Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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die Beteiligung an derselben trotzdem nur gering: nur
zehn Arbeiten gingen ein. Dennoch hat sie ein bindendes
Ergebnis gebracht: die Ausführung des Werkes wurde
durch den Spruch der Jury vor kurzem dem Mailänder
Bildhauer Prof. Lodovico Pogliaghi übertragen. Die
Entwürfe der gemeinsam konkurrirenden Künstler Muzio
und Sozzi ferner sind mit dem Geldpreise gekrönt, zwei
weitere Preise für die Projekte des wohlbekannten
Florentiners Giuseppe Cassioli und des Börners QuaUrini
in Aussicht genommen, und ein „Idea" bezeichneter Vor-
schlag des Dombaumeisters Gesa Bianchi ist lobend der
Beachtung empfohlen.

Diese ganze Konkurrenz geht über die lokalen
Fragen weit hinaus und erheischt eine eingehende Er-
örterung, nicht nur im Hinblick auf ihren speciellen
Zweck, sondern auch allgemeingiltig, als ein Zeugnis
für die Leistungsfähigkeit der modernen italienischen
Plastik. Deren Vertreter können ihre Beachtung gerade
in Deutschland wohl wünschen, denn weitaus günstiger
muss das Urteil über sie lauten, als nach Maßgabe der
Werke, mit denen italienische Bildhauer unsere deut-
schen Kunstausstellungen in Berlin, München und Wien
zu beschicken pflegen. In diesen trägt meist die Vir-
tuosität der Mache über die echte Kunst einen ver-
verhängnisvollen Sieg davon. Drastische Effekte und
Posen wechseln mit technischen Bravourstücken ab, die
neuerdings freilich nicht mehr auf die Wiedergabe
verschleierter Franenköpfe und reicher Damentoiletten,
sondern auf eine impressionistisch nur aus größerer
Entfernung wirksame, skizzenhafte Formenbehandlung
ausgehen. Auch die modernste Denkmal- und Sepulkral-
Plastik auf italienischem Boden selbst trägt, einzelne
berühmte Werke abgerechnet, ein ähnliches Gepräge,
— In dieser Mailänder Konkurrenzausstellung aber
herrscht in den Bildwerken selbst — von dem selbst-
verständlich dem Marienleben gewidmeten Bildschmuck
der Portale waren zwei Beliefs, die „Verkündigung" und
die „Anbetung der Könige", im natürlichen Maßstab ge-
fordert — ein völlig anderer Geist. Sieht man von
einigen minderwertigen Versuchen ab, so ist anzuerkennen,
dass keiner der beteiligten Meister seine Aufgabe leicht
genommen und nur auf den Effekt gearbeitet hat, dass
keiner dabei eine tüchtige Schule vermissen lässt. An
der Spitze stehen zweifellos die beiden Künstler, welche
auch das Urteil der Jury, allerdings in ganz ungleicher
Weise, auszeichnet: Pogliaghi und Quattrini. Pogliaghi,
durch seine Arbeiten für die Dome von Mailand und Como,
viele Büsten, und seine historischen Kompositionen schon
berühmt, ist Lehrer an der Mailänder Kunst-Akademie,
und wenn einer zum Lehramt berufen ist, so er, der so
musterhaft zu komponiren und zu modelliren weiß. Das
heute so vieldeutige Wort „akademisch" kann man auf
seine Art nur im besten Sinne anwenden. An den
klassischen Mustern der italienischen Renaissance ge-
schult, ist sie formenschön, vornehm, und zeugt, fern

jedem Sturm und Drang, von künstlerischer Beife. Das
gilt auch von seinen beiden Konkurrenzreliefs, die sich
stilistisch am meisten denen der älteren, nördlichen Thür
Ghiberti's für das Florentiner Baptisterium nähern. Er
vermag die große ihm nun übertragene Aufgabe in ihrem
bildnerischen Teil mit Ehren zu lösen, ob freilich in
einer Weise, die zur Begeisterung fortreißt, bleibt vor-
erst zweifelhaft; doch kann der Genius einer guten
Stunde bei einem so tüchtigen Künstler vielleicht auch
dies bewirken. — Dem bewährten älteren Meister ist
der junge Römer Quattrini ebenbürtig an Schöuheits-
gefühl — ein großes Lob! — und auch an Stilgefühl
— ein noch größeres Lob, zumal für einen modernen
italienischen Bildhauer! Er ist vor allem ein Apostel
echt weiblicher Schönheit und Anmut. Über seiner
Maria erklingt auch ohne Gabriel und die Taube ver-
nehmlich das „gratia plena!" Jede einzelne der laug-
gewandeten, Halleluja singenden Engelgestalten, mit
denen er den Rahmen der Thürfelder füllt, ist von
reizender Eigenart, und ihr Reigen in seiner Gesamtheit
ragt über das, was die italienische Kirchen- und
Sepulkral-Skulptur hierin sonst zu bieten pflegt, weit
hinaus. Auch Quattrini's Technik ist vortrefflich. Er
hat eine winzige, aber in der Ausführung geradezu
meisterhafte Skizze der Brentano'schen Supraporte bei-
gefügt. Das ist ein geborener Bildhauer! Allerdings
für Marmorarbeit, und sein formal so feines Stilgefühl
scheint ihm die rechte Berücksichtigung der Bronzetechnik
bisher zu versagen. — In den meisten übrigen Kon-
kurrenz-Skulpturen tritt eine gewollte Originalität her-
vor, die gelegentlich an Manier streift — bald eine zu
absichtliche Einfachheit der Komposition und Zeichnung,
wie bei Cassioli und mehr noch — wenigstens in den
Einzelflguren — bei Sozzi, bald eine malerische Über-
ladung, wie in dem großen Reliefbild der „Anbetung
der Könige" von Quadrelli. Dieser hält, seine Erzählung
im Tone eines Tintoretto, jenen scheint die schlichte
Innigkeit eines Fiesole vorzuschweben, aber sie gelangen
dabei noch kaum zu der Kunstweise unserer Nazarener.
Im ganzen bleibt jedoch der Eindruck auch dieser Arbeiten
im Hinblick auf die für den Bildschmuck der neuen
Portale zu Gebote stehenden Kräfte ein recht günstiger.

Allein dieser Bildschmuck ist ja nur ein Teil der
hier geforderten Leistung. Für die rechte Lösung der
ganzen Aufgabe bedarf es mehr, als nur einer Begabung
für figürliche Plastik. Die Gesamtwirkung der neuen
Thürfiügel hängt in noch höherem Grade, als von ihrem
Bildschmuck, von dessen Anordnung und Verteilung ab.
Das hat auch die Jury selbst anerkannt. An die Spitze
der drei Gesichtspunkte, von denen sie — etwas sche-
matisch allerdings! — bei ihrem Urteil ausging, stellt
sie die Forderung, dass die Arbeit „in ihrem architek-
tonischen Wert, als gegliederte Komposition für mächtige
Bronzethüren, befriedige, und stilistisch im Einklang
stehe einerseits mit dem Stil des Domes, anderseits im
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