Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau.

tollenden Putten mit ihren quellenden Gliedern streiten
gegen das strenge Ebenmaß der Architektur in stören-
der Weise. Bis zum Flach- und Hochrelief war auch
wohl hier die Scheidegrenze gezogen. Wie schön wirkt
zum Beispiel die Gruppe an der linken Seite nach oben
zu, mit der Beziehung auf das Eequiem! Das bleibt
ganz in Harmonie und Unterordnung. Die andern drallen
Kerle gehen schon darüber weit hinaus. Hier wären
größere Einzelfiguren mit deutlichen Beziehungen zu
Mozart und seinen Werken vorzuziehen gewesen, wozu
eigentlich die starken seitlichen Sockelabsätze geradezu
einladen. Die gehäuften Blechinstrumente unter dem
Streifen Notenschrift (mit einleitenden Takten aus dem
Don Juan) möchte man, nebst einigem andern Zierrat
weiter oben, gern missen. Das Spiel der Putti mit den
Orchesterinstrumenten war ja eine so hübsche Idee, dass
es dabei sein Bewenden haben konnte. Die tragische
Maske, der ein Putte den Schleier hebt, deutet die
Grenze an, über die Tilgner wohl nicht hinaus konnte.
Sie ist ganz und gar nicht tragisch; kein halbwegs
resoluter Putte braucht vor ihr zu erschrecken!

So zeigt sein letztes Werk den Künstler von
mancher liebenswürdigen Seite. Was in den Grenzen
seiner Natur begründet ist, wollen wir ihm nicht an-
rechnen. Von der richtigen Ansicht (am besten halb-
seitlich) betrachtet, hat das Werk seine guten Qualitäten.
Groß und erschöpfend ist es nicht.

Für den schönen architektonischen Aufbau des
Monumentes und seine Hauptlinien ist Tilgner, wie er
selbst äußerte, dem Professor Karl König, und für die
Komposition des vorderen Flachreliefs, mit einer Scene
aus Don Juan, dem Historienmaler Ernst Pesslcr ver-
pflichtet. An der Rückseite des Sockels ist ein Relief
nach Lafosse, den Knaben Mozart am Klavier nebst
Vater und Schwester darstellend, angebracht.

Dass Victor Tilgner ein ehrlicher Künstler gewesen,
dessen Hauptkraft im Erfassen der Form und speciell
im Porträt lag, wird durch dies Denkmal wieder be-
stätigt. Er kann als ein typischer Repräsentant der
Wiener Kunst gelten. Was darüber hinaus geht, wäre
vielleicht späteren Jahren zu entfalten vorbehalten ge-
wesen. Vielleicht! — Monumentalität und herbe Kraft
aber, ohne deren Beimischung kein ganz großer Künstler
je entstand, das, was die Franzosen mit dem treffenden
Ausdruck „male" bezeichnen, das war seinem Wesen
nicht gegeben und keine Zukunft würde es — hätte er
auch länger gelebt — haben entfalten können. Aber
das, was er gab, war seins, und das kann auf unsern
Dank Anspruch erheben. WILHELM SGHÖLEBMANN.

BÜCHERSCHAU.

Bernhard Berenson, The Florentine Painters of the Re-
naissance, with an index to their works. New York and
London, G. P. Putnam's Sons. 1890. 8. 141 Seiten.
Vor zwei Jahren erschien von demselben Verfasser „The

Venetian Painters of the Renaissance" und dem vorliegenden

Bändchen sollen noch andere folgen. Die freundliche Auf-
nahme, welche dem ersten Bande in weiten Kreisen zu teil
geworden ist, wird ohne Zweifel auch auf diesen seinen
Nachfolger übertragen werden, denn die neue Arbeit hat
dieselben Vorzüge, welche bei den Untersuchungen über die
venezianischen Maler rühmend hervorgehoben wurden. Viel-
leicht tritt die Selbständigkeit des Urteils hier noch mehr
zu tage, als es dort der Fall war. In dem ersten Teile der
Arbeit wird der Entwicklungsgang der florentiner Maler-
schule von Giotto bis auf Michelangelo in großen allgemeinen
Zügen dargestellt unter Gesichtspunkten, welche vielfach neu
sind. Die Bedeutung Verrocchio's ist auf ein bescheidenes
Maß zurückgeführt und diese Reaktion gegen die über-
schwängliche dem Meister neuerdings gezollte Verehrung
wird für die Nerven manches Lesers von wohlthuender
Wirk ung sein. Die mit Giotto beginnenden Untersuchungen
sind eingeleitet mit einer psychologischen Analyse des Kunst-
genusses: ein Thema, dessen Schwierigkeiten wohl den meisten
Fachgenossen als die gefährlichste Klippe gilt, und wohl mit
Recht. Und doch soll ein jeder, der in der Renaissance-
kunst eine ideale Kunst erkennt, bereit sein, über diese seine
Auffassung Rechenschaft zu geben. Ich sehe das Hauptver-
dienst des Buches in seinem zweiten Teil, obwohl er dem
Umfange nach der geringere ist. Unter dem einfachen Titel
„Index to the works of the principal Florentine painters"
ist in der Form von Listen das Resultat langwieriger, um-
fassender und, was die Hauptsache ist, sehr gründlicher
Studien zusammengefasst. In der kurzen Einleitung dazu
heißt es: „Es ist kaum nötig hervorzuheben, dass die Be-
stimmungen der Bilder nicht von offiziellen Katalogen ab-
hängig sind und häufig in Widerspruch mit denselben
stehen." Es ist unvermeidlich, dass bei der Katalogisirung
öffentlicher Sammlungen die dafür verantwortlichen Beamten
auf die Traditionen des vorgefundenen Bestandes sehr Rück-
sicht nehmen müssen, und ob sie schon in der Lage sind,
über ihre eigenen Erwerbungen am besten Auskunft zu
geben, so kann oder sollte doch niemals ihr Diktum der
Kontrolle durch unabhängige Forscher entbehren, unter
denen freilich nur wenige so wie Berenson Anspruch auf
Kompetenz erheben können. J- P. RICHTER.

*„* Unter dem Titel „Die Mutherhetxe, ein Beitrag zur
Psychologie des Neides und der Verläumdung", ist soeben
eine Broschüre von Prof. Dr. Muther in Breslau erschienen,
in der sich der Verfasser gegen die Angriffe zu wehren sucht,
die er in Folge eines Aufsatzes in der „Täglichen Rund-
schau" hat erleiden müssen. Wir haben bisher von dem
Streit der beiden Gelehrten, Volbehr und Muther, keine Notiz
genommen; auf Ersuchen des Verlegers der neuen Broschüre
(G. Hirth in München) geben wir unsern Lesern aber nun
doch davon Kenntnis. Der fragliche Aufsatz Prof. Muther's
ist zum größten Teile aus einem Buche Dr. Volbehr's nahe-
zu wörtlich entlehnt. Muther hat dabei das Buch und den
Verfasser erwähnt, die abgeschriebenen Sätze aber nicht
gekennzeichnet. Volbehr sieht hier etwas, was ein deut-
scher Professor nicht thun sollte; Muther hält dagegen
das Verfahren für etwas Harmloses, ja er glaubt dadurch
Anspruch auf den Dank Volbehr's erworben zu haben.
Durch eine Indiskretion Dr. Galland's, des Herausgebers der
„Kunsthalle", ist auch noch bekannt geworden, dass die
philosophische Fakultät der Universität Breslau ihrem Mit-
gliede ein Missbilligungsschreiben hat zugehen lassen. Wir
glauben, dass es im gegenwärtigen Falle eigentlich nur
darauf ankommt, ob der Aufsatz Prof. Muther's mit dem
Anspruch der Honorirung eingesandt worden ist oder nicht
Ist ersteres der Fall, so hat Prof. Muther etwas völlig
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