Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL VON LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN

Heugasse 58.

BERLIN SW.
Wartenburgstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VII. Jahrgang.

1895/96.

Nr. 21. 2. April.

Die Kunstehronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

Da ich vom 27. März bis 27. April d. J. zu Studienzwecken verreise, bitte ich alle Ein-
sendungen während dieser Zeit direkt an die Verlagshandlung nach Leipzig zu adressiren.

Wien, Mitte März. c. v. LÜTZOW.

SCHWANKUNGEN DER BILDERPREISE.

Aus dem Hotel des ventes in Paris kamen jüngst
Nachrichten von schlechten, sehr schlechten Bilderpreisen.
Ein Millet hätte nur 1950 Franken, ein Conrbet nur
1000, ein Chaplin nur 500 erzielt. Und Millet ist doch
zeitweilig einer der bestgezahlten Namen des Jahr-
hunderts gewesen. Die Erklärungen, die Viele für solche
auffallende Erscheinungen rasch bei der Hand haben,
sind meist sehr dehnbar und erinnern nicht selten an
die artigen Kombinationen lebensgewandter Kurärzte, die
für alles ein Sprüchlein wissen. Ganz ohne auf die
Kausalität einzugehen, kann man ja überall, wo eine
gewisse Überspannung und Überreizung eingetreten ist,
eine darauf folgende. Erschlaffung und Abspannung voraus-
sagen. Fast alles, was mit den menschlichen Nerven in
irgend einer Verbindung steht, unterliegt dieser unver-
kennbaren Wellenbewegung, die sich denn auch in den
Bilderpreisen unschwer beobachten lässt. Sogleich bei
Jean Francois Millet. Jeder Gemäldefreund hat davon
gehört, wie schlecht Millet zu seinen Lebzeiten bezahlt
worden ist. Dann gegen Ende seines Lebens entdeckte
man ihn förmlich; es kamen die Preissteigerungen nach
seinem Tode. Bedeutende Werke seiner Hand wurden
bald mit 10 000 bis 133 000 Franken bezahlt. Man
erinnere sich an die Vente Wilson, bei der das nunmehr
berühmt gewordene Bild „Angelus" um 165 000 Franken
an Secretan überging. Bald darauf, 1882, aber kommen
auch ganz bescheidene Preise vor, z. B. von nur
450 Franken für ein Bild desselben Millet. Es war auf
einer Versteigerung minderen Ranges. Eine Reaktion
auf die überspannten Ziffern de's Jahres 1881. Schon

1883 gab es "aber, wieder ganz närrische Angebote. Eine
Millet'sche Zeichnung in farbigen Kreiden ging damals
auf 11 000 Franken. 1884 wieder ein Rückschlag. Von
einer Versteigerung am 4. Februar 1884 im Hotel
Drouot schreibt Eudel: „Les Rousseau et les Millet se
vendaient ä peine 200 francs". In den nächstfolgenden
Jahren gehts wieder ganz toll hinauf, bis 14000 Dollars (I)
im März 1886. Dann wieder Schwankungen, bis 1889
auf der Secretan'schen Versteigerung für den ,.Angelus"
der wahnwitzige Preis von 553 000 Franken erreicht
wurde. Liest man die Berichte über die Vorgänge bei
dieser Auktion, so hat man freilich die Überzeugung,
dass künstlich geschraubt und getrieben wurde und
das in ganz ungewöhnlicher Weise. Aber erzielt wurde
der unvernünftige Betrag eben doch. Was unter ganz
außerordentlichen Umständen erreicht wurde, konnte
nicht zur Regel für gewöhnliche Verhältnisse werden.
Die Preise gingen eben wieder zurück. Und so hörte
man es auch in jüngster Zeit. Vielleicht gehen die
Milletpreise noch weiter herunter. Auf Kassandrarufe
gebe ich übrigens nichts, auch hier nicht. Es ist ein-
fach unberechenbar, wie sich die Preise schon morgen
gestalten werden. Hinterher, nach Monaten, Jahren,
Decennien ist allerdings der ursächliche Zusammenhang
oft ganz merkwürdig klar, aber nichts wäre mehr unklug,
als sich über Bilderpreise vorhersagend äußern zu wollen.
Fehlt es doch dazu an nahezu allen Vorbedingungen,
in erster Linie an einer festen geschichtlichen Grund-
lage, auch wenn man zugeben will, dass neuestens ver-
einzelte Versuche gemacht worden sind, das Studium
der Gemäldepreise in wissenschaftlicher Weise zu be-
treiben. Im allgemeinen aber begegnet man noch den
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