Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN
Heugasse 58.

BERLIN SW.

Wartenburgstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VII. Jahrgang.

1895/96.

Nr. 7. 28. November.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, a 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
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abnahme alten firnisses von öl-
gemälden mittelst regenerirens
und wasser.

VON PROF. BÜTTNER-PF ANN ER ZU THAL.

Dass ein Ölbild ohne Firniss nicht lange exi-
stiren kann, ist eine alte Thatsache; leider wird nun
aber der Firniss im Laufe der Zeit undurchsichtig,
schmutzig, rissig, und zieht sogar oft die Farbschicht
in Mitleidenschaft, so dass ein Abnehmen unver-
meidlich wird. Dies sei, sagt Pettenkofer,') nach
der Meinung aller Restauratoren eine gefährliche
Operation, und er fährt fort: „Um ein Bild nicht
zu verputzen, gehören sehr erfahrene geweihte Hände
dazu. Ich fragte einst drei renommirte Restauratoren,
jeden einzeln, welches zuverlässige objektive Kenn-
zeichen sie hätten, wenn sie Firniss abnähmen, wo
dieser aufhöre, und wo die Farbe oder das Gemälde
anfange. Alle sagten mir, dass es, um diese Grenze
richtig zu finden und einzuhalten, keinen exakten
Maßstab gäbe, bei jedem Gemälde sei es wieder
etwas anderes; was hier entscheiden müsse, sei ein
auf viele Erfahrung gegründeter praktischer Blick,
der wieder wesentlich Gefühlssache sei. Jeder ein-
zelne versicherte mir, er besitze die nötige Erfahrung
und das richtige Gefühl, aber die anderen hätten
leider schon viele Gemälde zu Grunde gerichtet, weil
sie diese Eigenschaft nicht im nötigen Grade besäßen."

Dem gegenüber möchte ich behaupten, ein Mittel
gefunden zu haben, das es nicht mehr Gefühlssache

sein lässt, sondern in einem einfachen physischen
Prozess gipfelt: im Krepirenlassen des Firnisses.

Es ist merkwürdig, dass gerade unser großer
Bahnbrecher auf dem Gebiete der Bilderhygiene nicht
auf das Mittel verfallen ist, da doch auf seinem
Regenerirverfahren der Hauptprozess beruht. Und
es ist doch eine so unschädliche Weise, den Firniss
zu entfernen, dass auch hier seine Worte gelten
können, die weingeisthaltige Luft sei das allergelin-
deste Mittel auch hierfür. Ich möchte das Mittel ein
physisches nennen im Gegensatz zu den mechanischen,
welche bisher bestanden, und die leider noch zu oft
von so und so viel Restauratoren in ganz unverant-
wortlicher Weise angewandt werden, weil sie zu
träge sind, auf der von Pettenkofer angegebenen
Bahn weiter zu schreiten, oder überhaupt sich in
seine Methode zu vertiefen. Wer mit Galerien, be-
sonders der Kleinstaaten oder Städte, Fühlung hat,
wird bald die Ignoranz und Obscuranz der soge-
nannten Restauratoren kennen lernen. Es sind meist
Maler und zwar solche, die es kaum weiter als bis
zum Kopiren gebracht haben und die, um ihr Da-
sein zu fristen, nebenbei restauriren. Ihre Methoden,
wenn überhaupt von solchen die Rede sein kann,
sind meist höchst sonderbar und beruhen im günstig-
sten Falle auf des alten Lucanus Wissenschaft.1)
Ihre Mittel sind Putzwässer nach schärfster Art, und
wenn dies nicht hilft, wird der Lack und die dicke
ülschicht, die meist der unsinnigen Idee, das Bild

1) Über Ölfarbe und Konservirung der Gemäldegalerien.
2. Aufl. Braunschweig 1872. S. 13.

1) Vollständige Anleitung zur Erhaltung, Reinigung und
Wiederherstellung der Gemälde etc. Halberstadt, Helm's
Verlag.
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