Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau. — Kunstblätter.

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diese Zweifel und Fragen sind Nebensache gegenüber
dem überwältigenden Eindruck dieses Meisterwerkes der
Malerei, das für den Preis von 135000 Lire von einer
französischen Gräfin Chevigne erworben wurde. Die
Wiederholung eines bekannten Bildes der Dresdener
Galerie, Nr. 57 (in Dresden Nr. 221 als „Unbestimmter
Venezianer") ein Liebespaar, Brustbilder, darstellend,
trug auf der Mütze des Mannes die Bezeichnung:
FRANCESCO MANCINI (nicht „Manzini", wie der Ka-
talog angab). Ich halte dieses wie auch das Benson'sche
Exemplar für geringer als das der Dresdener Galerie;
es erreichte auch nur den Preis von Lire 1300. Dieser
anderweitig nicht bekannte Francesco ist offenbar ein
Zeitgenosse und vielleicht auch Verwandter des durch
eine Signatur bekannten Domenico Mancini. Das
Dresdener Bild kann jenem demnach auch nur ver-
mutungsweise zugeschrieben werden. Von den übrigen
Bildern sei noch erwähnt eine hl. Katharina in ganzer
Figur, sitzend, von dem Genuesen Bernardo Stro%%i,
wofür 6000 Lire bezahlt wurden. J. P. RICHTER.

BÜCHERSCHAU.

Studien zur Geschichte der plastischen Dar-
stellungsformen von Alfred Gotthold Meyer. I. Zur
Geschichte der Renaissance-Herme. (Hermen in Holz-
schnitt- und Kupferstich-Folgen.) Mit einer Tafel. Leipzig,
W. Engelmann. 1894. 28. S. 4. Preis: M. 2.40.
Der treffliche junge Gelehrte, der sich durch seine
Forschungen auf dem Gebiete der italienischen Plastik und
als Goethe-Kommentator in verschiedenen Fachkreisen vor-
teilhaft bekannt gemacht hat, beginnt in der vorliegenden,
ursprünglich als Gratulationsschrift für den verstorbenen
Joh. Overbeck erschienenen Abhandlung eine Reihe von
Studien zu der Geschichte der plastischen Darstellungsformen,
die sich in mannigfacher Hinsicht fruchtbar erweisen. Den
Inhalt der Studie bildet eine Ubersicht der Umwandlungen,
welche die uralte Form der Herme durch die graphischen
Künste der Renaissance erfahren hat. Es ist das freilich
nur ein Ausschnitt aus der weiten und gestaltenreichen
Kunst der Renaissance überhaupt. Und speciell für den vor-
liegenden Stoff würde die Erweiterung nach der plastischen
Seite hin gewiss manche neuen Gesichtspunkte darbieten.
Aber der Zweck, den der Autor verfolgte, war vornehmlich
der, zu zeigen, wie frei die Phantasie der Künstler des 15.
bis 17. Jahrhunderts mit der antiken Hermenform geschaltet
hat, und für diesen Gesichtspunkt bieten besonders die
Holzschnitte und Kupferstiche jener Perioden eine Fülle der
merkwürdigsten Beispiele. Das antike Symbol des Gottes
Hermes spielt in diesem Formenkonzert nur eine unter-
geordnete Rolle; sehr ergiebig -zeigt sich die Renaissance-
Phantasie dagegen in der dekorativen Ausbildung der Herme
als der Karyatide verwandte Stütze; am üppigsten waltet
sie auf dem rein ornamentalen Gebiet, wo die Herme als
Element der Groteskenwelt erscheint. Die von dem Ver-
fasser ausgewählten und durch Wort und Bild erläuterten
Beispiele der Entwickelung reichen von der Hypnerotomachia
Poliphili (1467) bis auf die Monstra des Frankfurter Malers
Daniel Meyer (1609). Die Holzschnitte in der Hypnerotomachia
stehen dem antiken Symbol geistig und formal noch ver-
hältnismäßig nahe. In den Fratzen Daniel Meyer's ist aus

der Herme ein förmliches plastisches Stillleben aus Rüben,
Schinken, Würsten und Geflügel von unglaublicher Ge-
schmacklosigkeit geworden. — Von beiläufigem Interesse
ist die Bemerkung des Autors, dass hermenartige Bildungen
im Mittelalter nicht nachweisbar sind, während tragende
Figuren in ganzer Gestalt (nach der Weise der Telamonen
oder Atlanten) bekanntlich jener Zeit nicht fehlen. Schließ-
lich eine kritische Bemerkung zu der allgemeinen Einleitung
des Verfassers, in welcher sich derselbe mit der vielver-
sprochenen Frage über die Entstehung der Hermenform im
Altertum und mit ihrer ästhetischen Würdigung befasst.
Die Herme, sagt er mit Recht, ist „eine von der Entwickelung
der Statue völlig zu trennende selbständige plastische Kunst-
form". Nicht richtig scheint es uns dagegen, oder wenigstens
leicht misszudeuten, wenn er hinzufügt, dass der organische
Bestandteil der Herme (der Kopf oder der Oberkörper) sich
zu dem anorganischen (dem Pfeiler oder dem konsolenartigen
Gebilde) ähnlich verhalte, wie etwa das Kapitell zum Säulen-
schaft. Die letzteren sind nach unserer Anschauung völlig
adäquate, zu einem künstlerischen Organismus zusammen-
gewachsene Elemente, während Kopf und Pfeiler der Herme
disparater Natur sind und nur äußerlich an einander haften.

O. v. L.

KUNSTBLÄTTER.

* Der Radirer Max Horte in Berlin, der in den letzten
Jahren sowohl durch Reproduktionen von Gemälden, z. B. der
Sixtinischen Madonna in ungewöhnlich großem Maßstabe,
als auch durch Originalradirungen (Bildnisse von Bismarck
und Moltke) Beweise einer starken Begabung für malerische
Wirkung bei durchaus gewissenhafter und solider Zeichnung
gegeben hat, hat vor kurzem das Wagnis unternommen, die
bereits sehr lange Reihe der Bildnisse Kaiser Wilhelms II.
noch durch ein neues zu vermehren. Bei der starken Kon-
kurrenz musste er sich wohl die Kraft zugetraut haben,
etwas leisten zu können, was wenigstens in der Ausdrucks-
weise seiner Kunst noch nicht da gewesen ist, und dieses
Ziel hat er erreicht. Seine Radirung, die im Verlage von
Raimund Mitscher in Berlin (Neu-Köln am Wasser Nr. 10)
erschienen ist, stellt den Kaiser stehend nur bis zu den
Knieen dar, misst aber 88 cm in der Höhe und 64 cm in der
Breite. Es ist also eine höchst respektable Fläche, die der
Künstler bei diesem Maßstabe zu bewältigen hatte. Er hat sich
aber seine Aufgabe keineswegs leicht gemacht, nicht etwa das
Hauptgeschäft der Effektmacherei der Farbe und dem Druck
überlassen. Die Platte ist vielmehr in allen Teilen gleich-
mäßig durchgearbeitet, so dass man nirgends auf tote
Stellen, auf für das Auge undurchdringliche Farbenflecke
stößt. Der Radirer hat zu tiefe Schwärzen nach Möglichkeit
vermieden und überall, wo es nur irgend anging, auf helle
Wirkungen gearbeitet. Der Kopf, der, fast ganz in Vorder-
ansicht dem Beschauer zugekehrt, sich gegen eine dunkle
Draperie absetzt, die Achselstücke, der gestickte Kragen, die
Fangschnüre der Generalsuniform, die rechte Hand, die sich
mit festem Griff auf den Säbel stützt, das silberne Portepee,
der Federbusch des Helms und die Handschuhe, die man
auf einem Tische zur Linken des Kaisers sieht, — das sind
zahlreiche Lichtpunkte, die dem dunklen Grundton in richtiger
Berechnung das Gegengewicht halten. Es ist nicht häufig,
dass bei Erzeugnissen der graphischen Kunst, deren Gegen-
stand auf das große Publikum berechnet ist, der künst-
lerische Sinn so reichlich befriedigt wird, wie durch dieses
Blatt. Ohne auf die Feinheiten seiner Kunst zu verzichten,
ohne die Hingebung zu vernachlässigen, die die Radirnadel
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