Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Das Wiener Mozart -Denkmal.

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Stadt durch die Kongress - Ausstellung in weiteren
Kreisen bekannt geworden sein wird. Endlich ist noch
ein bedeutendes Portrait des Kardinals Manning von
May, sowie ein versprechendes Werk von Wilfrid von
Glehn zu bemerken. —

Die Skulpturen sind nicht in großer Zahl, aber
mehrere recht gute Arbeiten vorhanden. Onslow Ford
hat einen großen Erfolg errungen mit seiner Büste
von Alma Tadema, gleichfalls Miss Halle durch ein
Medaillon des verstorbenen Sir Charles Halle, und nicht
minder der Graf PwyvalU durch seine überlebensgroße
Statue des Kardinals Manning. Wer diesen außerordent-
lichen Kirchenfürsten im Leben gekannt hat, wird be-
stätigen, dass die hier gegebene Gesamtauffassung, die
Tiefe und Wärme des milden Ausdrucks, der Wirklich-
keit und Wahrheit entspricht. Vortreffliche Werke
sind ferner noch die Büste des Kardinals Vaughan von
C. May, eine kleinere Figur von dem Meißel der Gräfin
Fcodora Gleichen, welche den verstorbenen Hochland-
schotten Clark, einen Lieblingsdiener der Königin,
darstellt, sowie eine gelungene Arbeit von 7?. Muttins.

Der neue Präsident der Akademie, Sir John Mittais,
vermochte, da er schon längere Zeit schwer erkrankt
ist, nicht auszustellen. Über ihn und die Schotten, die
„Boys of Glasgow'", von welchen inzwischen schon mancher
ein „alter Knabe" geworden ist, oder was schlimmer
erscheint, im Begriff steht, seinen Ruhm zu überleben,
bei-ichte ich später. I >as Interesse für englische Kunst
wird aber sicherlich auch unter der Führung von Millais
erhalten bleiben, und zwar um so mehr, da die Eng-
länder nicht wie die Schotten der Gefahr ausgesetzt
sind, in der Technik und in ihrem Ideenreichtum sich
zu verausgaben. v. SCHLEINITZ.

DAS WIENER MOZART DENKMAL.

Fünf Tage nach Victor Tilgner's Tode, am 21. April,
wurde sein Mozart-Denkmal auf dem Platz im Bücken
der Wiener Hofoper enthüllt. Des beliebten Künstlers allzu-
schnelles Hinscheiden ist wohl geeignet, ihm eher ein plus
als ein minus der Sympathie zuzuwenden und die volle
Anerkennung, wo sie verdient ist, nicht zu verkümmern.
Dass sie aber auch unter diesem Gesichtspunkte keine
so ganz uneingeschränkte sein kann, müssen die wohl-
wollendsten Beurteiler zugeben.

An dieser Stelle ist seinerzeit, anlässlich des Hilfs-
modelles, der Umstand in besondere Erwägung gezogen
worden, dass von Mozart nur authentisch überlieferte
Porträts im Profil existiren, welche den Bildhauer vor
die Aufgabe stellten, aus diesen — mehr oder minder
schlechten — Profilen ein brauchbares und charakte-
ristisches Bild en face des großen Tondichters zu kon-
struiren. Hier lag eine Schwierigkeit und zugleich ein
weiter Spielraum für die schöpferische Kraft. Diese
Aufgabe war im Hilfsmodell gelöst und auch im aus-

geführten Marmor kommt sie zur Geltung. Sie muss als
eine starke Seite des Werkes anerkannt werden und uns
deshalb auch für manche Schwächen entschädigen.

Über die Haltung der Gestalt sind verschiedene
Meinungen laut geworden. Denen, welche die Stellung
für anmutig, besonders schwungvoll und „begeistert"
erklären, vermag ich mich nicht anzuschließen. Diese
rechte Arm- und Handbewegung geht über die natür-
liche Grazie hinaus, und die Vor- und Ausbeugung der
Beine grenzt vollends an das Gezierte. Die Tanzkunst
ist ja auch eine edle Kunst und mit der Musik hat sie
den gemeinsamen Boden — den Rhythmus — aber hier galt
es doch nicht Terpsichoren's Kunst zu zeigen! Man
sehe sich einmal das Denkmal aus einiger Entfernung,
von der Albertina kommend, an; ob da nicht die über-
triebene Stellung etwas Komisches, Tänzelndes an
sich hat? — Kann man sich auch Mozart — wie er
hier am Orchesterpulte dargestellt ist — nicht ohne
äußere Bewegung denken, so wird diese doch bei einem
Genie viel unberechneter, selbstvergessener aus dein
Innern kommen.

Der kleine, gutmütig - naive Mann, der dennoch
einst zornig sein bekanntes: „Verflucht! wollt ihr fis
greifen!" ausrufen konnte, wird nicht so schwingende,
weiche, kokette Arm- und Beinbewegungen gemacht
haben. Das ist alles viel zu „schön". Vor dem
Dirigentenpult kann Mozart kein Stutzer sein, wie sehr
er auch im Leben „Lebemann" war. Hier ist er nichts
als Musiker. Und dieser Musiker der Lieblichkeit,
Schelmerei und Anmut, der Komponist der ..Entführung"
und des „Figaro", hat auch die Musik zum „steinernen
Gast" geschrieben und bekanntlich — noch einiges
andere Ernste dazu. Das müsste mehr zum Ausdruck
kommen, wenn der ganze Mozart gegeben sein sollte.
Auch der Mantel mit den fünf Kragen, der von der
rechten Schulter schon abgeglitten ist und bald ganz
zur Erde fallen muss, wirkt schauspielerhaft und über-
trieben. Wozu diese Verlegenheits-Draperie? Besonders
edel wirkt die Betonung des Malerischen bei einem Denk-
mal nie, denn sie lenkt die Blicke zu sehr auf Einzel-
heiten, stört die ruhige Gesamtwirkung und nimmt der
Plastik ihre beste Kraft: Einfachheit und Einheit. Im
Zeitkostüm sowie im Rokokobeiwerk war zur Entfaltung
erlaubter malerischer Wirkungen Gelegenheit genug ge-
boten. Das Darüber war vom Übel. Geht man also
zunächst von der Hauptfigur aus, so bleibt wenig mehr
als der glückliche Ausdruck des Kopfes, um für diese
Mängel schadlos zu halten. Dass er ein Gegengewicht
dazu bieten kann, ist sein bestes Lob; es hängt aber
davon ab, wie weit sich der persönliche Geschmack über
die erwähnten Schwächen hinwegzusetzen im stände ist.
Dass wir sie zeitweilig darüber vergaßen, gestehen wir
gerne ein.

Nun zum Beiwerk! Es enthält viel Hübsches, aber
auch hier ist zuviel des Guten. Die sich küssenden und
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