Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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finden. Mögen die zahllosen Pastellisten von heute,
insbesondere die Naturalisten unter ihnen, die sonst gern
Menzel bei jeder Gelegenheit auf den Schild heben, recht
viel aus diesen Pastellmalereien eines Meisters lernen,
von dem auch sonst noch außerordentlich viel für sie zu
lernen ist! ADOLF ROSENBERG.

DIE INTERNATIONALE GRAPHISCHE
AUSSTELLUNG IM KÜNSTLERHAUSE ZU
WIEN.

VON WILHELM S CIL ÖL ERMA NN.
f.

..Des Löwen Erwachen" möchte man ausrufen beim
Eintritt in das Wiener Künstlerhaus. — Wien, das seit
dem meteorhaften Aufleuchten und Vorüberziehen eines
farbenberauschten Genies ein absterbender Ast in der
bildenden Kunst war, von dessen Zweigen — außer der
allzeit formschönen Plastik — allenfalls die freilich in
ihrer Bedeutung für Leben und Erziehung keineswegs
zu unterschätzende Dekorationsmalerei dauernde Befruch-
tung erhielt, Wien, das dem lustigen Krieg, der auf
der ganzen Front von Paris über München nach Berlin
und sogar Düsseldorf heftig entbrannt war, in stiller
Zurückhaltung zuschaute, Wien beginnt sich auf sich
selbst zu besinnen.

Und das mit Recht! Es hat lange genug gefeiert.
Denn was in letzter Zeit auf großen Ausstellungen —
wie im Vorjahre in Antwerpen — an tüchtiger öster-
reichischer Kunst zu sehen war, stammte teils noch
von guten lieben Toten, wie Emil Jakob Schindler,
Leopold Karl Müller oder Meister Pettenhofen, teils aus
allen Gauen der österreichischen Monarchie, aber zum
geringsten Teile aus Wien. Und nun?

Drei moderne Ausstellungen auf einmal: die gra-
phische, die des genialen Plein-Airisten Hörmann, den
man bei Lebzeiten totgeschwiegen hat, und die der
Werke Raffaelli's aus Paris! Man kann nicht leugnen,
dass der dreifache Einsatz krallig und erfreulich genug
ist. ..Better late, than never."

Es wird nur billig und gerecht erscheinen, auf einer
graphischen Ausstellung in Wien der einheimischen
Kunst den Vortritt zu lassen. Sie ist numerisch nicht
iiberstark, aber was sie, namentlich an reproduktiver
Arbeit und im Holzschnitt, durch die Gesellschaft für
vervielfältigende Kunst und die Xylographen leistet, steht
auf einer durchweg soliden Höhe. Namen wie Wilhelm
Hecht, J. Sonnenleiter und William Unger's Weltruf
bürgen dafür. Letzterer beherrscht die Technik mit
einer Souveränität, die ihn mit gleicher Sicherheit einem
Rubens (in dem prachtvollen lldefonsoblatt) wie einem
Uhde oder E. J. Schindler, Friedrich August von Kaul-
bach oder Makart gerecht werden lässt. Was in des
Letzteren „Sieg des Lichtes über die Finsternis" ohne
Farbe sich nur durch die Nachempfindung der über-

schäumenden Sinnlichkeit der Zeichnung und der Ab-
tönung erreichen lässt, das hat Prof. Unger erreicht.
Freilich ist hier die Grenze scharf gezogen.

Nicht so ehrgeizig und kräftig, aber tüchtig, sauber
und gefällig bieten sich die Reproduktionen Wörnle's dar
nach Schwaiger, Robert Haug (ein sehr schönes Blatt
„Freiwillige Jäger") Gotthard Kuehl, A. Holmberg- und
den dekorativen Stücken von Gustav Klimt und Fr.
Matsch (mittelalterliche Mysterienbühne), diese letzteren
auf Seide gedruckt: ein sehr dankbares Verfahren. Mit
Blättern nach Dürer's Allerheiligenbild, Raffael's Disputa,

| Lion. da Vinci's Abendmahl, den Hanfspinnerinnen Lieber-
mann's und dein: Lasset die Kindlein zu mir kommen, von
Uhde, sowie einigen Porträts und Jul. Benczür's: Taufe
des hl. Stephan feiert die Gesellschaft für vervielfältigende
Kunst ein würdiges fünfundzwanzigjähriges Jubiläum.
Im Holzschnitt kommt Gustav Morelli (Budapest) an
minutiösester Durchbildung und breitester Anlage mit
seinen zahlreichen Schülern ziemlich an die Spitze des
Erreichbaren.

Kleiner, bedeutend kleiner ist die Liste der Original-
radirer. Außer Theodor Alphons' feinen kolorirten Land-
schaften sind gute Arbeiten von E. Orlik (Prag), E.
Jettel (Paris) und Walter Ziegler, sowie die bekannten
Porträts von Ludwig Michalek (Brahmsbild) zu nennen
und eine Reihe von Arbeiten von Hermine Laukota (Prag),
die sich allerhand technische Variationen und Kombina-
tionen gestattet, Avelche im Katalog, zum besseren
Verständnis vermutlich, angegeben sind. Interessiren
derlei technische Angaben in erster Linie allerdings
niemanden anders als Künstler und Radirer selber, so ist
doch nicht zu leugnen, dass die Blätter, teils geätzt,
teils mit der kalten Nadel durcheinander gearbeitet, wie
„Alter Mann" und „Aufleuchten" (ein Mädchenkopf mit
Blütenhintergrund) ernstgewollte und von Begabung
zeugende Arbeiten sind.

Die deutsche Abteilung ist durchaus repräsentativ
und stark. Bevor mir von dem Zustandekommen dieser
Wiener Ausstellung etwas bekannt war, hatte ich, durch

| die interessante Schwarz-Weiß-Abteilung in der dies-
jährigen Glaspalast-Ausstellung in München lebhaft an-
geregt, in einem Berieht an die „Hamburger Nach-
richten1' den Gedanken an einen Vergleich und Wett-
streit unserer einheimischen Radirer mit dem Auslande
dahin ausgesprochen, dass wir, unter selbstverständlicher
Hinzuziehung Klinger's und Stauffer-Bern's, den Kampf
wohl aufnehmen könnten. Man hat das beides in Wien
in glücklichste.)' und erschöpfendster Weise gethan;

I Klinger ist so vollzählig wie möglich, der uns leider so
jäh entrissene Stauffer mit seinen allerfeinsten Blättern
repräsentirt. Um etwas länger bei Klinger zu ver-
weilen, seien zuerst die bekannten Porträts und Natur-

j Studien des Schweizers kurz erwähnt, wie die von Menzel,

I Gustav Freytag, Gottfried Keller, die drei weiblichen
Bildnisse (darunter die Mutter des Künstlers, ein her-
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