Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Studien jedoch sollen sich nicht auf die durch das Auge ge-
schauten photographischen Details des Äußeren beziehen,
sondern ein intuitives Erfassen des Wesens der Dinge
sein. So erhält die Kunst das psychologische, das ewig
moderne Element.

Dies Verfahren vermisst man ein wenig bei Spatz.
Doch er ist ein aufrichtiger, ernster Künstler, der unsere
Nerven, wo er seine eigene, Melodie anschlägt, schon in
Schwingung zu bringen vermag. Das Lied vom Weibe
ist des Malers mit Vorliebe gepflegtes Thema. Aber
er ist kein Erotiker und daher ist sein Weib weder
die venns genetrix des Gabriel Max, noch jener, das
Sexuelle überwunden habende astrale Weibtypus, den
Fernand Khnopff und Bume-Jones gestalten. Sein
Weib ist die reine Jungfrau, in der das Geschlecht
noch latent liegt; und wenn er eine Stufe weiter, zur
Mutter geht, so ist auch sie kein Weib als Geschlechts-
typus, sondern nur die Verkörperung der Liebe zum
Kind. Dies Lied vom Weibe ist Spatz' Leitmotiv, es
kehrt immer wieder. Die biblischen Motive, aus denen
er ihn jeweilig entwickelt, sind rein nebensächlich.

Mitten zwischen der alten und dieser neuen Koniantik
steht Alexander Frenz. Ihm wäre mehr Vertiefung zu
wünschen, und eine Dosis der soliden Sachlichkeit Arthur
Kampfs käme ihm sehr zu statten. Seine skizzen-
haften Entwürfe sind oft von lockendem Eeiz, großen
Ausführungen gegenüber hat man meist die Empfindung
des Unvollkommnen: die Idee ist da, oft gut; der an-
geschlagene Farbenton auch gut, doch fehlt es sowohl
an der nötigen Vertiefung der Idee wie der für Frenz
erforderlichen Durchführung des Technischen. So auch
diesmal sein Bild, „der Jüngling am Scheideweg".
Hechts mahnt tauben Ohren die Sendbotin der Askese,
links zieht magnetisch das Auge an die schwüle
Sinnenglut des Lebens. Das Bild vereinigt die angeführten
Mängel.

Eine der originellsten Erscheinungen, nicht nur des
jungen Düsseldorf, sondern der modernen Malerei über-
haupt, ist entschieden Gerhard Janssen. In einer Zeit,
der man nach Überwindung des Naturalismus sich in oft
recht anämischer Mondschein-Romantik ergeht, macht er
das Gebiet der tendenziösen Armeleute-Malerei von einst
zu einem Ostade'schen Schöpfungsfeld, einen grandiosen
Humor anschlagend, dem man zu Zeiten gern sein Auge
leiht; dauernd lässt sich bekanntlich keine Speise ge-
nießen. Seine Scenen betrunkener musizirender Prole-
tarier sind wahre Kabinettstücke.

Die Düsseldorfer Landschafterschule, heute reicher
vertreten als die Figurenmalerei, erhebt sich im allge-
meinen nicht über deren Niveau; respektable Tüchtig-
keit ist auch hier die hervorzuhebende Eigenschaft.
Man hat gelernt, die Natur unter den neuen Licht- und
Gefühlswerten zu schauen und versteht, sie nach den
Rezepten der bekannten Bahnbrecher wiederzugeben. Das
Oberhaupt der jungen Schule ist Öla-f Jernberg. Er,

auch außerhalb Düsseldorf bekannt und geschätzt, giebt
neben einigen kleinen Perlen ein großes Bild, „Feldpartie
im Juni", das eine gewisse Unruhe nicht überwindet.
Es ist überhaupt Jernberg's starke Seite nicht, den
Sommer zu malen. Ich habe noch keine Sommerland-
schaft von ihm gesehen, die sich seinen kostbaren Vor-
frühlingsbildern gleichstellen ließe. Jernberg's Jahres-
zeit ist der Monat März und der November, wenn das
Laub schon wieder von den Bäumen ist Darin liegt
gewiss eine Einseitigkeit, doch kann man schon damit
zufrieden sein. Auch die Schneelandschaft vermag er
geschickt wiederzugeben. Die Vorliebe und das vor-
zügliche Auffassungsvermögen dieser Jahreszeiten scheinen
begünstigende. Eigenschaften, seine Rasse zu sein, denn
sie birgt jene lyrische Psychologie, die den modernen
schwedischen Dichter so hervorragend kennzeichnet.

Die übrigen Landschafter, Eugen Kampf, Liesegang,
Hermanns, Herzog, Wendling, schaffen alle aus denselben
Bedingungen und leisten, wenn auch nicht Jernberg Eben-
bürtiges, so doch durchweg Tüchtiges, das Beste, das
augenblicklich die Landschaft hier zu bieten vermag.

Solches sind die Leistungen des „St. Lukas-Klub",
somit die des repräsentativen jungen Düsseldorf über-
haupt. Bei ihrer Lage kann man sich des Gefühls nicht
erwehren, als sei bis auf weiteres nun wieder ein Still-
stand in die junge Kunst Düsseldorfs getreten, nachdem
sie durch die Transfusion des neuen Geistes einen be-
achtenswerten Aufschwung erlebt. Man vermisst unter
ihr eine souveräne werbeschaffende Kraft. Die Kunst
ist überall in einen Standpunkt des ruhigen Schaffens ein-
getreten, Sturm und Drang sind vorüber, das gegebene
Losungswort ist längst in aller Mund und wer es ver-
mag, schafft nach ihm so gut er kann. Düsseldorf
scheint, da es eben in Deutschland nur die dritte im Bunde
ist, nie über einen gewissen Grad hinaus zu können,
es wird immer Provinz bleiben. SCURATOW.

GOETHE-KOMMENTARE ZUR KUNST UND
KUNSTGESCHICHTE.

Wir erfreuen uns keines besonderen Reichtums an
j guten Erläuterungsschriften zu unserem größten Autor.
In den unten angegebenen drei Bänden der Kürschner-
schen National-Litteratur wird die Lücke hinsichtlich
der Schriften Goethe's, die sich auf Kunst und Kunst-
geschichte beziehen, in musterhafter Weise ausgefüllt.
Das konnte nicht gut anders geschehen als durch Arbeits-
teilung, bei der Dr. Witkowski die litterarische und
philologische, Dr. Meyer die historische und artistische
Arbeitshälfte übernahm. Die Übereinstimmung der beiden

1) Deutsche National-Litteratur, herausgegeben von Jo-
seph Kürschner. Goethe's Werke, 27., 28. und 30. Teil, heraus-
gegeben von Dr. Alfred Gotthold Meyer und Dr. Georg
Witkowski. Stuttgart , Union (Deutsche Verlagsgesell-
schaft). 8.
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