Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

wien berlin sw.

Heugasse 58. Waitenlmrgstraße 15.

Verlag von E. a. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: w H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VII. Jahrgang. 1895/96. Nr. 29. 18. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

die ausstellungen

der „new-gallery" in london.

Die Direktoren des Instituts haben sich die ebenso
verdienstvolle wie dankbare Aufgabe gestellt, in ihren
Räumen, außer der jährlich wiederkehrenden Ausstellung
moderner Meister, die gesamte Kunst einzelner Länder
oder bestimmter Epochen zur Anschauung zu bringen.
So fanden hier in vorangegangenen Jahren die höchst
gelungenen Ausstellungen der Stuart-Periode, demnächst
die der Tudor- und Weifen-Epoche statt. Hierauf
folgte die Vorführung der Kunstbethätigung während
der fünfzigjährigen Regierungszeit der Königin Victoria.
Alsdann hielten die frühen Italiener und Venezianer
hier ihren Einzug. Im Frülvj^v; war es die spanische
Kunst, welche in die Räume der „New-Gallery" ein-
kehrte, und die aus zwei zusammenwirkenden Ursachen
besonderes Interesse beanspruchte. Einmal weil uns
hier eine chronologische und ununterbrochene Kette von
Werken seit dem Jahre 1300 bis auf den heutigen Tag
zur Besichtigung geboten wurde, und weil zweitens
diese Bilder zum größten Teil aus Privatsammlungen
stammten, die für gewöhnlich nicht zugänglich sind.
Die eigentlichen Hauptträger der Ausstellung bildeten
Velazquez und Murillo, da letzterer allein mit 38
Werken im Katalog genannt wird. Unter diesen nahm
die „Maria Immaculata" des Grafen von Northbrook eine
der ersten Stellen ein. Das älteste, authentisch von
Velazquez herrührende Gemälde, „der Wasserträger", er-
regte schon aus genannter Ursache lebhaftes Inter-
esse, das noch dadurch erhöht wird, dass das Bild nach
der Schlacht von Vittoria sich im Wagen des fliehen-
den Joseph Bonaparte vorfand. — Goya, der den Über-
gang der alten zur neuen spanischen Schule vermittelt,
gelangte durch einige seiner besten typischen, im Privat-

besitz befindlichen Werke gut zum Verständnis, ebenso
Fortnny durch 14 und Pradilla durch mehrere seiner
eigenartigsten Werke. —

Die diesjährige Sommerausstellung moderner Werke,
hält sich — einige das Niveau überschreitende Aus-
nahmen abgerechnet — nur auf gut mittlerer Höhe.
Da gleichzeitig mit dieser Ausstellung auch die Royal.
Academy ihre Pforten öffnete, so wird den Künstlern
die Entscheidung oft ungemein schwer, welchen von
den beiden Kunstinstituten sie ihre wichtigsten Arbeiten
anvertrauen sollen. Obgleich nun weder Watts noch
Sir Edward Burne-Jones gerade ihre allerbesten
Bilder hierher sandten, so finden wir doch recht Charak-
teristisches und Interessantes von ihnen. Watts' „Zeit,
Tod und Gericht", ein allegorisches Bild von kleinerem
Umfange, lässt wiederum erkennen, dass es der Meister
versteht, der Symbolik Leben und Bewegung einzu-
hauchen, so dass er uns überzeugt. Die „Zeit" wird,
entgegengesetzt der traditionellen Convention, nicht
in einer älteren Figur, sondern vielmehr durch einen
nervigen, kräftigen jungen Mann, „der Tod" an dessen
Seite dagegen durch eine Frauengestalt personifizirt. Ihr
Auge ist trauernd zur Erde gesenkt, auf der zerstreut
verwelkte Blumen liegen. Auch zwei andere Bilder,
„Adam und Eva" vor und nach der Erkenntnis, zeigen
alle Vorzüge von Watts. Ein wirklich gutes allego-
risches Werk ist insofern nicht leicht zu schaffen, weil,
wenn es Erfolg haben soll, .der Schlüssel zur Fabel
leicht zu finden sein muss, und der Meister deshalb ge-
zwungen wird, seinen Vorwurf auf gewissen allgemein
anerkannten Vorstellungen aufzubauen. Ohne eine solche
Basis bleibt das Bild für das größere Publikum meist
unverständlich. Der Unterschied einer gelungenen Alle-
gorie, wie auch Olivier eine solche schuf, und dem
Gegenteil ließe sich leider sofort an andern Werken be-
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