Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Eealisten und Modernen wollen nichts von ihm
wissen; sie sagen er sei conventionell, es fehle ihm die
Gabe der richtigen Naturbeobachtung. Diesen erwidern
die Gegner: das Schöne sei in der Hauptsache subjektiv
und existire nur für die, welche es sehen und fühlen,
für die Andern sei es aber ein leeres Wort ohne In-
halt. Ja, endlich von dritter Seite wird den Modern-
sten aller Modernen vorgehalten, dass Costa eigentlich
zu ihnen gehöre, denn gewisse Details in seinen beiden
Landschaften seien photographisch genau wiedergegeben.
Costa verdankt seine Position hier zunächst dem ver-
storbenen Präsidenten der Akademie, Lord Leighton.

In Deutschland, woselbst Lord Leighton ziemlich
allgemein objektiv anerkannt wird, lässt man sich
solche klassische Akademiker, wie er war, wohl gefallen,
während er hier schon bei Lebzeiten als ein fast über-
wundener Standpunkt galt, und zwar selbst bei gemäßig-
ten Fortschrittlern. De rnortuis nihil nisi hene! Soweit
es den Privatmann Lord Leighton anbetrifft, konnte
dies geschehen, aber als Präsident des ersten Kunst-
instituts, als öffentliche Person und als Künstler, be-
sitzt er selbstverständlich auch nach seinem Ableben
nicht das Vorrecht, nur günstige Kritik an sich und
seinen hinterlassenen Werken ausgeübt zu sehen. Dieklein-
lichen Kritiker aus dem Kreise seiner zahlreichen Gegner
zerfetzen ihn daher jetzt nach Möglichkeit, und es be-
wahrheitet sich auf die Kunst übertragen, das vom
Fürsten Bismarck in der Politik gelegentlich citirte
Witzwort: „Wer Kegel schiebt, muss sich auch die
Kritik des Kegeljungen gefallen lassen". Ein Freund
deutscher bildender Kunst war Lord Leighton nicht!
Alljährlich pflegte er in der ersten großen und öffent-
lichen akademischen Sitzung einen längeren Vortrag zu
halten über die Kunst irgend eines der maßgebenden
Kulturstaaten. Vor einigen fahren hielt er die be-
treffende Vorlesung über Deutschland, und da lautete sein
Urteil über deutsche Malerei, Skulptur und Architektur
in der Hauptsache abfällig. Seine Schlussworte gingen
dahin: „Die deutsche Kunst hat, wenige Ausnahmen ab-
gerechnet, durch die Wellen des Lichts nicht das
Höchste geleistet, wohl aber das Herrlichste auf den
Wellen des Tones zu uns herübergetragen." Unter den
„Ausnahmen" sind Dürer und .Holbein gemeint, die denn
auch thatsächlich ungemein hoch hier bezahlt werden.
Wie es den Anschein hat, ist die Opposition gegen
Lord Leighton im Wachsen, und zwar derart, dass das
von seinen Freunden in Bewegung gesetzte Projekt,
für den Preis von 700 000 Mark sein hoch künstlerisch
und unvergleichlich interessant eingerichtetes Wohnhaus,
nebst den dort befindlichen Werken von seiner Hand,
für den Staat anzukaufen, als gescheitert betrachtet
werden muss. Dies in London sehr berühmte Künstler-
heim steht auf klassischem Boden und gehört zu Hol-
land-Park, dem Sitz des Grafen Ilchester, dessen ge-
samte Familie feinen Kunstsinn pflegt. In Holland-

House, einem im Tudorstil erbauten Schloss, befindet
sich eine wertvolle Gemälde-Galerie. In dieser ist
unter andern das berühmte Selbstporträt Rembrandt's
aus dem Jahre 1658. An diesen Umstand werde ich
besonders durch die gute Photogravüre erinnert, welche
in der „Grafton-Gallerie" ausgestellt ist, woselbst sich
auch etwa 400 andere Photographieen befinden, welche
die Illustrationen zu Dr. Bode's Buch über L'cmbrandt
bilden, und das auch in einigen Monaten hier in eng-
lischer Sprache erscheinen soll. An Holland-House
knüpft sich ein gut Stück englischer Geschichte und
Kunst. In ersterer Beziehung genügen die Namen
Cromwell, Fairfax, Karl I., Karl II., William Penn,
Addison und James Fox, König Wilhelm III., der Schweig-
same, und Königin Mary wohnten hier. Während der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Schloss der
Sammelplatz aller hervorragenden Künstler, und ebenso
das Kendez-vous der politisch und litterarisch bedeuten-
den Persönlichkeiten der Whig-Partei. Für uns Deutsche
besitzt endlich Holland-House insofern erhöhtes Interesse,
als der Graf und die Gräfin Ilchester zu den wenigen
Personen gehören, welche unser Kaiser und die Kaiserin
bei ihrem jeweiligen Aufenthalt in London mit ihrem
Besuch zu beehren pflegen.

Auf die Ausstellung zurückkommend, soll von
■lohn Collier ein ansprechendes Genrebild erwähnt
werden, in welchen sehr geschickt ausgeführte Licht-
effekte nebenher zur Geltung kommen. Das Gemälde
Stellt zwei junge Mädchen dar, von denen die eine
ihrer im Bett liegenden Freundin die Abenteuer eines
Balles erzählt. Die hübschen Gesichter werden durch
ein Kaminfeuer goldig beleuchtet, während der Schein eines
entfernt stehenden Nachtlichtes matt und blaß das übrige
Gemach erhellt. In den Sälen, in welchen die Porträts
hängen, fällt Philipp Bnrne-Jones, der talentvolle Sohn des
Altmeisters, durch zwei Werke günstig auf, und ebenso
Shannon durch sein Porträt der Frau Herber Percy. Mari-
anne Stokes sandte ein Bild, welches sie „der Page'1 nennt
und das nach dem betreffenden Gedichte von H. Heine ent-
stand. Sargent hat durch sein Portrait der Gräfin Clary-
Aldringen eines seiner kühnsten Experimente wiederholt.
Man könnte behaupten, dass es das Pendant sei zu dem
Porträt der Frau Hamniersley, welches seiner Zeit für
die „sprechendste" Darstellung des Meisters galt, und
auch außerhalb Englands von den Ausstellungen in
Berlin u. s. w. bekannt sein dürfte. Von E. G. Halle,
einem der Direktoren der „New-Gallery", finden wir
mehrere wirklich ausgezeichnete Werke, so namentlich
das Porträt der Hon. Mrs. George Kenyon, dann
„Mutter und Kind", „Aschenbrödel" und „Julietta". Die
Köpfe der Figuren von E. C. Halle haben in ihrem
Ausdruck, besonders aber im Auge, viel Gemeinschaft
mit dem großen Porträtisten Lawrence, der seiner Zeit
die meisten Berühmtheiten und Schönheiten des Wiener
Kongresses malte, und als solcher in letztgenannter
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