Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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mal zugewiesene Gemälde herausgefordert hätte, vollends
zu schweigen. Terey citirt nun zwar sein Verzeichnis
als grundlegendes Quellenwerk gleich an der Spitze des
Artikels, verschweigt aber sorgfältig alle diese Unter-
lassungssünden, um dem Autor der „Baldung-Studien"
eine irrige Angabe über die Herkunft des Bildes vorzu-
rücken, die durch niemanden anderen als ihn selbst in
die Baldung-Litteratur eingeschwärzt worden ist. Über
die eigentliche Hauptfrage, die nach dem Urheber des
Gemäldes, beruhigt er sich bei der gegenwärtigen Ansicht
des Konservators der Baseler Sammlung, „der jeder
Kenner nur beipflichten könne". Auf die Kennerschaft
Terey's, der seine ältere Überzeugung, wie er sie schnell-
fertig ausgesprochen hat, nunmehr sang- und klanglos
fallen lässt, mag diese niedrige Selbsteinschätzung zu-
treffen. Kenner ernsteren Schlages sind mit einem Ge-
sinnungswechsel nicht so rasch zur Hand. Da ein neuer-
licher Appell an das stilkritische Urteil Terey's doch erfolg-
los bliebe, so diene seinem Autoritätsbedürfnisse zur
Nachricht, dass ein Kenner der Altdeutschen vom
Kange Ludwig Scheiblers die Baseler „Dreieinigkeit" schon
1886 dem Schreiber Dieses als echte Arbeit Baidungs
bezeichnet hat. Eine seit kurzem im Handel befindliche
Photographie (Gebr. Bossert in Basel) giebt übrigens
jedermann Gelegenheit zur Nachprüfung dieser Be-
stimmung.

Die recht flüchtig ausgeführte Votivtafel wird erst
von Interesse durch die Persönlichkeit des Stifters, des
Freiburger Katsherrn und Münsterpflegers Gilg Has,
dessen Porträt auf dem Hochaltar und dessen Name
auf dem von der Kirchenfabrik mit dem Maler abge-
schlossenen Leibgedingsvertrage erscheint. Dieser Ver-
trag ist undatirt; in der „Kunstchronik" wurde er in
das Jahr 1518 versetzt, in dem die Kente zum ersten-
male zur Auszahlung gelangte. Terey macht nun aus Frei-
burger Katsbücliern wahrscheinlich', dass der Kontrakt
schon ein Jahr früher abgeschlossen worden sein dürfte
— ein an sich geringfügiger, für das in Eede stehende
Gemälde wie für die Person seines Bestellers völlig
gleichgiltiger Nachweis, der durch das Pathos sittlicher
Entrüstung mit der die — um Ein Jahr! — abweichende
Datirung der „Baldung-Studien" verworfen wird, keines-
wegs an Bedeutung gewinnt. Nicht viel belangreicher
ist eine zweite Berichtigung, die Terey unter dem nämlichen
Pfauenradschlagen vorträgt. In einer Freiburger Chronik
der Zeit, die der verstorbene K. Hartfelder, der bekannte
Forscher auf dem Gebiete des deutschen Humanismus,
auszüglich veröffentlicht hatte — also in einer ganz
unverdächtigen Quellenpublikation, nicht in einer „abge-
leiteten Quellenschrift", die eine contradictio in adjecto
wäre — wird ein Metzgerzunftmeister Namens „Haas"
erwähnt. In dem Chronikartikel wurde nun beiläufig
die Frage aufgeworfen, ob dieser Haas mit unserem
Hüttenpfleger identisch gewesen, ohne dass die Iden-
tifizirung, wie aus dem Wortlaut der Stelle deutlich

hervorgeht, vollzogen worden wäre. Terey nimmt sie aber
als ausgemacht an, nur, um mit der Entdeckung glänzen
zu können, dass Hartfelder „Haas" für „Hans"' verlesen
und der Wirkliche Gilg Has nicht der Metzger- sondern
der Malerzunft angehört habe. Wie sehr er auch diese
Ermittelung überschätzt, beweist er dadurch, dass er
sie mit der Thatsache, dass der Maler Wolgemut und
sein Namensvetter von der Goslarer Branergilde ver-
schiedene Personen gewesen, auf eine und dieselbe Stufe
stellt.

Quis tulerit Gracchos de seditione quaerentes! Der
Verfasser des Gemäldeverzeichnisses hätte, falls er schon
einmal vom Berichtigungsdrange erfasst wurde, es wahr-
lich nicht nötig gehabt, sich mit derlei Kleinigkeiten
abzugeben. So viele und so schlimme Böcke in diesem
Verzeichnisse aufgestochen wurden, es gestattet noch
immer eine ungleich ergiebigere Nachlese als die „Baldung-
Studien". Erachtet er aber schon so unwesentliche
Einzelheiten der „Studien" einer langatmigen Polemik
wert, so wäre es Anstandspflieht, deren Autor auch dort
zu citiren, wo er ihn nicht ohne wesentlichem Nutzen
gelesen hat. In der „Kunstchronik", N. F. V, 224 war
auf die zum Snewelin-Altare gehörige „Verkündigung"
in der Freiburger Domkusiodie verwiesen worden,
deren Existenz Terey bei einer zweimaligen eingehenden
Besprechung des Altares (Zeitschr. f. bild. Kunst N. F.
I, 248 ff. und im Gemäldeverzeichnisse) unbekannt ge-
blieben war. Dieser Hinweis gab zur Auffindung des
verschollenen plastischen Mittelstückes des Altares am
nämlichen Orte Anlass. In einem besonderen ,,Keper-
torium"-Artikel nahm nun Terey die „Wiederauffindung" des
ganzen — in Freiburg, nebenbei bemerkt, gar nicht ver-
gessenen und noch in Marmons populärem „Münstor-
büchlein" von 1878 (englische Ausgabe 1886) beschrie-
benen — Altarwerkes für sich in Anspruch, ohne des
Weges, auf dem er zu seiner Vervollständigung gelangt
war, zu gedenken. Da er neuerdings Neigung bekundet,
stets auf die letzten „Quellen" zurückzugehen, so wird
ihm die Erinnerung an den Anreger seines „Fundes"
schon für eine allfällige dritte „Wiederentdeckung" des
Snewelin-Altares, zu der bei Auftauchen der noch fehlen-
den Außenfliigel Gelegenheit wäre, nicht unwillkommen
sein. STIASSNY.

BÜCHERSCHAU.

Die Fischer von Erlach. Mit Förderung des k. k. Mi-
nisteriums für Kultus und Unterricht herausgegeben von
Albert Itg. I. Leben und Werke Joh. Bernhard Fischers
von Erlach des Vaters. Wien, C. Konegen. 1895. XIII
u. 819 S. Mit einem Porträtstich, des Künstlers von
Fahrnbauer. 8".

* Der vorliegende sehr starke Band bildet den ersten
Teil eines lange vorbereiteten Werkes, welches den Biogra-
phien und den architektonischen Schöpfungen der beiden
hochbedeutenden österreichischen Barockbaumeister gewidmet
ist. Der Verf. selbst will jedoch seine Schrift nur als eine
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