Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Photographie in der Kunstwissenschaft.

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Samstag, den 3. Oktober:

9 Uhr: Zusammenkunft im kunstgewerblichen Museum.
Kommissionsberichte.

Mitteilung des Herrn Prof Dr. M. Schmid-Aachm über die Verwendung des Skioptikons im kunst-
historischen Unterricht.

Vortrag des Herrn Dr. Th. v. Frimmel: Plan eines Museums für Gemäldekunde.

Besichtigung der für das kunsthistorische Museum in Budapest gemachten neuen Erwerbungen.
2 „ Gemeinsames Mittagessen.
6 „ Kommissionsberatungen.

8 „ Gesellige Zusammenkunft nach besonderem Programm.

Für Sonntag den 4. Oktober ist die Teilnahme der Kongressmitglieder an der feierlichen
Eröffnung der S. Gerhardsbrücke in Budapest und die Besichtigung der Sammlungen des Nationalmuseums, für
Montag und Dienstag den 5. und 6. Oktober sind gemeinsame Ausflüge nach Oberimgarn beziehungs-
weise nach Siebenbürgen in Aussicht genommen. Die Programme hierfür sowie für die Abendunterhaltungen
während der Kongresstage werden vom Budapester Lokalkomitee seinerzeit ausgegeben.

DIE PHOTOGRAPHIE IN DER KUNST-
WISSENSCHAFT. ')

VON RICHARD STETTINER.
Der heutigen Generation der Kunsthistoriker er-
scheint es fast wie eine ferne Sage, dass es Zeiten ge-
geben hat, in denen die kunstgeschichtliche Methode
ohne Hilfe der Photographie ausgeübt werden konnte.
Jeder Fortschritt auf dem Gebiete der Photographie
wird in schnellster Weise ausgenutzt, um das Material,
mit dem sich die Kunstgeschichte beschäftigt, d. h. die
Kunstwerke aller Kulturnationen, in möglichst wahrer
und möglichst geschmackvoller Weise wiederzugeben. Ja,
diese Reproduktionen sind für viele neue photographische
Erfindungen der Prüfstein. War es doch z. B. hier am
leichtesten möglich, durch die Wiedergabe von Gemälden
nachzuweisen, bis zu welchem Grade es gelungen sei,
von den gewöhnlichen Platten zu den farbenempfind-
lichen fortschreitend, den Farbenwerten wirklich gerecht
zu werden.

Die historische Abteilung der Berliner photogra-
phischen Ausstellung lehrt uns die riesigen Fortschritte
erkennen, welche die Wiedergabe des Kunstwerkes eben-
so wie die der Natur durch das Lichtbild seit dessen
Erfindung gemacht hat, wie von verhältnismäßig ein-
fachen Anfängen ausgehend man schließlich bis zu
einer selbst dem verwöhnten und anspruchsvollen Auge
genügenden, raffinirt treuen und schönen Wiedergabe
gelangte.

Die Resultate, welche die Photographie gerade auf
dem Gebiete der Reproduktion von Kunstwerken er-
rungen hat, sind dem Gegenstand entsprechend weit
bekannter im Publikum als die auf dem Gebiete der
anderen Wissenschaften. Die Namen der großen Welt-
häuser sind in aller Munde, die von ihnen verfertigten
Blätter weitbekannt. Ein großer Teil unserer kunst-

1) Aus dem Katalog der „Internationalen Ausstellung
für Aiuateurphotographie". Berlin, 3. Sept. bis 15. Okt. 1890.

geschichtlichen Ausstellungsgruppe soll den heutigen
Stand in dieser Hinsicht festzulegen versuchen, und
wenn auch leider einige der bekanntesten Namen, wie
Braun und Hanfstängl, unter den Ausstellern fehlen,
so ist das Bild, das wir zu geben versuchen, doch wohl
ein annähernd treues. Stehen doch an der Spitze der
Aussteller zwei der größten europäischen Staatsinstitute:
die Deutsche Reichsdruckerei mit ihren musterhaften
Reproduktionen von Stichen und Radirungen, Gemälden
und vor allem von Zeichnungen (Dürer- und Rembrandt-
Werk!) und die Österreichische Hof- und Staatsdruckerei.

Der Amateur-Photograph, hier also der zum Zwecke
seiner Studien photographirende Gelehrte, spielt in
unserer Abteilung eine etwas bescheidene Rolle. Der
schon oben berührte Umstand, dass es sich bei der
Hauptmasse des Materials seiner Wissenschaft um Gegen-
stände handelt, die für jeden Gebildeten von Interesse
sind, die also auch den weitesten Kreis der Käufer
haben, dieser Umstand bringt es mit sich, dass der in-
teressanteste und wohlgefälligste Teil seines Studien-
materials von den Berufsphotographen in trefflichster
Weise wiedergegeben ist. Er wird in erster Linie
dort mit seiner Arbeit einsetzen, wo das allgemeine
Interesse aufhört, sei es, dass es sich um Kunstwerke
einer Zeit handelt, denen die Formenschönheit wenigstens
im Sinne des großen Publikums mangelt, sei es, dass
es sich um für ihn wichtige, ihrem absoluten Kunst-
wert nach aber geringe Werke selbst aus den großen
Zeiten der Kunst handelt. Viele freilich werden gerade
über diese Thätigkeit den Kopf schütteln; hat man doch
im allgemeinen einen noch recht ungenügenden Begriff
von der Methode der • Kunstwissenschaft, wie sie von
den subtilsten Dingen, von oft unwichtig scheinenden
Einzelheiten ausgehend, allmahlig Stein für Stein das
Gebäude aufbaut, das schließlich in seiner Vollendung
den Eindruck müheloser Selbstverständlichkeit macht.

Die photographischen Vorstudien für größere Ar-
beiten von Seiten der Kunstgelehrten, die wir auf
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