Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau. — Personalnachrichten. — Wettbewerbungen.

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Alte Bekannte tauchen hier auf. Jenen Kopf Kaiser
Karl's des Großen von Bethel habe ich vor zwanzig
Jahren irgendwo gesehen. Ich erinnere mich noch der
schlichten, breiten weißen Lichter auf dem graublauen
Papier, welche den Schleier über dem Gesichte dar-
stellen. Das ist unvergessliche Kunst, ob man gleich
lange Zeit ihrer wenig gedacht. Da ist das grau-
sige Blatt mit der Pest in dem Tanzsaale: „Der
Tod als Würger". Wer kennt nicht den Holzschnitt
nach diesem kostbaren Werk? Hier hat man die eigenste
Darstellungsart Rethel's! "Wie viel unmittelbarer, ein-
facher hat der über das Blatt unruhig hinfahrende Stift
den Vorgang festgehalten, als es die klare, handwerklich
tüchtige Art des Linienholzschnittes vermochte.

Noch ein paar Worte über die Größten der Zeit,
wenigstens über die Gefeiertsten: Schnorr, Führich,
Overbeck, Steinle. Seidlitz wählte fast nur Jugendwerke
von ihnen, Werke aus einer Zeit, in der sie noch unbe-
holfen waren. Später hatte ihnen erlernte fremde Kunst
der Hilfen nur zu viele geboten! Werke aus einem Geist,
der noch nicht nach der verräterischen Schönheit suchte,
sondern in dem die eigene Darstellung, die Verwirk-
lichung seiner selbst, des Besten, was im eigenen Herzen
und Hirn steckte, die jungen Künstler noch bewegte.

Und da erscheinen denn auch Vergessene groß:
die beiden Olivier, Fellner, Fohr suchte Seidlitz aus solchen
hervor. Er hätte gewiss ihrer noch mehr bringen können,
die aus ihrer Zeit früher für alle Zeiten Wertvolles
schufen, weil sie sich selbst gerecht blieben. Auch Kaul-
bach ist da mit seinem Anfang, dem „Narrenhaus" und
seinem allzufrühen Ende, der „HunnenSchlacht". Da
geht ein ernst beanlagter Mann im Können unter; die
Komposition erschlägt den Mann; die Pauken des Or-
chesters verschlingen die menschliche Stimme.

Burckhardt sagt, am Dom zu Mailand könne man
den lehrreichen Versuch machen, einen künstlerischen
von einem phantastischen Eindruck unterscheiden zu lernen.
Am Vergleich zwischen den Blättern der Seidlitz'schen
Sammlung und den berühmten Hauptwerken der Maler
der klassischen Eomantik kann man den Unterschied
zwischen persönlicher und schönheitlicher Kunst machen
lernen, oder den zwischen Idealität und Idealismus,
in dem Sinne, wie Paul de Lagarde diese Begriffe
fasst: nämlich das eine als Ausstecken neuer Ziele, das
andere als Nachstreben nach alten Zielen. Vielen
„Kennern" war' es sehr gut, wenn sie sich recht gründ-
lich ans Vergleichen machen wollten!

CORNELIUS O UULITT.

BÜCHERSCHAU.

Ii'Art franpais en Allemagne. Rapport sur une mission,
adresse a M. Henry Roujon, Directeur des Beaux-Arts, par
Antony Valabregue. Paris, E. Leroux. 1895. 47 pp. 8". -
* Der deutsche Leser wird aus diesem Schriftchen (das

ein Sonderabdruck aus dem „Bulletin des Musees" ist) wenig

Neues lernen, höchstens aus der bequemen Obersicht des Be-
kannten einigen Nutzen ziehen. Der Verf. erhielt von seinem
Chef den Auftrag, die Werke der französischen Meister des
16. bis 18. Jahrhunderts in den deutschen Galerieen, Privat-
sammlungen und Schlössern aufzusuchen, und darüber Be-
richt zu erstatten. Er beginnt mit München und den übrigen
bayerischen Kunststädten, geht dann zu den Dresdener Kunst-
j schätzen französischen Ursprungs über und reiht hieran die
eingehende Betrachtung der in Preußen vorhandenen Werke,
namentlich der von Friedrich dem Großen gesammelten
Bilder französischer Meister in Herlin und Potsdam, vornehm-
lich der von Watteau und Lancret. Eine kurze Revue der
Sammlungen von Schwerin, Kassel, Frankfurt, Köln und
Karlsruhe bildet den Schluss.

* Dr. Th. v. Frimmel hat die Kataloglitteratur wieder
mit einem neuen, sorgfältig gearbeiteten Beitrage bereichert.
Es ist das vor kurzem erschienene „Verzeichnis der Gemälde
im Besitze der Frau Baronin Auguste Stummer von Thvornok
in Wien'1, der früheren Galerie Winter, die zu den reichsten
Privatsammlungen der Kaiserstadt aus der ersten Hälfte des
Jahrhunderts zählte. Frau Baronin Stummer, eine Tochter
des 1862 verstorbenen Josef Winter, des Gründers der Galerie,
besitzt in derselben eine der wenigen Sammlungen, die sich
aus der angegebenen Kpoche unberührt bis heute erhalten
haben. Die Galerie ist namentlich reich an trefflichen alten
Niederländern und umfasst außerdem eine Auswahl von
Bildern der älteren Wiener Schule des neunzehnten Jahr-
hunderts. Frimmel giebt alles zu den Bildern Wissenswerte
mit der bei ihm bekannten Akribie in kürzester Fassung an.

PERSONALNACHRICHTEN.

*„* John Everett Millais ist an Stelle des verstorbenen
Lord Leighton zum Präsidenten der kgl. Kunstakademie in
London gewählt worden.

WETTBEWERBUNGEN.

Berlin. — Kaiserpreis. S. M. der Kaiser hat, wie schon ge-
meldet worden, für den nächsten Wettbewerb um den zur För-
derung des Studiums der klassischen Kunst unter den Künstlern
Deutschlands gestifteten Jahrespreis dieselbe Aufgabe wie im
vorigen Jahre bestimmt, nämlich die Ergänzung eines Abgusses
der antiken Marmorstatue einer tanzenden Mänade in den Kgl.
Museen zu Berlin. Der Preis ist auf 3000 M. erhöht. Für
den Wettbewerb sind nachfolgende Bestimmungen getroffen :
1. Alle dem Deutschen Reiche angehörigen Künstler sind
berechtigt, an der Bewerbung teilzunehmen. 2. An einem
Abguss der tanzenden Mänade, welche im Erdgeschoss des
hiesigen Alten Museums unter Nummer 208 aufgestellt ist,
soll eine vollständige Ergänzung aller verloren gegangenen
antiken Teile hergestellt werden. Von der ergänzten Figur
ist ein Abguss bis zum 31. Dezember d. J. nachmittags
pünktlich 3 Uhr an die Generalverwaltung der Königlichen
Museen in Berlin unter Angabe des Namens und Wohnorts
des Künstlers kostenfrei einzuliefern. Für auswärts wohnende
Künstler genügt der Nachweis, dass sie bis zum 31. Dezember
das Werk behufs Beförderung an die genannte Behörde als
Eilfrachtgut der Eisenbahn übergeben haben. 3. An jeden
deutschen Künstler, welcher sich bis zum 30. April d. J. als
Teilnehmer an dem Wettbewerb bei der Generalverwaltung
der Königlichen Museen in Berlin meldet, wird ein Abguss
der Statue in ihrem jetzigen teilweise ergänzten Zustande
gegen Zahlung des Vorzugspreises von 30 M. geliefert. Später
tritt der gewöhnliche Verkaufspreis (90 M.) ein. Die bereits
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