Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Der Wettbewerb um die Bronzethüren des Mailänder Domes.

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einem weichen trockenen Lappen ab und lege das
Bild nun nochmals über Spiritusdunst und lasse
denselben wirken, bis das Bild wieder ganz klar
geworden ist. Dann nehme man wieder Lack her-
unter mit dem nassen Pinsel und wiederhole alles
so oft, bis entweder aller Lack entfernt ist oder
doch nur noch so wenig auf dem Bilde, dass er
nicht mehr stört. Dies kann man nach der jedes-
maligen Einwirkung der Alkoholdünste sehen, dann
lässt man die nasse Abreibung fort und das Bild
so trocknen. Hierbei kommt es nun vor, dass die
letzte Lackschicht, die noch auf dem Bilde sitzt,
wieder an einzelnen Stellen verschlägt, was aber
beim Neulackiren oder noch besser bei dem nun
folgenden eigentlichen Regenerationsverfahren wieder
vergeht. Man hat jetzt n.ämlich die Ölfarbschicht
— falls sie nicht durch Einölen oder sonst schon
früher verpatzt ist — in ihrer ganzen Frische und
Zartheit vor sich und zwar noch wohlerhalten, denn
weder Spiritusdunst noch Wasser haben schaden
können. Man bestreicht nun abermals die Schicht
mit Phöbus A oder einer Mischung von Vaselinöl,
ätherischen Ölen und Kopaivabalsam und legt das Bild
nochmals in den Apparat. Nun bleibt es 1'2 bis 5
oder mehr Stunden darin, natürlich unter Beobach-
tung, dass die Farbschicht nicht erweicht. Je älter ein
Bild ist, desto schwerer kann es Schaden nehmen,
je jünger, desto mehr Vorsicht ist anzuwenden: —
dies gilt natürlich nur ganz im allgemeinen, denn
die einzelnen Farben an und für sich haben ja auch
wieder eine besondere Skala des Weichwerdens, bei
der die dunkeln oben anstehen. Übrigens kann man
das Verfahren auch bei den Bildern unseres Jahr-
hunderts anwenden, da der Firniss weit früher flüssig
wird als die Farbe, und da das Wasser außerdem auf
die Farbe eine ganz andere Wirkung ausübt, als
auf den Lack; die erste erhärtet nämlich durch das
Wasser, ohne sich wie der Lack zu zersetzen. Frei-
lich ist es schlimm bei vielen Bildern, wo die Maler
einfach, um mehr Leuchtkraft zu erzielen, Harzlacke
in die Farben gemischt haben, — da ist Hopfen und
Malz verloren. Ist ein Bild nun regenerirt, dann
firnisse man nach geraumer Zeit (vier Wochen frühes-
tens) und vermeide alle Alkoholfirnisse, noch mehr
aber Ölfirnisse. Am besten ist ein Firniss aus 1 Teil
Kopaivabalsam, 1 Teil Mastix und 1—2 Teilen fran-
zösischem Terpentin. Diese Mischung hat allerdings
ebenso viel Nachteile wie alle anderen, aber den
großen Vorteil, dass sie sich mit dem angegebenen
Mittel am leichtesten entfernen lässt.

(Schluss folgt.)

DER WETTBEWERB UM DIE BRONZE-
THÜREN DES MAILÄNDER DOMES.

Im nächsten Jahre ist seit der Einlieferung der
internationalen Konkurrenzarbeiten für eine neue Fassade
des Mailänder Domes das erste Decennium verflossen.
1847 begannen die hochherzigen Stiftungen für die
materielle Fundirung des Planes, vier Jahrzehnte später
wählte das Urteil der Jury auf Grund des ersten Aus-
schreibens von mehr als 120 Bewerbern fünfzehn Meister
für eine engere Konkurrenz, und schon im Oktober 1888
konnte dieselbe endgiltig entschieden werden: die Sieges-
palme trug der geniale Mailänder Giuseppe Brentano
davon.

Wohl selten hat ein Wettbewerb Künstler, Kunst-
gelehrte und Kunstfreunde so erregt, wie dieser, aber
die hochgehenden Wellen haben sich bald geglättet.
Brentano starb, bevor zur Verkörperung seines stolzen
Werkes auch nur ein Stein gerückt worden wäre. Die
Mailänder Kathedrale hat ihren Künstlern persönlich
überhaupt wenig Glück gebracht. Das gilt von dem
Schöpfer des ganzen Planes, dessen Name kaum jemals
unbestreitbar festzustellen sein wird, und von den deut-
schen und französischen Meistern, die, angefeindet von
den italienischen Bauleuten, meist voll Erbitterung von
Mailand schieden, bis zu Pellegrini, der die heutige
Fassade begann, und den — nicht nur deshalb! — mit
Recht schon seine eigenen Zeitgenossen einen „Unglücks-
menschen" nannten. Unpersönlich gleichsam wird in
dem Riesenorganismus dieses Baues der einzelne Künstler,
aber dieser Organismus selbst, zu dessen Erhaltung all-
jährlich noch hundert Hände thätig sind, bat in sich
eine selbständige Lebenskraft, die sich gebieterisch
geltend macht, die vor allem gegen die ihm durch das
diktatorische Machtwort Bonaparte's aufgezwungene
Maske, die heutige Fassade, revoltirt. Und das wird
nicht erfolglos bleiben. Breutano's Plan wird dereinst
ausgeführt werden, und doch wohl in weit, weit kürzerer
Zeit, als der vielhundertjährige Intervall, welcher den
ersten Entwurf des Domes von der end giltigen Vollen-
dung des Kirchenraumes scheidet! —

Die letzten Monate haben hierfür eine denkwürdige
Gewähr gebracht. Jene Stiftung von 1847 vom Grafen
Giacomo Mellerio bestimmte hunderttausend Lire für
Bronzethüren des Hauptportales. Die Portale vor allem
waren es, welche die Preisrichter für die Arbeit Breu-
tano's gewannen; ein Hauptteil der neuen Portale ist es,
der jetzt die Frage der Erneuerung der Front wieder in
Fluss bringt.

Im Mai vorigen Jahres wurde von der Dombau-
verwaltung ein Wettbewerb für zwei eherne Thürflügel
des neuen Hauptportales ausgeschrieben. Ursprünglich
wollte man diese Aufgabe unmittelbar einem Mailänder
übertragen, doch führte ein Protest der Künstler auf
den Weg der freien Konkurrenz. Seltsamerweise war
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