Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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nau bestimmbar. Die Sache liegt liier, wie schon Strehlke
und 0. Harnack bemerkt haben, ähnlich wie bei den
„Xenien": aus der Gemeinsamkeit der Arbeit Goethe's
und Meyer's erwächst den Herausgebern oft eine kaum
lösbare Aufgabe. Nach der Prüfung des von Meyer und
Witkowski Aufgenommenen glauben wir jedoch sicher
zu sein, darin nichts vor uns zu haben, an dem nicht
„Goethen der Hauptanteil zufiele".

Auch die in dem dritten Bande vereinigten kleineren
Aufsätze sind wertvoll als biographische Zeugnisse. Und
gerade in der chronologischen Eeihenfolge gewähren sie
uns den lebendigsten Einblick in das leidenschaftliche
Interesse, welches Goethe zeitlebens der Kunst und den
Künstlern entgegenbrachte. Dazu kommt aber der
Wert dieser Arbeiten für die Geschichte der Kunst-
forschung und Kunstbetrachtung. Die von Dr. Meyer
herrührenden Abschnitte I—III der „Einleitung" zu dem
dritten Bande bieten zur Beurteilung desselben das
reichste Material. Sie ergänzen u. a. für die späteren
Lebensjahre in manchen Punkten dasjenige, was Vol-
behr kürzlich in seinem Buch über „Goethe und die
bildende Kunst" mit speciellem Bezug auf Goethe's
frühere Zeit in dankenswerter Weise zusammengefasst
hat. Sie erörtern aufs gründlichste die Stellung Goethe's
und Heinrich Meyer's zu den philosophischen und archäo-
logischen Studien ihrer Zeit, zu den wechselnden Strö-
mungen der lebenden Kunst wie zu den Systemen und
Schlagworten der Forscher und Kritiker. Sie führen
uns schließlich zu der Erkenntnis, dass den hier ver-
einigten kleinen Schriften Goethe's ein hoher Eang ein-
zuräumen ist, „selbst zwischen den Werken Wjnckel-
mann's und C. F. von Rumohr's".

Zum erstenmal sind Goethe's knnsthistorische
Schriften von fachwissenschaftlicher Seite in dieser Weise
kommentirt und eingeführt worden. Das Ergebnis ist
ein frisches Blatt mehr an dem Buhmeskranze des Un-
sterblichen; es ist zugleich eine köstliche Gabe für die
deutsche Leserwelt. Sie wird bei derselben gewiss um
so leichter Eingang finden, als dem Kunsthistoriker ja
der Litterarhistoriker sich beigesellt hat, dessen mühe-
volle Arbeit die subtilen Beiträge des Genossen stützt
und erläutert. Wir wünschten allen Teilen von Goethe's
geistiger Hinterlassenschaft ein solches Zusammenwirken
ebenbürtiger Kräfte! Ihr Fortwirken im Leben der
Nation würde dadurch mächtig gefördert werden.

C. v. L.

EIN STÄDELKALENDER.

Das Städel'sche Kunstinstitut zu Frankfurt hat lange
nichts Erfreuliches von sich hören lassen, soweit es sich
um eigne Leistungen handelt, die durch die Anstalt ver-
anlaßt oder in ihr geschaffen worden wären. Die Kunst-
schule schien vor einigen Jahren einen neuen Aufschwung
zu nehmen; allein die gesunde Regung verlor sich bald
wieder, und eine neue Lehrweise gewann die Oberhand:

es sollte nicht mehr von unten nach oben gelehrt und
gelernt werden, so dass die Schüler allmählich zu Künst-
lern aufstiegen, sondern von oben nach unten: es sollten
zu den „Meisterateliers", die nun nur allein noch des
Unterrichtes wallten sollten, nur noch Künstler zuge-
lassen werden, die schon etwas leisten könnten und hier
nur den letzten Schliff zu erhalten hätten. Ein solcher
Ubergang ist sehr schwer zu machen: zunächst fehlen
die Schüler, auf die gerechnet wird, und man wird sich
zunächst mit den bisherigen lernenden Kräften begnügen
müssen. Aber auch die „Meister" sind nicht ohne wei-
teres da, die andere als die heimischen Schüler anzu-
ziehen vermöchten: dazu bedarf es Meister ersten Ranges,
deren Name nicht nur in Frankfurt, sondern in ganz
Deutschland einen guten und unbestrittenen Klang hat.
Bis das erreicht wird, bedarf es einer Übergangszeit;
um so erfreulicher ist es, dass bereits ein entscheiden-
der Schritt gemacht worden ist. Als Bernhard Mann-
feld vor einiger Zeit hierher kam, um die Reihe seiner
dekorativen Blätter zu vermehren — wir erwähnen hier
besonders die Ansicht von Frankfurt, die, von Sachsen-
hausen aus genommen, den Dom, den Rautenturni, das
Mainufer und den Main selbst und das reiche Leben an
dieser Stelle mit gewohnter Kraft der Wirkung zeigt —
da war es von der Administration des Städel'schen
Institutes ein guter Gedanke, Mannfeld als Leiter eines
Meisterateliers an das Institut und die Stadt vorläufig
zu fesseln. Schon nach kurzer Zeit gelang es Mannfeld,
tüchtigen Kräften, die sich an ihn anzuschließen strebten,
die rechten Wege zu zeigen, so dass unter seiner Lei-
tung künstlerische Leistungen zu entstehen beginnen,
die es wahrscheinlich machen, dass sich hier eine Radi-
rerschule entwickeln kann — vorausgesetzt, dass der
Meister ihr erhalten bleibt und dass den jungen künst-
lerischen Kräften die Energie des Lernenwollens und
des Arbeitens erhalten bleibt, wie es sich in dem ersten
gemeinschaftlichen Werk sehr erfreulich zeigt. Es ist
„Ein Kalender, herausgegeben von Künstlern des Städel'-
schen Kunstinstituts zu Frankfurt a. M. unter Leitung
von B. Mannfeld'1. Das schöne Werkchen umfasst
zwölf Blätter mit je einer Doppelradirung, die durch-
weg Frankfurter Motive zeigen: die obere Hälfte giebt
eine Ansicht aus Frankfurt; in den unteren teilt sich
der Raum zwischen dem Kalender und einer zweiten
Radirung, die meist in naher Beziehung zu der oberen
Zeichnung steht. Da sehen wir ( Januar) Alt-Frankfurt
bei aufgehender Sonne und unten, dem fast durchgehends
festgehaltenen Wintercharakter der Darstellungen ent-
sprechend, den Eislauf, vorn eine elegante Schlitt-
schuhläuferin, deren es freilich im alten Frankfurt keine
gegeben hat (von Gustav Kilb), dann (Februar) eine
wertvolle Goetlieerinnerung, das Willemerhäuschen am
Hühnerweg, unten noch einmal von der Gartenseite aus
gesehen (von Frl. Frz. Redelsheimer); März: eine andere
Goetheerinnerung, die Gerbermühle, und unten der Rück-
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