Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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das Publikum. Ohne dieses würde die Ausstellung mehr
Genuss gewähren, denn so oft man sich vornimmt, der
Leute Gebahren zu ignoriren oder sich darüber hinweg-
zusetzen, so oft auch wird einem die Durchführung
dieses Entschlusses unmöglich gemacht. Denn es ist
wirklich schwer, sich in Kunstwerke zu versenken, wenn
neben einem Familie Buchholz von Bild zu Bild zieht
und vor einem jeden ungenirt laute Lachsalven loslässt.
Konnten da nicht die Ausstellungsdiener zur Zurecht-
weisung solcher Leute angewiesen werden, so gut wie
unanständiges Gebahren im Theater und Konzertsaal
nicht geduldet Wird?

Doch ich sprach von Bildern. Der echteste aller
Fabulisten ist und bleibt vor der Hand doch noch immer
unser großer Böcklin. Wenn Rosetti und Watts für
England charakteristisch sind, so ist er es für die
deutsche Kunst. Da er längst unter die Klassiker ein-
gereiht worden, ist es überflüssig, noch einmal eine
Charakteristik von ihm zu versuchen. Auf unserer Aus-
stellung findet man einiges neue und ältere, bekanntes und
unbekanntes. Da ist vor allem seine „Venus Genetrix"
vom Jahre 1895. Wie gar viele Werke des Meisters,
ist es eines der Bilder, die zuerst eine gelinde Ver-
wunderung aufkommen lassen, dann aber von Tag zu
Tag mehr entzücken. Venus Genetrix! Feierlicher Jubel
und Musik! Die Cymbel klingt, und dem Boden ent-
strömen heiße, befruchtende Dämpfe, in denen die Göttin
erscheint. Ein Bauschen und Klingen geht von ihr
aus. das den Saal erfüllt, ihre Nacktheit leuchtet herr-
lich, und bezwingenden Liebreiz strahlt ihre sieghafte
Schönheit. Ein voller, schwellender Akkord im Mittel-
bilde, der ausklingt in den beiden Flügeln. Welch' ein
Frühlingszauber auf dem linken, welch' mittägliches
Glück auf dem rechten! — Wie wundervoll ist sein
„Odysseus und Kalypso"! Die Sehnsucht könnte das Bild
heißen, Sehnsucht atmet hier alles, Sehnen; Sehnen die
ragende Figur des Vielerfahrenen, dessen abgewandter
Blick über das unendliche Meer streift, Sehnen die Augen
der liebenden Nymphe. Ein ganzes Kunstwerk neueren
Dalums ist auch die „Frühlingshymne", ein Farbengedicht
auf Lenzjubel und Maienlust: ein Hain, wie Böcklin ihn
uns zuerst gezeigt, und drei Frühlingsgestalten; herr-
liches Fleisch, das festlich leuchtet, eines Wassers klarer
Spiegel, zitternd im Frühlingshauche, kleine Amoretten,
die als bunte Falter die Luft durchgaukeln. Das ist
es ja — wie bunte Falter erscheinen sie uns, und nicht
wie dreijährige Kinderakte, die Bynais malt. Hier ver-
gisst man, an den Kinderakt zu denken, sondern meint,
dass diese Luft ihre geflügelten Scharen so notwendig
hat, wie ihre weißen Wolken und die Flur die bunten
Blumen. — Wie köstlich ist der pfeifende Faun, wie
heroisch die „von Piraten Überfallene Burg"! Allein
das Stück Himmel unter dem Brückenbogen ist ein voll-
endetes Kunstwerk: ein Meer von Poesie liegt auf diesem
kleinen Fleck, vor dem man Tage verträumen und stets i

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in diese unendlichen Wolkenfernen, die sich da auftürmen
und weiterziehen, schauen könnte.

Es war nicht klug gehandelt von den Leuten, die
diesen Heros antasteten. sCJ/I'/.tz/-:-.\a UMBl in;.

BÜCHERSCHAU.

Meisterholzschnitte aus vier Jahrhunderten. Her-
ausgegeben von Oeory Birth und Richard Muther. Mün-
chen u. Leipzig, G. Hirth's Kunstverbig. 1893. 4.

Mit der zehnten Lieferung und der zweihundertsten
Tafel, welche den schönen Holzschnitt von Jungtow nach
Rethel „Der Tod als Freund" reproduzirt, ist kürzlich diese
gehaltvolle Sammlung zum Abschluss gekommen, welche
kein ernster Kunstfreund, besonders aber kein Liebhaber
und Sammler auf dem Gebiete der graphischen Künste sich
entgehen lassen darf. Die Publikation beschäftigt sich aus-
schließlich mit der Wiedergabe solcher Holzschnitte, welche
die Zeichnungen auf dem Stock in Faksimile reproduziren,
also vorwiegend mit einfachen Umrissschnitten, wie diese ja
in den früheren Jahrhunderten die bei weitem überwiegende
Mehrzahl der xylographischen Arbeiten bildeten. Freie Über-
setzungen malerischer Art im modernen Stil blieben aus dem
Rahmen des Werkes ausgeschlossen. Die Holzschnitte er-
scheinen in demselben mittels Zinkätzung wiedergegeben.
Diese genügt für den gedachten Zweck in nahezu vollendeter
Weise. Ein Abschwächen des altertümlichen, derben Stils
— wie das beim xylographiscben Kopiren unvermeidlich er-
scheint — ist bei der photomechanischen Vervielfältigung
ausgeschlossen. Nur den zartesten Produkten eines Holbein
und Dürer gegenüber versagt das Verfahren bisweilen den
Dienst. Vor diesen, wie vor allem Höchsten, lässt aber auch
der geschickteste Nachahmer die Waffen sinken. Die Samm-
lung vimfasst den ganzen Vorlauf der Geschiebte des Holz-
schnittes von den Anfängen im 14. bis zu der Neugestaltung
im 19. Jahrhundert. Kein irgendwie hervorragender Meister
ist übergangen. Zahlreiche Seltenheiten und Unica bringen
selbst den an großen Kunstmittelpunkten wohnenden Kunst-
freunden Überraschendes und Neues. Vor allem aber wird
der Lernende den Herausgebern dankbar sein für die be-
queme Führung durch ein früher schwer zugängliches Wis-
sensgebiet. _ c. v. L.

Georg Hirth, Aufgaben ihr Runstphysiologie. München
und Leipzig, Hirth. 2 Bde. 8. 1891.

Das zweibändige Werk enthält eine solche Fülle feiner
Naturbeobaehtung und geistreicher Gedanken über Dinge
und Erscheinungen, welche in den Bereich der Kunstphysio-
logie, also auch der Kunsterziehung gehören, und der Ver-
fasser hat in so hohem Grade zugleich die Gabe klarer und
bestimmter Darstellungsweise, dass dieses Buch mit Freude
zu begrüßen ist, als ein ganz bedeutender Fortschritt in der
Behandlung und Beantwortung derartiger Fragen, die dem
Künstler und Kunstfreund oft lebhaft entgegentreten und
deren glückliche Lösung auf Grund scharfer Naturbeobach-
tung und wissenschaftlicher Experimente der bildenden
Kunst nur förderlich sein kann. Der Verfasser führt, wie
er im Vorworte verspricht, wirklich den Beweis, dass die
Ausübung der Kunst sowie der Kunstkennerschaft auf einer
psychophysischen Organisation beruht, welche, einmal er-
worben, eine bleibende ist und jeder Neuerwerbung wieder
dir Gepräge aufdrückt, auch dass das äußere Auge doch
nur der Vermittler ist und dass Aufklärungen über das Wesen
des Kunstverstandes nicht ohne Gehirnphysiologie zu er-

Büchcrschau.
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