Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Ein weiterer Saal bringt holländische Künstler, die.
diesmal als Aquarellisten auftreten. Ihre Virtuosität in
dieser Technik steht der, mit welcher sie die Ölfarbe
handhaben, kaum nach, aber gar häufig bleibt es auch
bei dieser Virtuosität. Ist's, weil man sich daran über-
gesehen oder ist's thatsächlich so: es scheint, als ob auch
die berühmte alte holländische Landschafterschule lang-
sam der Schablone verfiele. Ihr enger Anschluss an die
Natur giebt ihnen wohl ein höheres Alter, aber nicht
ewiges Leben. Und so wird auch in Holland das Wort
den Jüngeren bleiben, die dort nicht dünner gesäet sind,
als anderswo. Nur tritt das auf unserer Kollektiv-
ausstellung wenig hervor, und wenn man den seltsamen
Symbolisten van Toorop ausnimmt, macht sie einen recht
konservativen Eindruck.

Zwei Wände eines nächsten großen Saales sind
ganz bedeckt mit modernen Pariser Affichen, Litho-
graphieen etc. Da über diesen Kunstzweig neulich erst
die Zeitschrift einen längeren Sonderartikel brachte,
kann ich mich auch hier kurz fassen und erwähne nur,
dass eine Anzahl der besten Arbeiten von Lunois,
Grasset, Poulous-Lautrec, Maufra, de Peure, Ri viere,
Carriere, Gandara, Steinlen etc. durch Fritz Burger, der
selbst etliche Arbeiten beisteuerte, zusammengebracht
worden sind, die ein übersichtliches Bild über den Stand
dieses Kunstzweiges in Paris geben.

Vom malerischen Standpunkte zweifelsohne die beste
aller ausländischen Kollektionen ist die von Giovanim
Segantini, der 10 Ölbilder, darunter einige großen Formates,
und 34 prächtige Zeichnungen sandte, die die Größe dieses
italienischen Meisters so eindringlich zum Bewasstsein
bringen, wie keine frühere Ausstellung. Noch keiner
hat diesen Teil der Alpenwelt, die harte Arbeit der Berg-
bewohner und die stille Größe der hohen Matten mit
solch monumentaler Einfachheit zum Ausdruck gebracht
und zugleich wohl noch keiner mit rücksichtsloserer
Ehrlichkeit seine künstlerischen Ziele verfolgt, in der
er ganz selbständig bis auf die Technik ist. Und diese
vielumstrittene eigenartige Technik ist ein Teil des
ganzen Werkes Segantini's, das man sich nicht anders
wünschen möchte. Es ist anzunehmen, dass der Nam|
dieses einsamen Mannes ein Stern der neuitalienischej
Kunstgeschichte werden wird.

SGÜ UL TZE-NA UMB ÜB 67.

DIE GALERIE MIETHKE IN WIEN.

Von denen, so da mit der Kunst Handel treiben,
giebt es der Arten zwei: solche, welche das Geschäft
allein im Auge behalten und im geheimsten Grunde ihrer
Seele ein Kunstwerk doch einzig nach dem Preise be-
werten, den es bei einer Versteigerung einbringt, und
solche, die nebenbei auch etwas von Kunst verstehen
und einen lebendigen Anteil an ihr nehmen. Wenn, wie
böse Menschen behaupten, die erste Sorte die Mehrheit

ausmacht, so gehört der Besitzer der neueröffneten Räume
in der Dorotheergasse in Wien nicht, zu derselben.
Herr Miethke hat das frühere Gräflich Nako'sche Bans
umgeschaffen und in einer Weise ausgestattet, die den
feinsinnigen Kenner und Liebhaber in erster und den
Geschäftsmann erst in zweiter Linie betont.

Dass diese Auffassung eine ebenso richtige wie
seltene ist, weiß jeder, der die Wiener Kunstverhält-
nisse kennt. Sie macht den Wert und Hauptreiz dieser
neuesten Wiener Sellenswürdigkeit aus, — nicht mil-
der Reichtum an Werken von Rang und Qualität, welche
die Räume bis in alle Ecken füllen. Denn das ist nichts
Neues für eine große Kunsthandlung. Unsere Aufmerk-
samkeit gilt daher in erster Linie den Räumlichkeiten
selbst, dem Ganzen mehr als dem Einzelnen. Denn
reichste Abwechslung der Stimmungen gewährt seilen
ein bloßer Rundgang, der von ihrem Inhalt nur flüchtige
Aufzeichnungen erlaubt.

Nachdem die Vorräume durchschritten sind, gelangt
man zunächst in einen großen rechteckigen Saal — zu
ebener Erde — mit, kleineren Seiten räumen. Er ist
den Werken zeitgenössischer Kunst gewidmet. Gleich-
mäßig helles, gedämpftes Oberlicht durchflutet ihn. In
gefälligem Stil gehalten, der nur leicht an das Rokoko
anklingt und sich nirgends aufdrängt, bereitet er sofort
zur Empfänglichkeit künstlerischer Eindrücke vor und
versetzt in freundlich-heitere Stimmung. An der dem
Eingange gegenüberliegenden Wand leuchtet Makart's
„Frühling" dem Eintretenden entgegen. Friedlich reihen
sich diesem links und rechts Meisterwerke lebender
Künstler an und solche, die, dahingegangen, noch immer
zu den lebenden zu gehören scheinen. Neben Gabriel
Max, Fawdto, neben Schreyer, Achenbach, dazwischen,
ohne zu stören, die Schule von Barbizon und dann weiter
die schottischen Stimmungsmaler. Eine bunte Reihe,
aber in weiser, geschmackvoller Anordnung. Selbst
Stuck's unheimliche Erinnyen, die auf den Mörder lauern,
und BöcMin's „Gottvater, dem ersten Menschen das
Paradies zeigend", fügen sich in das Ganze ein. Das
letztere Bild war mir früher auf einer Ausstellung in
Bremen begegnet, wo es zu hoch hing. Hier macht es
den günstigsten Eindruck und überzeugt, je häufiger
man es ansieht, durch die zwingende Gewalt der Farben,
die den Zauber ewiger Jugend tragen; das Aufjubeln
über die junge Schöpfung selbst tönt aus ihnen. Kein
Wunder, dass ihre leuchtende Klarheit ein kleines Bild
von Burne-Jones nicht aufkommen lässt. Übrigens ist
dieses auch nicht repräsentativ für den Freund und
Nachfolger Rosetti's; man kann ihn kaum außerhalb
Englands gut kennen lernen. Er hat es nicht nötig,
— zu uns zu kommen, i'ber diesem hängt noch ein
seltenerer Vogel: ein kleiner <'ousluhlc. Ja, wirklich,
ein echter Constable in Wien! Nur eine wilde Skizze,
mit der Spachtel hingehauen, aber mit dem vollen Namen
gezeichnet. Da ist wohl dies und das darin, was einer
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