Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Goethe-Kommentare zur Kunst, und Kunstgeschichte.

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Autoren in Ansichten und Behandlungsweise stellt sich !
als eine so vollkommene heraus, dass ihre Beiträge zu
einem durchaus einheitlichen Ganzen zusammenfließen.
Zunächst erhalten die drei Bände sehr gehaltvolle Ein-
leitungen zu den betreffenden Schriften Goethe's. Es
werden darin die Grundlagen geschildert, auf welchen
Goethe's Arbeiten beruhen, die Beziehungen derselben [
zu seinem sonstigen Schaffen dargelegt, die Erstellungs-
daten der Schriften festgestellt, die Urteile der Zeit-
genossen und der späteren Kritiker über Goethe's Wirken
vorgeführt und so dem Leser alle Bedingungen dar-
geboten, welche ihm die eigene Beurteilung erleichtern j
können. Außerdem ist der Text von Fußnoten sprach-
lichen und sachlichen Inhalts begleitet, welche eine
reiche Fülle kunstgeschichtlichen und archäologischen
1 letails zur Erläuterung der Worte Goethe's beibringen.

Der erste Band (Teil 27, in der Gesamtfolge 108)
enthält Goethe's „Winckelmann" und ,Philipp Hackert".
nebst einer Anzahl von Reden und Ansprachen, die wir
hier außer Acht lassen dürfen. Die Bearbeitung des
„Winckelmann" rückt diese monumentale Schrift Geethe's
wiedei' einmal in die hellste Beleuchtung, die ihr gerade
durch das klassische Werk Justi's am wenigsten ge-
schmälert wird. Beide ergänzen sich vielmehr in der
wundervollsten Weise. Unsere Bearbeiter stellen fest,
dass Goethe's Aufsatz in der Entwicklung der stattlichen
Winckelmann-Litteratur einen Markstein bildet. Er ist
zugleich ein Muster der biographischen Darstellung
heroischen Stils. — Eine ganz eigene Bedeutung be-
ansprucht Goethe's biographische Arbeit über Philipp
Hackert. Sie ist bekanntlich auf Grundlage einer von
dem Künstler selbst herrührenden Skizze entworfen, kann
aber bei der verhältnismäßig wenig hervorragenden
Persönlichkeit des Malers und bei dem Mangel an be-
deutenden Erscheinungen in dessen nächster Umgebung
in meritorischer Hinsicht kaum auf ein nachhaltiges
Interesse der Lesewelt Anspruch machen. Das Inter-
esse belebt sich erst, wenn wir uns der Schrift unter
dem Gesichtpunkte von Goethe's eigener Biographie
nähern. Die Bearbeiter sagen in dieser Beziehung über
den „Hackert": „Er reiht sich in die Zahl der Vor-
arbeiten zu „Dichtung und Wahrheit" ein, und erhält
so eine nicht unwichtige Stellung in der Geschichte der
Werke Goethe's dessen innerstes Wesen sonst in ihm
nur durch die Pietät gegen den verstorbenen Freund zum
Vorschein kommt. Ihr vor allem haben wir diese Arbeit
zu verdanken."

Von Goethe's „Benvenuto Cellini", der den Inhalt
des zweiten Bandes bildet (Teil 28, in der Gesamt-
folge 109) war bereits in unserem „Kunstgewerbeblatt"
die Rede. Hier sei dazu vor allem nachgetragen, dass
diese Arbeit bei weitem die wichtigste der in die Kunst-
wissenschaft einschlägigen Leistungen Goethe's aus seiner
zweiten Lebenshälfte ist. Der „Anhang" zum „Cellini" |
enthält in der meisterhaften Charakteristik der floren-

tinischen Kunst eine Skizze der gesamten Kultur der
Renaissance, als deren Repräsentanten der Autor mit
Recht Benvenuto hinstellt. Der zu allem geschickte,
alles wagende, vor nichts Menschlichem zuriiekbebende,
..seinen Maßstab in sich selber tragende" Mensch hat
den Dichter des „Faust" an dem florentinischen Mei-
ster gefesselt. Das Bild, das er uns von ihm ent-
wirft, ist einer der ersten, tief in das Wesen der da-
maligen Zeit eindringenden Beiträge zur modernen Kunst-
geschichte. Und noch in weit höherem Grade als von
der Biographie Hackert's gilt es von derjenigen Cellini's,
dass sie auf Goethe vorbildlich gewirkt hat bei der Ab-
fassung seines eigenen Lebens. Alle diese Gesichtspunkte
werden von den Herausgebern in der Einleitung aus-
führlich dargelegt und in dem Abschnitt über die Ent-
stehung von Goethe's Cellini-Buch namentlich über den
Anteil Heinrich Meyer's an demselben, sowie auch über
die Stellung Schiller's zum „Cellini" viele höchst dankens-
werte Aufschlüsse gegeben.

Der dritte Band (Teil 30, in der Gesamtiblge III)
ist der stofflich mannigfaltigste und umfangreichste von
den dreien. Er enthält die stattliche Anzahl der kleineren
Aufsätze Goethe's über bildende Kunst und Theater, und
zwar in chronologischer Anordnung. Es ergeben sich dabei
acht Gruppen: 1) die Aufsätze aus dem „Tontscbon
Merkur" (1789), 2) Goethe's Beiträge zu den „Propyläen"
(1798—1800), 3) die Preisausschreiben und Kunstaus-
stellungsberichte der Weimarischen Kunstfreunde (1799
bis 1807), 4) die Aufsätze aus der „Jenaischen All-
gemeinen Litteratur-Zeitung" (1804—1809), 5) Ver-
schiedenes aus den Jahren 1810—1816, 6) die Artikel
„Aus Kunst und Altertum" (1817—1832), 7) Ver-
mischtes aus den Jahren 1829—1831), und 8) eine An-
zahl von Aufsätzen „Aus dem Nachlass". Um die Uber-
sicht über den Inhalt dieser Menge kleiner Arbeiten
Goethe's zu erleichtern, ist ein systematisches Verzeichnis
beigefugt, in welchem die Aufsätze nach sachlichen
Rubriken geordnet erscheinen. Die hauptsächlichen der-
selben sind: Allgemeines, Ästhetik; Malerei; Graphische
Künste; Skulptur; Baukunst; Kunstgewerbe; Technik.
Man sieht beim Durchblättern des Inhalts der einzelnen
Abschnitte, wie weitverzweigt die litterarische Thätig-
keit war, welche Goethe namentlich in den letzten drei
Jahrzehnten seines Lebens den bildenden Künsten, ihrer
Entwicklung und Förderung entgegenbrachte.

Verglichen mit dem von Strehlke herausgegebenen
28. Bande der Hempel'schen Goethe-Ausgabe, weist die
vorliegende, vornehmlich auf Grund der Arbeit von Paul
Weizsäcker über Heinr. Meyer, im Ganzen 19 Aufsätze
weniger auf, die sich als Arbeiten Meyer's ergeben
haben. Diesen Verminderungen stehen aber beträcht-
liche Vermehrungen des Inhalts gegenüber, welche
im Verzeichnis durch Sternchen bezeichnet sind. Bei
einigen derselben und bei manchen anderen ist das Maß
von Goethe's Anteil an der Arbeit noch nicht ganz ge-
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