Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Münchener Jahresausstellung im Glaspalast. II.

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wird, zeigen. Auch die "beiden Arheiten von Schmersheim,,
„galerie d'amateur d'art" und „cahinet de travail", wirken
mehr überraschend als erfreulich. Sehr schön dagegen
baut sich auf einfach klarem Plane ein „maison de cam-
pagne" von Garas auf. —

Überraschend Neues bietet, wie wir sehen, auch
diese Ausstellung nicht; aber sie zeigt ein Wertvolleres:
gesunde, gleichmäßige Entwickelung, rüstiges Vorwärts-
schreiten auf gutem Wege, der zur Höhe führt. Ein
Zeichen der Gesundheit ist es auch, dass der After-
Idealismus, der in mysticistischen und symbolistischen
Träumereien krankhafter Phantasten sein Unwesen treibt,
hier keinerlei Boden zu gewinnen vermag. Wohl sehen
wir den Widerstand gegen den Naturalismus, den künst-
lerischen Ausdruck materialistischer Weltanschauung
immer kräftiger werden; war es doch vorauszusehen,
dass dieser auf die Dauer nicht würde befriedigen können.
Aber wir sehen diese Bestrebungen erfreulicher Weise
sich regen in dem Sinne jener unvergleichlichen Worte
unseres herrlichen Meisters Dürer: „Wahrhaftig steckt
die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen,
der hat sie."

DIE MÜNCHENER JAHRESAUSSTELLUNG
IM GLASPALAST.
II.

Am besten und gleichmäßigsten ist die Landschaft
repräsentirt, in der einzelne ausgezeichnete Talente auf-
treten. Halb dem Figurenbilde gehört noch Hey's Herbst-
tag an. Hey ist kein Stürmer und Dränger, er macht
von den neuen Errungenschaften der malerischen Technik
kaum Gebranch; das, was das Bild hochstellt, ist die
unendliche Schlichtheit und Ehrlichkeit. Nirgends findet
sich eine Spur von Prätention, etwas zu geben, was
nicht ganz sein eigen. Diesen alten Schäfer, der da
auf der Höhe über der Stadt seine Herde weidet, hätte
wohl ein Ludwig Richter so ähnlich erdacht. Wenn
man will, kann man dem Bilde manchen Vorwurf machen:
dass sein Motiv nicht recht einheitlich, dass kein kolo-
ristischer Gedanke darin zum Ausdruck gebracht ist.
Doch das alles kann mir die Freude an dem Bilde nicht
stören, da man demselben viel zu genau ansieht, dass
es dem Künstler vom Herzen gekommen. Und das bleibt
eben doch immer die Hauptsache.

Ganz der Landschaft angehörig sind die Arbeiten
Palmie's, wohl des feinsten Landschafters der Genossen-
schaft, der trotz seines französischen Namens in seinen
Werken ein echt deutsches, sinniges Gemüt zeigt. Er
sieht in der Natur weiche, träumerische Bilder, die von
hoher Schönheit sind. Wenn seinen letzten großen
Bildern etwas fehlt, so ist es eine gewisse Intimität,
die seinen früheren Arbeiten eigen, während jetzt ein
etwas dekoratives Element hineingekommen ist. Helm,
wohl unter dem Einflüsse Palmie's stehend, geht ganz

ähnliche Bahnen und giebt besonders in seiner Land-
schaft aus Lothringen ein äußerst malerisch behandeltes,
poetisches Bild. Bürgel, der neue Präsident der Ge-
nossenschaft, hat eine schlichte, feine Landschaft „Abend-
dämmerung" ausgestellt, deren etwas vorsichtige, aber
ehrliche Mal weise weit angenehmer wirkt, als eine
künstlich erzeugte Bravour. An eine solche aber denkt
man bei den talentsprühenden Arbeiten Baer's, dessen
Geschicklichkeit oft zum Hauptmotiv im ganzen Bilde
wird; ebenso wie die beabsichtigte Farbigkeit vielmehr
Buntheit ist, auf einen braunen Grundton gestimmt.
Eeizende Dekorationen, mit einer beneidenswerten Ge-
schicklichkeit heruntergemalt, aber keine Werke, die stand-
halten.

Auch die Kollektion Herzog mutet uns an, wie ein
Feuerwerk, welches verpufft, und welches man dann ver-
gisst. Es ist, als wenn alle Bilder laut das eine schrieen:
da seht einmal, was ich kann! Keines, aus dem ein
Stückchen Seele guckte. Ein Virtuosentum, dem es vielmehr
darauf ankommt, gehört zu werden, als etwas zu sagen.
Dabei ist dieses selbst ein in der That ganz erstaun-
liches, aber am befriedigendsten tritt es nicht in den
größeren Bildern, sondern in ein paar kleinen Skizzen
hervor, wie der „Sonnigen Straße", der „Dorfgasse",
„Heimkehr im Regen". Das sind prächtige Impromptus,
von denen man gar nicht mehr verlangt, als dass sie
blitzen und sprühen.

Ehe ich nun zu den Worpswedern, den Düssel-
dorfern, den Karlsruhern komme, ließe sich noch manches
gute Bild aufzählen: Huber's farbensatte poetische
Phantasielandschaften, der tonschöne „Abend" von Eisele;
von le Suire, Finde, Küstner, Schmauß und vielen
Anderen tüchtige Arbeiten. Ganz vorzüglich sind zwei
Landschaften von Bracht, die eine ausgesprochene Farbig-
keit mit tiefer Poesie verbinden und durch einen lockeren,
breiteren Vortrag sich vor früheren Arbeiten auszeichnen.
Auch etliche ältere Künstler haben gezeigt, dass man
seinen alten Idealen weiter dienen und dabei doch ein
vollgültiger Künstler bleiben kann, sofern diese Ideale
nur echte und die künstlerische Kraft, sie auszugestalten,
da ist. So entzückt Lugo durch die schlichte Innigkeit
und Anmut, mit der er seine Landschaften und Gestalten
beseelt. Ditscheiner und Tina Blau geben liebenswürdige
kleine Werke, Wopfner und Willroider sind ähnlich wie
sonst vertreten. Aber ich habe nicht den Eaum, auf
alles das, was wohl noch erwähnt zu werden verdiente,
einzugehen und die Namensanführungen en masse, nur
damit der Betreffende seinen Namen findet, sind wenig
nach meinem Geschmack. Auf die Grundzügo allein
kommt es ja hier an, Tageszeitungen besorgen den Dienst,
alle Aussteller dem Publikum vorzustellen, was ja schließ-
lich auch ein berechtigter Wunsch der ersteren ist.
Bleibt mir aber kein Kaum, das Gute zu nennen, so
habe ich auch keinen für das Unerfreuliche, das sich
hie und da breit macht, wie z. B. die zünftige Marine-
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