Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die internationale Kunstausstellung in Berlin. IT.

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teristischen Auffassung darzustellen verstellt. Unter den
übrigen deutschen Bildnissen erwähnen wir nur noch
das .Doppelbildnis des Frankfurter Malers Wilhelm Stein-
hausen und seiner Frau, weil es, wenn auch in tech-
nischer Beziehung- keineswegs hervorragend, durch seine
Innigkeit und anspruchslose Schlichtheit weit mehr an-
zieht, als die zum Teil brillant gemalten Paradestücke
so mancher heutzutage berühmt gewordenen Modegrößen.
Zu diesen wird niemand den in Loschwitz bei Dresden
lebenden und namentlich als Illustrator ausgezeichneten
Maler Hermann Vogel aus Plauen i. V. zählen wollen,
dessen hauptsächlichste Arbeiten aus dem letzten Jahr-
zehnt in einer SammeLnisstellung des Sächsischen Kunst-
vereins unlängst dem Publikum vorgeführt wurden. Dazu
hält sich Vogel viel zu fern von allem, was man als
Modeströmung bezeichnen kann, und doch ist er als
einer der berufensten Fortsetzer Ludwig Richter''s zu be-
grüßen und sogar höher zu stellen als Fletsch oder
Mohn, weil er vielseitiger und selbständiger als diese
ist. Seine besten Leistungen hat er im Auftrage der
Münchener Verlagsfirma Braun & Schneider vollbracht,
für die er nicht nur eine lange Beihe von Zeichnungen
für die „Fliegenden Blätter" lieferte, sondern auch die
Illustrationen zu einer Prachtausgabe von Grimmas
Kinder- und Hausmärchen entwarf. Sie stellen bisher
den Höhepunkt seiner Kunst dar und verbinden eine
seltene Innigkeit und Tiefe des Gemütes mit einem ge-
sunden Humor, Eigenschaften, die namentlich in seinen
romantischen Schilderungen der Poesie des deutschen
Waldes und in seiner Vorliebe für Scenen aus dem Leben
und Treiben der Tiere hervortreten. Gleichzeitig mit
der For/e^-Ausstellung wurden im Sächsichen Kunstverein
eine Anzahl Bilder von Mitgliedern der Gesellschaft
deutscher Aquarellisten aufgehangen. Aber die Erwar-
tungen, die man auf dieses Unternehmen setzen konnte,
blieben unerfüllt, da sich in diesen Aquarellen keinerlei
Fortschritt in dem Schaffen ihrer Urheber zeigte, wenn
man auch zugeben musste, dass die Mitglieder dieser
Vereinigung sämtlich nach der Seite der Technik hin
Meister der modernen Aquarelle sind. Dies gilt außer
von Skarbina, Hans Herrmann und Hans von Bartels
namentlich von Ludwig Dettmann, dessen „rote Wolken"
ein äußerst wirksames Dekorationsstück darstellten.

Als solches, aber nicht als ein Werk von dauern-
der Monumentalwirkung möchten wir auch den vor
kurzem enthüllten Wettin-Obelisken bezeichnen, der die
Erinnerung an die festlichen Tage des Wettin-Jubiläums
im Juni 1889 festhalten soll. Es ist eine Wiederholung
der beiden Obelisken, die sich in dem genannten Jahre
als Schmuckstücke auf dem Platz vor dem kgl. Schlosse
erhoben, aber insofern verändert, als die beiden von
Johannes Schilling modellirten Kolossalfiguren der Ver-
gangenheit und Gegenwart nicht vor zwei Obelisken wie
damals, sondern an der Vorder- und Eückseite eines
einzigen Obelisken Platz gefunden haben. Man wird

diese beiden weiblichen Gestalten unbedingt für die besten
Leistungen Schüling's aus neuerer Zeit erklären dürfen,
da sie Leben und Bewegung besitzen und sich, ohne ge-
rade realistisch zu sein, doch im Allgemeinen fern halten
von der faden Linienschönheit hergebrachter Allegorieen;
man wird auch in der Wahl des Aufstellungsplatzes in
dem Dreieck vor dem Palais am Taschenberg den
kundigen Blick des erfahrenen Architekten bereitwillig
anerkennen, aber man wird immer wieder beim Beschauen
dieses Obelisken die Frage aufwerfen, ob es gut gethan
war, den steifen Trophäen- und Waffenschmuck zwischen
dem granitenen Sockel und dem eigentlichen Obelisken,
der bei einer vorübergehenden Dekoration unangefochten
bleiben mochte, für die Dauer beizubehalten und auf
diese Weise immer wieder daran zu erinnern, dass das
Denkmal ursprünglich nur für einen vorübergehenden
Zweck bestimmt war. Unseres Erachtens hätte diese
Wiederholung unterbleiben müssen oder wäre durch einen
freieren und originelleren Einfall zu ersetzen gewesen.
Immerhin wird auch so, wie das Denkmal sich heute
darstellt, der Name seiner Urheber, der Architekten
Schilling und Oräbner, von denen schon der erste Ent-
wurf herrührte, mit Auszeichnung genannt werden dürfen,
da sie durch den Wettin-Obelisken den Beweis geliefert
haben, dass sie nicht nur auf ihrem speciellen Gebiet
der Baukunst zu den hoffnungsvollsten jüngeren Dresdener
Künstlern zählen, sondern auch dekorativen Aufgaben
gewachsen sind. H. A. LIEB.

DIE INTERNATIONALE
KUNST-AUSSTELLUNG IN BERLIN.
IL

Seit dem Erscheinen unseres ersten Berichtes hat
der Ehrensaal, gegen den sich unsere Kritik richten
musste, eine wesentlich vorteilhaftere Physiognomie durch
Einreihung eines genial erdachten, von hohem poetischen
Schwünge getragenen Monumentalgemäldes von Otto
Knille erhalten, das den Dreibund als „Friedensbund"
verherrlicht. Es ist keine trockene Allegorie, kein ge-
malter Leitartikel voll politischer Spitzen, auch keine
Vereinsrede voll geschwollener Phrasen, die von wohl-
feilem Patriotismus trieft. Von einer so edlen Künstler-
natur wie Otto Knille ist dergleichen nicht zu be-
fürchten. Es war ihm offenbar Herzensbedürfnis, mit
voller Überzeugung und mit dem vollen Aufgebot seiner
nicht geringen künstlerischen Kraft sein Glaubens-
bekenntnis dahin abzulegen, dass. die drei verbündeten
Mächte uns allein die Gewähr bieten, dass sie dem An-
sturm der finsteren dämonischen Gewalten, die an den
Grundvosten aller Ordnung und Gesittung rütteln, mit
ruhiger Kraft begegnen werden. Auf hoch ragendem
Felsen thronen die drei vornehmen, stolzen Frauen-
gestalten, die weniger durch Attribute, als durch Haltung,
Bewegung und den Bassentypus, den jede vertritt, charakte-
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