Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Wiener Kongress-Ausstellung. II.

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sunder, lebensfrischer Realismus breit, der geschickt
zwischen den Extremen hin und herlavirt. Die Wiener
Luft lässt kein mystisches Dämmerlicht aufkommen,
worin Gespenster ihr Wesen treiben. Das hat schon
Ibsen erfahren, und wer noch weitere Beispiele braucht,
um sich davon zu überzeugen, der sehe nur, wie ver-
schieden geartet, die Bilder polnischer Maler sind, die in
Wien und in München oder Paris thätig sind.

Was uns die österreichischen Künstler geschickt
haben, ist ein guter Auszug ans den beiden letzten
.lahresausstellungen im Wiener Künstlerhause. Da über
diese hier eingehend berichtet worden ist, müssen wir
uns ein näheres Eingehen versagen. Nur soviel müssen
wir aber feststellen, dass die Bildnisse von Arthur
Ferraris, Leopold Horowicz, Casimir Pochwalski und
A. D. Goltz, die Bildhauerwerkstätten von Hans Temple,
der „Jungbrunnen" von E. Veith, die „Erlösung Ahas-
vers" von Adolf Hirsohl, die Caritas von Julius Schi nid
und die prächtigen Landschaften von dem verstorbenen
J. E. Schindler, von Robert Ruß, Darnaiä und Bernatzik
im Wetteifer der Nationen auf unserer Ausstellung die
Österreichische Malerei mit sieghaftem Glänze vertreten.

ADOLF ROSENBERG.

DIE WIENER KONGRESS-AUSSTELLUNG.

iL

Unsere Hoffnung, dass die merkwürdige Ausstellung
zum Andenken an die Wiener Kongresszeit durch recht
viele der fürstlichen Aussteller von auswärts mit ihren
Besuchen ausgezeichnet werden möge, hat sich nicht er-
füllt. Tm übrigen aber bewährte das Unternehmen bis
zu dem erst Mitte Juni erfolgten Schluss seine gleich
anfangs bewiesene Anziehungskraft auf das Publikum,
und es ist vorauszusehen, dass man seine Wirkungen
auf Kunst und Kunstgewerbe nachhaltig verspüren wird.

Das Komitee hat dazu vornehmlich durch den treff-
lich gearbeiteten Katalog beigetragen, welcher in seinen
späteren Auflagen auch mit den nötigen Sach- und
Personenregistern ausgestattet wurde, so dass er für
alle-, die dem Gegenstande fürderhin ihr Interesse zu-
wenden wollen, ein Nachschlagebuch von bleibendem
Werte bilden wird. Außer der Beschreibung der aus-
gestellten Gegenstände enthält der Katalog zwei ein-
leitende Abhandlungen über die Gesellschaft zur Zeit
des Kongresses von Prof. Dr. Flügen Guglia und über
die Kunst und Kultur der damaligen Epoche von Kustos
Dr. Eduard Leisching, dem Eedakteur des Katalogs, die
zur Orientirung über alle wesentlichen Fragen dienen
können.

Es steht nun aber noch ein größeres litterarisches
Denkmal der Kongress-Ausstellung bevor, das wir schon
heute der Beachtung der Kunstforscher und des knnst-
freundliclien Publikums empfehlen wollen. Es ist das
für nächstes Jahr in Aussicht gestellte, von der Firma

Artaria & Co. unternommene Prachtwerk über den
Wiener Kongress, dessen Widmung Se. Majestät der
Kaiser Franz Josef I. huldvollst angenommen hat. Das
Werk soll auf Grundlage des von der Krongress-Aus-
stellung dargebotenen Materials, unter Hinzuziehung
aller einschlägigen Quollen und Hilfsmittel, ein um-
fassendes und anschauliches Bild der damaligen Epoche
darbieten. Die Kulturgeschichte, die bildenden Künste, das
Kunstgewerbe, die Musik- und Theaterzustände der Zeit
von 1800—1825 sollen darin in ihren charakteristischen
Erscheinungen vorgeführt werden. Es wird auf diese
Weise nicht nur dasjenige in geschlossener Darstellung
vereinigt bleiben, was nach dem Schlüsse der Ausstellung
in Wirklichkeit leider wiederum von allen Winden ver-
weht worden ist, sondern es wird in dem Werke zu-
gleich — den Worten des Prospektes zufolge — „die
historische wie künstlerische Bedeutung des letzten ein-
heitlichen Stiles, den die Kunstgeschichte kennt, näm-
lich des Empire, darzuthuir' versucht werden. An der
Abfassung des Textes sind außer Dr. E. Leisching, dem
Redakteur des Ganzen, eine Anzahl Wiener Autoren,
wie Bucher, Glossg, LiHzow, Masner, Ricgl, Ritter,
Baron Weckbecker, Wittmann u. A. beteiligt. Der Pro-
spekt giebt uns auch von der künstlerischen Ausstattung,
die das Komitee dem Werke zugedacht hat. einige Proben.
So z. B. eine Tafel in meisterhaft ausgeführter Helio-
gravüre nach dem schönen Gruppenporträt der gräf-
lichen Familie Fries von Gerard und eine Anzahl vor-
züglicher Textillustrationen in Zinkotypie. Im Ganzen
werden etwa 15—20 Vollbilder in Heliogravüre und
Lichtdruck, teilweise in farbiger Ausführung, und 150
bis 200 Textillustrationen, angefertigt in den Anstalten
von Angerer & Göschl. Blechinger, Jaffe und Löwy, in
Aussicht genommen. Einen besonderen Reiz der Aus-
stattung dürften die farbigen Radirungen bilden, welche
Prof. William Unger im Verein mit seinen Schülern
und Genossen zu dem Werke beisteuert Auch Prof.
W. Hecht wird sich durch mehrere Holzschnitte an dem-
selben beteiligen.

Der Subskriptionspreis für ein numerirtes Exemplar
der auf 525 Abdrücke flxirten Auflage beträgt 60 fl. -
100 M. — 25 Vorzugsexemplare auf besonderem stärkeren
Papier, zu 100 fl., sowie 25 bezeichnete Präsentations-
exemplare werden separat gedruckt. Das Interesse für
die Publikation hat sich gleich nach dem Erscheinen
des Prospektes als ein sehr reges erwiesen. Die Regierung
gewährt dem Unternehmen durch Abnahme einer größeren
Anzahl von Exemplaren ihre Unterstützung.

Inzwischen sind die Räume des Österreichischen Mu-
seums, in denen die Kongress-Ausstellung stattfand, wieder
in ihren früheren Stand zurückgebracht. Von den Gegen-
ständen der Ausstellung ist nichts dort zurückgeblieben.
Dagegen hat die Sammlung der Gipsabgüsse der Wiener
Akademie der bildenden Künste von der Kongress-Aus-
stellung einen nicht unerheblichen Nutzen gezogen. Der
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