Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

Page: 65
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1896/0039
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. a. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heagasse 58. Wartenburgstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG-, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Nene Folge. VII. Jahrgang.

1895/96.

Nr. 5. 7. November.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine (lewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

Das zweite Heft der Zeitschrift für bildende Kunst erscheint am 15. November.

die

neu geordneten niederlander

in der wiener galerie.

Ein phantasiebegabter Mensch blickt gern in die
Zukunft und erfreut sich daran, Luftschlösser zu bauen.
Ein solcher steht auf dem Maria-Theresienplatze zwischen
den beiden gegenwärtigen Hofmuseen in Wien. Er blickt
in der Richtung gegen die Hofstallungen und wird mitten
davor ein künftiges drittes Museum im Geiste gewahr,
einen eleganten hoch aufragenden Kuppelbau, im all-
gemeinen dem Stil der älteren Museen angepasst, aber
ohne gewisse augenfällige Geschmacklosigkeiten jener.
Es ist ein herrlicher neuer Kunsttempel, der dem Platze
einen geradewegs entzückenden Abschluss gegen Süden
giebt. Man tritt ein und steigt rechts zu den modernen
österreichischen Malern hinauf, oder links zu den aus-
ländischen Gemälden des 19. und 20. Jahrhunderts. Ich
gäbe was darum, wenn ich Gelegenheit und Fertigkeit
hätte, das neue Phantasiemuseum in Rissen und An-
sichten festzuhalten, einen Bau, der ja über kurz oder
lang durch die Überfüllung der älteren Museen that-
sächlich notwendig sein wird. Freilich, wir, die jetzt
über den Platz hinschreiten, erleben das nicht mehr, und
so thun wir besser daran, uns an den zahlreichen Schön-
heiten zu erfreuen, die schon jetzt vorhanden sind.
Gerade jetzt sind ja die meisten Kunstschätze der Hof-
sammlungen, namentlich der Galerie, die uns hier vor-
nehmlich angeht, ziemlich unverkümmert zu sehen, was
bisher, wie man weiß, durchaus nicht immer der Fall
war. Am 18. August 1895 ist die Abteilung der Nieder-
länder nach einer viele Monate währenden Unterbrechung
des Zutrittes und die Abteilung der Deutschen nach
kürzerer Sperrung wieder eröffnet worden. Was vorher
war, die Aufstellung im Belvedereschloss, das zeitweise
Verstecktsein des ganzen Bilderbesitzes, die missglückte

Anordnung der Galerie bei der Eröffnung des Museums,
die anfängliche Lobhudelei dieser Anordnung gegenüber,
die Notwendigkeit aber, dennoch die ganze Galerie um-
zugestalten, alles dessen erinnern sich zweifellos die
Leser der Zeitschrift noch so lebhaft, dass wir uns als-
bald mit dem verbesserten Zustande beschäftigen können,
wie er uns gegenwärtig in der kaiserlichen Galerie ent-
gegentritt. Die Italiener sind schon im vorigen und vor-
verflossenen Jahre neu geordnet worden. Ein neuer
Führer vermittelte alsbald das Zurechtfinden in dem
Gewirre von Nummern, die nunmehr an jedem Bilde
hafteten, und gab in knapper Form einige Reebenschaft
über neue Benennungen. Als entschiedenen Fortschritt
musste man dies begrüßen, auch wenn der Überreichtum
an Nummern missfiel.

Im Laufe des Novembers 1894 begann man dann
die Sperrung der ersten zwei Säle für die Niedetrländt r.
denen bald die anderen Säle folgten. Dies war zweifel-
los etwas verfrüht; denn noch im Juni 1895 hörte man,
dass die Rahmen für die Bilder des Rubens, ohne die
man doch die niederländische Abteilung unter keinen
Umständen hätte eröffnen können, nicht fertig waren.
Es wäre also wohl im Juni 1895 auch noch Zeit gewesen,
die gesamte Abteilung für's Publikum zu schließen, erst
dann, als schon die Vollendung der Rahmen unmittelbar
bevorstand. Bei einiger Fixigkeit hätte dann die Neu-
ordnung noch immer bis zum 18. August fertig werden
können. Nun freut es uns aber, dass überhaupt die ge-
nannten Abteilungen wieder aufgestellt sind und zwar
mit leidlich gutem Erfolg. An die Stelle des verworrenen
Durcheinander der Engerth'schen Aufstellung von 1892
ist jetzt in den meisten Fällen eine Einteilung getreten,
welche auf die Geschichte der Malerei Rücksicht nimmt
und dabei doch die Gesetze der Symmetrie und eines
guten Geschmackes befolgt. Nicht in allen Fällen ist
loading ...