Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Münchener Jabresauss'

itellung im Glaspalast. I.

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Porträt. In dem Bildnis eines jungen Mädchens von
Laurent ist wenigstens der Versuch gemacht, ein wenig
Stimmung zu geben. Charlet zeigt Bochefort in seinem
Arbeitszimmer; der leine blasse Kopf steht gut in der
reichen Umgebung. Marec bringt ein Bildnis seines
Vaters, das durch Tiefe des Tones und feine Farbe
hervorragt. Erwähnenswert sind noch üpermann, Weiß,
Lotthö, Duffand und Franzini d'Issoncowrt. Über ein
gleichfalls ausgestelltes Porträt von Ollo Feld kann ich
mich hier kritisch nicht äußern.

Die graphische Abteilung, in der die Reproduk-
tionen überwiegen, bietet weder technisch noch in-
haltlich Neues und mau würde z. B. in dem litho-
graphischen Teile derselben hier nicht vermuten, wie
lebhaft das Interesse moderner Maler sich dieser reiz-
vollen Technik wieder zugewandt und welch interes-
sante Ergebnisse die Studien derselben zu Tage ge-
fördert haben. Wir linden hier wie auch bei den
Radirungen immer noch die alte brave, etwas lang-
weilige Behandlungsweise, wie wir sie vor drei Jahr-
zehnten schon gekannt. Unter den Holzschnitten sind
mir durch malerische Behandlung die Arbeiten des in
Amerika lebenden Henry Wulff aufgefallen. Auch Gus-
mann und JPrantxen leisten in zwei Reproduktionen
sein- Erfreuliches. —

Die Hauptanziehungskraft unter den Skulpturen übt
eine „Danseuse" von Falguiire auf das Publikum aus.
Freilieh nicht sowohl ihrer — übrigens anerkennens-
werten — künstlerischen Qualitäten wegen, als vielmehr
weil ..tont Paris'1 weiß, dass zum Modell der unbeklei-
deten Figur eine bekannte hiesige „Künstlerin'1 gedient
hat. Die künstlerisch interessanteste Leistung dieser Ab-
teilung ist wohl die Gruppe von Lärche „La tempete".
I ber einer Woge, in der eine Anzahl Figuren kämpfen,
erhebt sich eine stark bewegte, vorwärtsstürmende
Frauengestalt. Der Ausdruck des Gesichtes ist charak-
teristisch und die Schwierigkeit, in der starken Bewe-
gung plastische Ruhe nicht zu verlieren, ist geschickt
überwunden. Ein ähnliches Problem scheint mir mit
Glück gelöst in den beiden nach oben strebenden Figuren
von Roger-Blocke „Dans les nuages". Der Maler Oerome
bringt ein Denkmal für den verstorbenen Paul Bandry.
Der Künstler ist aufrechtstehend dargestellt, die Linke
auf den Malstock gestützt; neben ihm ist auf einem
kleinen Schemel die Palette angeordnet, an die eine
Skizzenmappe sich lehnt. Ansprechend in den schlanken
weichen Formen ist ein weiblicher Akt von Calvet, vor-
trefflich modelllirt Bastet's „Venus au myrte". Die
sehr interessante Statuette in Marmor und Bronce
einer „Salome" von Ferarz ist unter den kunstgewerb-
lichen Arbeiten aufgestellt, unter denen eine große Vase
von Bussiere in Fa'ionco mit wirkungsvollen metallischen
Reflexen, eine Spitzendecke in sehr schöner Zeichnung
von Lefebure wohl die künstlerisch wertvollsten sein
werden.

In der Abteilung für Architektur sind die Kon-
struktionen, Grund- und Aufrisse enthaltenden Blätter
zumeist so hoch angebracht, dass von einem wirklichen
Studium der aufgestellten Arbeiten nicht die Rede sein
kann. Unter den der Betrachtung zugänglichen Fassaden
ist mir ein Entwurf für ein Hotel de ville von Ouilbert
und Dupont durch seine, glücklichen Verhältnisse auf-
gefallen. Völlig verfehlt scheint mir das große Projekt
für ein Ausstellungsgebäude von Dussart. Sortai's
„Restauration de la villa Hadriana ä Canosse" ist ein sehr
interessanter Versuch des begabten jungen Architekten,
Meissonier's „Hotel souterrain au sommet du Mont-Blanc"
aber wohl nur als ein geistreicher Scherz anzusehen.
Im Allgemeinen überwiegen Aufnahmen, Reiseskizzen
u. dergl., die oft genug von bemerkenswerten zeich-
nerischen Fähigkeiten Zeugnis geben. Aber hiervon
haben wir in den anderen Sälen doch schon mehr als
übergenug genossen.

DIE MÜNCHENER JAHRESAUSSTELLUNG
IM GLASPALAST.

I.

Wenn man die einzelnen Ausstellungen der letzten
Jahre im Glaspalast und ihre fortschreitende Veränderung
sieli vergegenwärtigt, so fallen, wenigstens so weit man
ihre Taktik in Betracht zieht, ganz bedeutende Fortschritte
auf. Man weiß, wie wenig man heute noch von den un-
geheuer umfangreichen Kunstausstellungen hält, in denen
die besten Werke nicht zu Worte kommen und die
Marktware ihre Triumphe feiert; man weiß, wie die
Seeession den bestmöglichsten Ausweg aus dem Aus-
stellungsunwesen gezeigt und wie dann alle Welt und
jetzt auch der Staat zum mindesten die angewandten
Prinzipien anerkannte. An diesen Erkenntnissen ist auch
die Genossenschaft nicht achtlos vorübergegangen, was
am schlagendsten Zahlen beweisen: die diesjährige Aus-
stellung zählt fast nur den dritten Teil von Bildern, ver-
glichen mit derjenigen vor drei Jahren. Das ist eine gewich-
tige Thatsache; und sollte die Ausstellung dabei doch noch
nicht ganz so sein, wie die schaffenden und treibenden
Kräfte der Genossenschaft sie wohl möchten, so nmss
man dabei die ungeheuren Schwierigkeiten in Betracht
ziehen, die diese Vereinigung in sich selbst zu über-
winden hat, um dann um so lieber anzuerkennen, dass
hier viel geschaffen.

Der Eindruck, den man beim Durchwandern der
nicht überfüllten, an Zahl reduzirten Säle gewinnt, ist
ein äußerst repräsentabler. Mag man auch hie und
da auf Werke stoßen, die besser draußen geblieben
wären, so war man doch bemüht, die eigentliche Markt-
ware thunlichst auszuschließen und neben etlichen vor-
züglichen Arbeiten hängt eine große Zahl solcher, die
ein feines Können und ehrliche Bestrebungen verraten.
Allerdings hat auch die Jury grausam gehaust, — aber
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