Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Adolf Menzel-Ausstellung in Wien.

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Blick des großen Künstlers und ihre Einzelheiten er-
forscht mit dem Eifer des Gelehrten. In dem Werke:
„Die Armee Friedrichs des Großen und ihre Unifor-
mirung" kommt dieser Gelehrte zum Ausdruck; für
Menzel ist kein noch so nebensächliches Teilchen der
äußeren Erscheinung entbehrlich; bis zum letzten Sattel-
knopf muss er alles haben, denn für ihn hat auch der
eine Bedeutung, ist er der äußere Ausdruck für etwas,
das vom Wesen des Ganzen nicht getrennt werden darf.
Mit gleicher Liebe und doch dabei ohne Erregung, ruhig
und manchmal mit einem schalkhaft ironischen Seiten-
blick des forschenden Auges, so geht Menzel umher und
sammelt Notizen. Entweder ist es ein Uniformstück,
ans Sanssouci ein Barockmöbel, oder ein Rotkehlchen im
Busch, eine Eidechse im Walde, ein Uhu im Dickicht,
ein schillernder Goldfasan, oder — Graf Moltke's Feld-
glas aus dem Jahre 1870. — Von den aquarellirten
Porträts sind die meisten vollzählig aneinander gereiht
in langer Kette; dass sie nur etwa halbe Lebensgröße
haben, kommt ihnen sehr zu gute. Denn Menzel's Art
passt nicht für Lebensgröße und weite Flächen. Das
beweist sowohl der gute alte „Daniel Chodowiecki, zeich-
nend auf der Jannowitzbrücke", wie das Menzel so un-
ähnlich wie möglich gemalte konventionelle Historienbild
alten, „seligen" Andenkens: „Friedrich der Große und
Joseph der Zweite im Schloss zu Neisse". Wer kann
diese komponirte Anekdote im ersten Augenblick für
einen Menzel halten? Bei näherem Zuschauen merkt man
wohl hie und da etwas — in Gestalt und Zügen des
alten Fritz — aber man muss danach suchen. Ein
Historienmaler „großen Stils" ist nicht an Menzel ver-
loren gegangen; vielleicht wurde er gerade deshalb der
bahnbrechende Keformator. Denn hätte er noch so viele
solcher Bilder wie dieses und das vorhergenannte gemalt,
„richtige Menzel's" wären's nimmer geworden! Auch der
eine Versuch, in das Gebiet der religiösen Historie über-
zugreifen, bleibt eben doch nur Versuch. Dieser „Christus
als Knabe im Tempel", der mir nun nach Jahren wieder
denselben „gemischten Eindruck" machte, bestätigt es;
so originell sonst diese satirische Auffassung immerhin
ist und so sehr die Klaue des Löwen darin steckt, welche
Bewunderung erweckt, so wird doch das Zwerchfell mehr
als das Herz gepackt.

Wo aber Menzel's Phantasie in natürlicher Eigenart
sich frei bewegt, da ist sie sprudelnd und überzeugend,
eine Mischung von tiefster Hingebung zur Kunst und
trockenstem Witz. Die kleine Gouache „Erinnerung an
den Einzug des kronprinzlichen Paares in Berlin, Jänner
1858" und der „Aschermittwochmorgen im Berliner Tier-
garten" sind Momenteindrücke von echtester Prägung.
Wer erkennt das nicht in der Gruppe von „schwankenden
Gestalten" auf dem Karnevalsbildchen, oder an jenem
Cylinderhut. dessen Eigentümer entblößten Hauptes dem
Einzug, den wir leider nicht mitsehen, von den Zweigen
des Baumes aus zuschaut? Das sind Selbsterlebnisse;

j und auch jenes Nachtbild „Straßenecke bei Mondschein",
mit den beiden Figuren auf dem Balkon, hinter denen
ein Blick in den erleuchteten Tanzsaal fällt, erscheint
wie die Erinnerung an einen letzten Blick, den der
Künstler auf dem Heimwege hinter sich geworfen hat.
Am fruchtbarsten entwickelt sich die realistische Phan-
tasie bei Diplomen und Adressen, so bei der herrlich
gemalten „Adresse des Magistrats und der Stadtverord-
neten von Berlin zum 18. Oktober", in seiner Art das
Exquisiteste, was die Ausstellung diesmal birgt. Hier
decken sich Komposition und Ausführung vollkommen
und Einzelnes; wie z. B. die kleine Gruppe vor dem
Standbild des Großen Kurfürsten, von dessen Thaten
der Hofmeister dem jugendlichen, begeistert aufblickenden
Prinzen erzählt, sind nicht zu übertreffen.

Wenn es noch einer Bestätigung bedürfte, dass die
Barockarchitektur die „malerischste" von allen ist, so
kann Menzel sie geben. Und er hat es hundertmal
gethan. Proben davon, wenn auch wenige, sind auch
auf dieser Ausstellung, Salzburger und Innsbrucker
Kirchen-Interieurs und -Exterieurs u. a.

Wie seltsam die Franzosen, bewusst oder unbewusst,
auf unseren Altmeister dereinst eingewirkt haben —
er hat die Schuld später mit Zinseszinsen zurückgezahlt,
und noch etwas dazu — das kann man an einigen Land-
schaften frühen Datums erkennen. Das markige Bild
„Im Palaisgarten des Prinzen Albrecht von Preußen"
mit der grauen Luft und den sattgrünen, struppigen
Pappeln im Vordergrund mutet uns von weitem wie ein
echter Courbet an; eine der stimmungsvollsten, dunkel-
gehaltenen Figurenkompositionen, bei der sein ganzer
Reichtum in kleinen Dimensionen schon zum Ausdruck
kommt, sind „die Märzgefallenen". Eins der dunkelsten
Blätter der Geschichte sind sie und so hat auch Menzel
diesen Gegenstand düster gehalten, schwere Trauer liegt
darüber und kein begeistertes Heldenauge blitzt freudig
auf, wie in seinen Schlachten, mit denen er Preußens
Werdegang in der Geschichte zeichnet.

Die Radirungen sind recht zahlreich vertreten, am
interessantesten auch hier die kloinen Blätter voll witziger
Apercus, so der „Holzplatz", die „Landstraße" und jene
köstlich gezeichnete Katze (Federzeichnung), die mit der
Perrücke davongeht. Das Blatt lässt die Einbildungs-
kraft spielen; die diebische Katze und die „alte Perrücke",
was kann damit gemeint sein? — —

Über Adolf Menzel zu schreiben, ist verlockend, aber
Neues kann man kaum sagen, ohne Gefahr, in Lang-
atmigkeit zu verfallen. — Es mag noch erwähnt sein,
dass der Ausstellung der radirte Kopf Menzel's von
Stauffer und das Ölbild Max Koner's beigegeben sind.
Letzteres stellt den Altmeister in Lebensgröße dar (Knie-
stück) und ist ohne Zweifel, rein künstlerisch betrachtet,
ein treffliches Werk, eine der besten und charakteris-
tischsten Arbeiten Koner's.

W. SCHOLEh'MÄNN.
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