind M. P.
Verneuil, E. Ilervcgh und Marc Manr/in angegeben. Es
war uns nicht möglich, festzustellen, wer davon jenem
schwächeren Geschlechte angehört, welches Grasset als
das stärkere erkannt hat.

Dies Zugeständnis enthält ein Lob und eine Be-
stätigung der Annahme Grasset's, wenigstens in dem
Sinne, dass das Können der jungen Damen, falls solche
an dem ersten Hefte mitgearbeitet haben, auf gleicher
Höhe steht, wie das der Männer.

Straßburg i. E. A. SCHIUCK Eh'.

NEKROLOGE.

0 Dr. Wilhelm von Henke, früher Professor der Ana-
tomie an der Universität Tübingen, ist daselbst am 17. Mai
im Alter von 62 Jahren gestorben. Er hat sich auch um
die Kunstwissenschaft durch seine Studien über die Gruppe
des Laokoon und über die Menschen des Michelangelo im
Vergleich mit der Antike verdient gemacht.

*jf* Der Oeschichts- und Bildnismaler Julius Moeling,
Professor an der Kunstakademie zu Düsseldorf, ist daselbst
am 22. Mai im Alter von 75 Jahren gestorben.

PERSONALNACHRICHTEN.

*„* Dr. A. Milchhöfer, bisher außerordentlicher Professor
der Archäologie an der Universität Kiel, ist zum ordentlichen
Professor daselbst ernannt worden.

WETTBEWERBUNGEN.

=tt. München. — Zu dem Wettbewerb zur Erlangung
von Modellen für ein Friedensdenkmal sind zwanzig Arbeiten
eingegangen. Der erste Preis von 2000 M. wurde nicht ver-
liehen, den zweiten Preis von 1500 M. erhielt die gemein-
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