Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die internationale Kunstausstellung der Seeession in München. IV.

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fernen, damit Dürers ursprüngliche Vorzeichnung wieder
zu Tage komme? Die Bildnisse des Tucher'schen Ehe-
paares in Weimar sind nunmehr durch den Vergleich
mit dem aus dem gleichen Jahre stammenden Oswald
Krell der Münchener Pinakothek als Werke des Meisters
durchaus sicher gestellt. Nicht in gleichem Grade gilt
dies von dem Bildnis des jungen Mannes in Hampton
Court, welches durch die außergewöhnliche, an die Nieder-
länder erinnernde Feinheit seiner Malweise in dem Werk
Dürers auffällt. Der große Porträtkopf Van Eycks in
derselben Galerie, dessen brutale Lebenswahrheit in der
kleinen Photographie nicht ganz zum Ausdruck kommt,
drängt sich dem Beschauer durch seinen gewaltigen,
fast statuarischen Ernst als die Schöpfung eines Meisters
allerersten Banges auf; wenn ihm der für Van Eyck be-
zeichnende Schmelz der Farbenfläche fehlt, so wird das
auf den Charakter des Werkes als einer vorbereitenden
Studie zurückzuführen sein. Sehr verdienstvoll und ge-
lungen ist die Vorführung des vorzüglichen, Giorgione
genannten Männerbildnisses, ebendaselbst; die Ver-
gleichung mit dem gleichfalls in England befindlichen
sogenannten Ariost Tizians legt freilich die Frage nahe,
ob hier nicht noch eher der Käme dieses großen, uns
besser bekannten Genossen Giorgione's Anwendung zu
finden habe, da die feine Farben wähl und die vorzüg-
lich weiche Modellirung ebenso wie manche Ähnlichkeit
mit dem gleichfalls frühen Zinsgroschen in Dresden da-
für zu sprechen scheinen, Giorgione's mehr quattrocen-
tistisches Wesen aber weniger aus dem Bilde hervor-
leuchtet.

Dass endlich der herrliche, so lange verkannte Hol-
bein, das Noli me tangere, allgemein bekannt gemacht
worden ist, muss mit Freuden begrüßt werden; ich würde
das durch seine kräftigen Gegensätze von Licht und
Dunkelheit wirkende Bild nur, statt in die Zeit um 1530,
in die um 1520, also in die unmittelbare Nähe der
Tafeln im Freiburger Münster, setzen. Hier auch können
wir zum erstenmal, besser als an Ort und Stelle zwischen
den großen Thüren, Masaccio's gewaltiges Fresko der
Dreieinigkeit in S. Maria Novella bewundern. Scorels
spätes Altarwerk, das auf der Haarlemer Ausstellung
zu sehen war, zeigt, wie der Meister, während er unter
dem Einfluß der Florentiner alle Frische für die Dar-
stellung figürlicher Sceuen verloren hatte, in dem Porträt- \
fach doch noch ein gut Teil seiner Kraft bewahrte.
Die Verspottung Christi, schon durch die wimperlosen
Augen aller Figuren als ein Werk des Bosch kenntlich,
wurde auf der gleichen Ausstellung erst richtig bestimmt
und lenkte von neuem die Aufmerksamkeit auf diesen
noch lange nicht genug gekannten, echt nordischen
Meister. Schließlich freut es mich, hier zwei von den
Werken wiederzufinden, auf die ich 1878, den Anregungen
Bayersdorfers folgend, in der Zeitschrift für bild. Kunst
(S. 156) hingewiesen hatte. In dem Tabernakel von
1416 bin ich auch jetzt noch geneigt, trotz des frühen

Datums, die Hand Uccello's zu erkennen, da die Gestalten
der beiden jugendlichen Märtyrer durchaus neuen, über
Giotto hinausgehenden Geist atmen, die Wahl der übrigen
starkknochigen Typen sowie die vertreibende Art des
Farbenauftrages, soweit er noch durch die Übermalungen
hindurchschimmert, aber auf Uccello weisen. Das Fresko
des sonst unbekannten Paulus dei Stefani von 1426 in
S. Miniato ist endlich interessant als eines der frühesten
Zeugnisse für den Einfluss, den Masaccio durch seine
Kunst ausgeübt hat. W. v. SEIDLITZ.

DIE INTERNATIONALE
KUNSTAUSSTELLUNG DER SECESSION
IN MÜNCHEN.
IV.

Es ist schwer, bei den Malern der Wirklichkeit
andere gemeinsame Gesichtspunkte aufzustellen, als die
ihres guten Könnens. Sie schlagen ihre Staffelei ohne
vorgefasste Schulmeinung da auf, wo ihnen wohl ist und
wo sie etwas Malerisches sehen. Ihre Bilder lassen sich
in keine Kategorien einteilen, wie weiland die Tiroler
Bauernbilder, die Kabinettstücke im Kostüm des Rokoko
und die vaterländischen Historien, sondern eine jede
Individualität verlangt ihre eigene Charakterisirung.
So interessant es auch wäre, dies alles zu beschreiben,
so fehlt mir doch dazu Zeit und Raum, und ich muss
mich darauf beschränken, kurz einige zu nennen und
ihr Gebiet anzudeuten. Dasjenige Skarbina's ist zwar
nicht engbegrenzt, am typischsten ist er jedoch, wenn
er uns in das Weichbild Berlins führt, wie dies Jahr
mit seinen geistreichen Impressionen. Liebermann, über
dessen Bedeutung heute nicht mehr zu reden ist, bringt
einen Fischer „in den Dünen", der schon einmal im
Marsfeld-Salon war. Kuehl ist seiner Heimat treu ge-
blieben und schildert uns die Lübecker Interieurs mit
all der Feinheit, die man von ihm gewohnt ist. Georgi
hat ein prächtig gemaltes Stück Natur da, drei junge
Damen im grünen durchscheinenden Licht einer Lauben-
ecke, ein Thema, das zwar oft variirt worden ist, so
individuell gesehen jedoch stets neue Reize offenbart.
Auch Landenberger bringt virtuos behandelte Freilicht-
probleme. Von dem so früh verstorbenen Heinz Heim
sind zwei letzte Arbeiten hinzugekommen; so gut sie
sind, hätten sie ihn doch nie entfernt auf den Rang
erhoben, den seine Zeichnungen ihm anwiesen. Jauss
ist diesmal ein Dunkelmaler, dessen düstere Frauenge-
stalt „die Sorge" genannt ist; Hormann und Kurowski
bringen feinsinnig getönte Naturstudien in einer gewissen
symbolistischen Färbung. Auch M. Lautenschlager hat
ein stimmungsvolles Figurenbild da, das malerisch für sie
einen grossen Fortschritt bedeutet. Pötxelberger, der
Poet, bringt diesmal reines Freilicht, flimmernde Sonne;
König ein delikat behandeltes Stück Dorfidylle; Gussow
strebt einen Verjüngnngsprozess an, der von einer Ehr-
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