Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Von der Millenniums-Ausstellung in Budapest.

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verschiedenen Nationalitäten, auch durch Besonderheiten
von bekannten Meistern.

So zeigt wieder Herlcomer zu den berühmten Por-
träts der „Drei Gründer meines Hauses", wie er die Land-
schaft sieht, Dasselbe thut Böcklin mit einem ebenfalls
bunt, im Stil des vorigen Jahrhunderts, gehaltenen Land-
schaftsbilde, wie wir es derart noch nicht von ihm
sahen. Machen es die Andern so, so macht er es einmal
anders; er ist ja immer der Gefolgschaft sicher.

Bei Walter Grane und Genossen denken wir daran,
wie anders wir in Deutschland zu Anfang dieses Jahr-
hunderts unsere malerischen Kämpfe durchrangen. Da
war für den jungen Cornelius die Malerei die Trägerin
des nationalen Gedankens, des germanischen und christ-
liche Ideals. Der deutsche Prärafaelitismus verband
sich mit der katholischen Beligion; die Kunst trat darin
in die zweite Linie zurück. So nimmt das Ankämpfen
an das Quattro cento einen andern Charakter an nach
Beginn und Verfolg. Spielen auch heute bei den Prä-
rafaeliten Englands und Frankreichs etliche derartige
Beweggründe mit, so haben doch die jetzt so beliebten
Meister des Quattro cento keine tiefere religiöse, sondern
nur künstlerische Bedeutung für die Gegenwart. Man
preist sie, man ahmt sie nach, knüpft bei ihnen an —
in London und Paris macht die Mode die Schule. Man
versteht sich dort darauf ganz anders als bei uns, neue
Strömungen auszunutzen. Das Kunsthandwerk greift zu.
Dekorativ lässt sich alles bei Chic und Stilgefühl ver-
arbeiten, und für so und so viele Jahre kann man bril-
lante Geschäfte machen, denn die Gesellschaft und der
Reichtum müssen die Mode mitmachen, die von der ton-
angebenden Elite protegirt wird. Und die Malerei ist
jetzt auch Modekunst

Wenn man sieht, wie derartige englische und fran-
zösische Meister wirken und — verdienen, und an unsere
Genelli, Schwind und Genossen denkt!

Bei den Schotten fällt uns der einstige Ossian-Kultus
ein. Jetzt sollen sie uns den Star stechen, Landschaft
zu sehen und zu malen. Berühmte deutsche Meister
haben umgesattelt. Klex- und Spachtelmalerei floriren.
Unter den jüngeren Meistern thut Reiniger-Stuttgart
sich besonders hervor: er hat eine Landschaft mit Häu-
sern in der .Ferne hingestrichen, die bewundernswert
ist für Fernblick und Luft und Licht, wenn man weit
genug zurücktritt. Bei manchen derartigen Bildern
genügt freilich nicht die Länge eines Zimmers oder
kleineren Saals; nur eine Eeitbahn könne dann aushelfen,
seufzte eine Kunstfreundin.

Die Holländer und Belgier, auch die Italiener, zeigen
in der Gesamtheit ihrer Ausstellungen die Besonderheit,
dass sie noch im alten Sinne daran denken, dem Pub-
likum zu gefallen; sie sind modern, aber sie wollen —
natürlich mit Ausnahmen — den Betrachter und et-
waigen Käufer nicht vor den Kopf stoßen; er soll nicht
sagen: das Bild kann ich in meinen Zimmern, in meinem

Salon nicht aufhängen. So gehören sie auch hier wieder
für das große „fatsoenlijke" Publikum zu den er-
freuendsten Meistern: sie sind fast alle längst anerkannt
und gepriesen.

Von Gh. Bisschop sei doch erwähnt, dass er sich,
entgegen seiner sonstigen koloristischen Sorgsamkeit,
den Scherz gemacht hat, das Publikum im Zweifel
darüber zu lassen, ob die Königin-Regentin von Holland
eine Schrunde am Kinn und etwas Blut unter der Nase
hat oder dies ein Farbeneffekt sein soll.

Porträts bekannter Persönlichkeiten reizen das
Publikum immer am meisten zur Kritik nach einer
oder der andern Seite. Neben Herkomer, Leighton,
Lenbctch, Fr. Aug. v. Kaulbach — die Dame in Weiß hat
unergründlichen Blick, — //. v. Angeli, Belüg, F. Sehauss
und anderen berühmten oder jüngeren aufstrebenden
Meistern hat Frau Parlaghi durch ihre Porträts des
Königs und der Königin von Württemberg die Auf-
merksamkeit und Kritik des Publikums auf sich gezogen,
besonders auch in Vergleichung mit dem tüchtigen
lebensgroßen Bilde König Wilhelms II. von Huthsteiner-
Stuttgart. Wir wollen hier nicht wie das Publikum
darüber debattiren, ob Frau Parlaghi die Ähnlichkeit
in der erfreuendsten Auffassung gebracht hat: eine wie
ausgezeichnete Porträtmalerin sie sein kann, zeigt das
Porträt des Erzbischofs von Stablewski.

Doch — möge dies genügen, um zu zeigen, dass
auch Stuttgart sich mit Erfolg bemüht hat, nicht zu-
rückzubleiben und in seiner Weise die Pflicht einer
Centraistadt in Bezug auf die Malerei zu erfüllen, die
jetzt mit all ihren Bewegungen Künstler und Publikum
in Aufregung versetzt. Die Teilnahme des Publikums
war von Anfang an die regste Die zahlreichen An-
käufe von Privaten — dass ein herrlicher Cour/nix
„Ausziehende Schafheerde" in der Stadt bleibt, sei als
besonders erfreulich hervorgehoben - dann für die
Lotterie und für die Staatssamnilung lassen auch in
dieser Beziehung die Künstler zu ihrem Recht kommen.

Mögen die nun folgenden, oben genannten Aus-
stellungen und Feste ebenso glücken, wie diese zweite
internationale Gemäldeausstellung. L.

VON DER MILLENNIUMS-AUSSTELLUNG
IN BUDAPEST.

Wenn diese Zeilen erscheinen, ist die große Aus-
stellung bereits eröffnet, in der die ungarische Nation
die Früchte ihrer tausendjährigen Existenz der allge-
meinen Besichtigung zugänglich macht. Die interessan-
teste Gruppe wird entschieden die historische Abteilung
sein, auf der Insel im Stadtwäldchen, deren Bauten nach
alten Mustern der Architekt Ignax Alpdr errichtet hat.
Vom Beginn des X. Jahrhunderts, der Blütezeit des
romanischen Stils angefangen, sind alle Bauarten in all
ihren Formen hier in geschickter Imitation vertreten, mit
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