Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau. — Nekrologe. — Personalnachrichten. — Wettbewerbeingen. — Denkmäler.

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Grund der Seele schauen! Herrlicli ist das Porträt
Daudet's, der in einen weichen Sessel gelehnt, mit seit-
wärts gewendetem Kopf in die Ferne schaut, während
sein Töchterchen sich an ihn schmiegt. Nichts von der
Pose dessen, der da weiß, dass er beobachtet wird. Weit, weit
fort scheint die Seele des Dichters bei schmerzlich lieben
Erinnerungen! — Auch ein kleineres Porträt einer Dame
in einem Interieur wirkt fein und stimmungsvoll. Das
leise Rosa der Schleifen, mit denen das Kleid geschmückt
ist, der tiefe Ton des Teppichs mit allen den zarten
grauen Noten giebt einen schönen Zusammenklang. Wo
wir auf einer großen Leinwand sechs lebensgroße Figuren,
die Porträts eines Elternpaares mit seinen vier Kindern
vereinigt finden, wirkt die gleichmäßige Wiederholung
derselben Seelenstimmung ein wenig ermüdend. Auch
das Porträt Goncourt's will mir nicht an die übrigen
heranzureichen scheinen. Die Augen wirken etwas zu
schwarz und der Kopf ist eigentlich leer. In einer Reihe
von Studien, Köpfen, Blumen, Landschaften zeigt sich
das wunderbare Formenverständnis und das eifrige Ringen
des Meisters. Ein paar Frauenköpfe sind etwas farbiger
als die übrigen Werke, wirken etwas kräftiger und sind
doch sehr schön.

Wir haben kein Recht, mit dem Künstler zu streiten,
warum er so und nicht anders die Welt sieht. Wo mit
so vollendeter Meisterschaft ein Gewolltes erreicht wird,
werden wir dankbar das Gebotene hinnehmen. Für diesen
Meister giebt es nur Trauer und Schmerz! Wir Anderen
aber brauchen darum nicht zu vergessen, dass draußen
in der Welt auch noch Licht und Luft und Sonnenschein
fröhliche Menschen umspielt.

BÜCHERSCHAU.

Zu/r Inventarisation ehr Kunstdenkmäler. Im Auf-
trage des Landeshauptmanns der Provinz Schlesien von Röder
ist mit den Vorbereitungen zur Herausgabe des als Ergän-
zung zum Verzeichnisse der schlesischen Kunstdenkmäler ge-
planten Bilderwerkes Schlcsisehcr Denkmäler begonnen wor-
den. Mit der Ausführung wurde der Provinzialkonservator
Landbauinspektor hutsch beauftragt, dem auch das frühere
Inventarisationswerk verdankt wird.

*„* Der ilhislrirlc Katalog der internationalen Kunst-
ausstellung in Berlin ist jetzt ebenfalls im Verlage von
Rud. Schuster in Berlin erschienen. Der stattliche Band
enthält außer dem Text in zweiter Auflage, welchem auch
bereits die Saalnummern beigefügt sind, ca. 230 Illustratio-
nen der ausgestellten Kunstwerke und wird jedem Aus-
stellungsbesueher eine willkommene Erinnerung sein. Der
Preis ist, trotz der weitaus größeren Reichhaltigkeit als in
früheren Jahren, auf 2 Mark festgesetzt worden.

NEKROLOGE.

*#* Der Qenre- und Tiermaler Casimir Geibel, ein
Schüler von A. v. Ramberg und Pauwels, ist am 22. Mai im
58. Lebensjahre in Weimar gestorben, wo er seit 1803 an-
sässig war.

*** Der englische Geschichttmaler Ediward Armitage,
Mitglied der Royal Academy in London, ist am 24. Mai in
Tunbridge Wells im Alter von 79 Jahren gestorben.

PERSONALNACHRICHTEN.

*** Dr. Eduard Firmenich-RicharU, der sich in neuerer
Zeit besonders durch seine auf die Erforschung der Köl-
nischen Malerschule gerichteten Studien bekannt gemacht
hat, hat sich an der Universität Bonn als Privatdozent für
Kunstgeschichte habilitirt.

WETTBEWERBUNGEN.

%* Das Preisgericht für die Konkurrenz am den Neu-
bau des Rathauses in Hannover erkannte den ersten Preis
(12000 M.) dem Professor 77. Stier in Hannover/den zweiten
Preis (8000 M.) dem Architekten Kocssen in Leipzig, zwei
dritte Preise (je 5000 M.) den Architekten Schmidt in Chem-
nitz und 77. Seeling in Berlin und zwei vierte Preise (je
3000 M.) den Architekten Klingenberg in Oldenburg und
Geh. Baurat Eggert in Berlin zu. Die Bausumme beträgt
4500000 M.

DENKMÄLER.

=tt. München. — Der hiesige Bildhauer Hermann Bahn
hat die Büste des Gründers der Würzburger Universität
Julius Echter von Mespelbrunn modellirt und das nun-
mehr in Stein ausgeführte Kunstwerk wird als Pendant zu
der Büste des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern in der
rechten Nische des Mittelbaues am neuen Kollegienhaus
in Würzburg Aufstellung finden. Fürstbischof Julius wurde
vom Künstler mehr als Rittersmann in der spanischen
Tracht des sechzehnten Jahrhunderts zur Darstellung ge-
bracht.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

Düsseldorf. — Hans Völker sandte eine Kollektion von
Landschaften, mit denen er nicht zu erwärmen, geschweige
denn zu begeistern vermag. Obgleich ein geschickter Könner,
geht ihm doch tiefes Empfinden ab; oft sogar jener Haupt-
faktor des Landschafters, das Auge für die charakteristischen
Momente der Natur, und wenn er groß zu sein versucht, wie
in dem Bilde „Vision", so ist er es nur an Umfang, nicht
an Eindruck. Am unsympathischsten, trockensten, inhalt-
losesten wirkt er als Schilderer Italiens, am vorteilhaftesten
in einigen zarten Frühlingsbildern aus dem bayerischen Ge-
birge. — Ed. Fischer, ebenfalls mit einer ganzen Reihe von
Landschaften vertreten, könnte ein Schüler Heffner's sein.
Er wirkt genau wie Heffner, nur dass er einen Ton
dunkler, schwermütiger im Kolorit ist. Sonst die gleiche
Wahl des Naturausschnittes, die gleiche Vorliebe für zart
rankende Bäume an stillem Wasser und für silbrige Sonnen-
strahlen, die mühsam durch dunkle Wolken glitzern, die
gleiche eindringliche, fast ciselirte Mache, dann überhaupt
die gleiche empfindungsschwächliche Wiedergabe der großen
Natur, deren Puls, Saft und Mark seiner Kunst fehlen.
Sie ist das sublime Präparat eines träumerischen Tempera-
mentes, das hin und wieder sogar Anwandlungen der Vorliebe
für düstere, große Stimmungen der Natur hegt, aber nur als
Folge des eigenen, entgegengesetzten zarten Empfindens,
sich schließlich der Natur nur naht, niebt hinein verwebt.
Daher wirkt diese Kunst wie eine Filigranarbeit von zarter
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