Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Adolf Menzel-Ausstellung in Wien.

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den gewöhnlichen Gyps so abscheulich macht. Seit län-
gerer Zeit hat kein plastisches Werk mich in solchem
Maße gefesselt. Hier darf man von einem wahrhaft
packenden „document humain" reden. Im socialen Boden
wurzelnd, durchschneidet es das Gemüt wie diese Pflug-
schar den Acker. Mitten aus der unmittelbaren An-
schauung der Gegenwart gegriffen, erhebt es sich zur
edelsten Kunstschöpfang, und es will mir scheinen, als
vermöchten diese ums liebe Tagebrot ringenden Menschen,
die wie Tiere vor den Pflug gespannt sind, ohne ihre
Menschenwürde preiszugeben — jede Übertreibung ins
Rohe ist vermieden — unsere Teilnahme doch in etwas
höherem Grade zu wecken, als das gegenüber aufgestellte
Denkmal in seiner „officiellen" Würde, die Porträt-Votiv-
Statue des Fürsten-Kardinals Schwarzenberg von J. v.
Mijslbeck.

Erwähnt man schließlich die talentvollen Porträt-
Bronze-Medaillons von Wilhelm Ile/jda und die Gyps-
büste (Porträt des Theologie-Professors Vincenz Luksch)
von Theodor Gharlemont, so ist vielleicht der flüch-
tige Rundgang damit beendet — die tüchtigen Werke
noch nicht. Aber die encyklopädische Kritik ist ein
Unding. Alles in allem: eine erfreuliche Ausstellung.

DIE ADOLF MENZEL-AUSSTELLUNG
IN WIEN

scheint einen besseren Erfolg zu haben, infolge größerer
Vollständigkeit, als ihr in Berlin zuteil geworden. Die
Räume des Künstlerhauses, deren Mittelsaal im ersten
Stock nebst zwei Nebensälen Menzel gewidmet sind,
haben sich wenigstens über schlechten Zuspruch nicht
zu beklagen. Seit dem ersten April strömt Jung und
Alt hinein, „um Menzel zu sehen". Aus Wiener Privat-
besitz ist eine Anzahl weniger bekannter Bilder mit
ausgestellt und, was die Hauptsache ist, ein. wichtigster
Teil seiner Arbeiten für das Volk: seine Holzschnitte
sind zum großen Teil herbeigeschafft worden und eine
Menge Lithographieen und Radirungen. Gegen die Be-
deutung dieses Zweiges seines Schaffens müssen für uns
die den Meisten schon so bekannten Ölgemälde wohl
diesmal in der Besprechung zurücktreten. — Unter den
Wienern sind es vornehmlich zwei Privatsammler, welche
zur Vervollständigung der Ausstellung wesentlich bei-
tragen : Dr. Paul Kuh und Dr. Max Strauß. Der Anteil
des ersteren umfasst Aquarelle oder Gouaches, Bleistift-
zeichnungen und Federzeichnungen: („Eine strickende
Dame" und „Ein Grenadier") eine „Pfarrkirche in Inns-
bruck", eine „Marktscene in Verona" (Aquarell) und
„Im Eisenbahncoupe"; nicht zu verwechseln mit der be-
kannten „Fahrt durch schöne Natur", aber von ebenso
feiner Ironisirung, obgleich nur zwei Figuren das Coupe
„bevölkern": „Sie" blickt gelangweilt aus dem Fenster,
während „Er" ihr, schlafend, seine unidealste Seite zu-

kehrt. Man hört ihn förmlich schnarchen! — Zu den
Strauß'schen Beiträgen gehören eine größere Anzahl von
Originalzeichnungen und Studien, darunter ein „sticken-
der Japanese", ein „Hausportal" und mehrere Gouaches;
ich nenne nur den köstlichen „Chinesen mit Silber- und
Goldfasanen", dessen entzückender Farbenreiz und witzige
Beobachtung mit dem technischen elan wetteifern; diese
flotte Gouachetechnik ist doch so recht das Lieblingsfeld
des älteren Menzel. In einer ganzen Reihe von den
im Besitz der Nationalgalerie zu Berlin befindlichen
„Darstellungen aus dem Kinderalbum" mit Wasser- und
Deckfarben hat er diese Technik zu kleinen Kabinett-
stückchen verwendet; sie sind übrigens schon öfter außer-
halb Berlins zur Ansicht gekommen und seien diesmal
nur erwähnt. Unter den Zeichnungen waren das in Blei-
stift ausgearbeitete „Verunglückt", datirt von diesem
Jahre, sowie das ältere Blatt „Gerichtsscene aus dem
Zerbrochenen Krug" (Federzeichnung aus dem Besitz des
Herrn Carl Meister in Hamburg) mir unbekannt. Nun
zu den herrlichen Holzschnitten und Steinzeichnungen!
Sie sind das, was Menzel am engsten mit seinem Volk,
mit Preußen und seiner Geschichte verbindet. Die schon
in den Jahren 1836/37 von der Firma L. Sachse & Co.
in Berlin herausgegebenen „Denkwürdigkeiten aus der
brandenburgisch-preußischen Geschichte" muten uns heute
eigentümlich an. Wie diese Blätter eine merkwürdig
logische Kette bilden, — logisch, wie Menzel selbst!
Von „Vicelin predigt den Wenden das Christentum" zu
der „Einnahme der Festung Brennabor", zur „Schlacht
bei Fehrbellin", zum „Choral von Leuthen", „Friedrich
der Große am Vorabend der Schlacht", die „Freiwilligen
von 1813" und endlich das Ölbild „Kaiser Wilhelms I.
Abfahrt zur Armee am 31. Juli 1870": das ist die Ge-
schichte der Hohenzollern, die Geschichte Preußens und
dadurch Deutschlands Werdegang in den großen Etappen
seiner Geburt, Jugendzeit und Mannbarkeit. Jede der
von Menzel mit sicherstem Gefühl herausgegriffenen
Schilderungen sind die Momente der schweren Krisen
gewesen, jene Zeiten, da ein ganzes Volk wie auf einmal
tief Atem holt und sich als Träger seines Geschickes
empfindet. Das wird, neben ihrem künstlerischen, den
kulturhistorischen, untilgbaren Wert dieser Menzel'schen
I Blätter für alle Zeiten sicherstellen. Er hat eine
deutsche Geschichte geschrieben auf Holz und Stein, die
beredter ist als Worte und Zahlen; sie lebt ein tiefes
inneres Leben in diesen Steinen; sie ruht in dem kraft-
vollen Arm des Großen Kurfürsten, in dem festen Tritt
der Grenadiere, in den großen, weitgeöffneten Augen
Friedrichs II. und der begeisterten Hingebung seiner
Generale — und sie leuchtet endlich klar und ruhig in dem
ernsten Blick des Königs Wilhelm, während er, durch
die Straßen der Hauptstadt fahrend, den Mühsalen und
Gefahren des Krieges entgegengeht. Das ist deutsche
Geschichte, von der Meisterhand eines Historikers nieder-
geschrieben, der ihren Inhalt zusammenfasst mit dem
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