Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Korrespondenz aus Dresden.

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der Schaukel ragen in die Luft, bis sie abbrechen, und
seine Stütze hat der Sitz an einigen Gewandstücken,
welche herabhängen und die Erde berühren! Es zeigt
sich bei alledem, von wie üblen Folgen gerade für die
Skulptur die Abwendung von antiken Stoffen ist. Für
diejenigen Bildhauer, welche sich den nackten Körper
zu bilden wünschen, bleiben als Stoffe fast nur Adam
und Eva übrig, welche denn auch auf dieser Ausstellung
überreichlich vertreten sind. Ich will nur auf die hübsch
komponirte Gruppe eines jungen Österreichers, Weirich,
hinweisen, welche das erste Menschenpaar mit dem toten
Abel darstellt. — Unter den kleineren Bronzen findet
sich manches ansprechende Genreartige; erwähnt sei hier
Biondi, der einen armen Landmann um seinen eben ge-
fallenen Esel trauern lässt, auch Jerace, der einen jungen
Löwen darstellt, der über eine ihm entgegenzüngelnde
Schlange erschrickt.

Bei den Gemälden der Ausstellung muss man mehr
als bei den Skulpturen die milde Aufnahmepraxis der
Jury beklagen. Unter den Bildwerken ist viel Gesuchtes,
Erkünsteltes, aber immerhin Interessantes; unter den Ge-
mälden herrscht die matte Dutzendware vor. Das Glanz-
stück der Ausstellung, wie in Venedig Michetti's Tochter
des Jorio, ist hier Simoni's Alexander in Persepolis; aber
wie tief steht es unter jenem? Es ist bei aller Virtuo-
sität doch ein widerwärtiges Effektstück, das in den
Hauptfiguren, der fackelschleudernden Thais und dem
seiner Selbstbeherrschung beraubten Alexander, die volle
Unfähigkeit zur Erfassung eines großen althistorischen
Moments bezeugt. Weder erkennt man in dem — bis
auf die Farbe — negerhaft aussehenden König den
macedonischen Eroberer, den Überwinder des Barbaren-
tums, noch versteht man, wie diese lächelnde Modellfigur
von tadellosen Formen auf den bösartigen Gedanken der
Brandstiftung geraten ist! — Einiges Treffliche findet
sich unter den Landschaften: Sassi's Gebirgsbilder (dies-
mal vom Monte Kosa), Kniipfer's Meeresbilder bedürfen
keines Preises mehr. Sehr stimmungsvoll ist Brandt's
Darstellung einer nur selten gemalten Partie des Forums:
am Eomulnstempel. Ferrarini hat eine große, in Ton und
Färbung sehr einheitliche und charakteristische Landschaft
von der Insel Tasmania gegeben, und Fragiacomo wieder eine
seiner venezianischen trefflichen Marinen. Auf sehr eigen-
tümliche Weise hat Coleman, der Meister der Campagna-
bilder, diesmal seine große Leinwand staffirt: Kentauren
nennt er die mehr amerikanischen Rothäuten gleichenden
Gestalten, welche im Vordergrund auf Pferden, mit denen
sie wirklich verwachsen scheinen, eine Furt passiren,
im Hintergrund eine Heerde wilder Rosse jagen; die
Cypressen und die Trümmerreste der Campagna di Roma
blicken auf dieses phantastische Schauspiel hin.

An Porträts ist natürlich kein Mangel; aber des
Bedeutenden ist auch hier nicht viel. Zwei meisterhafte
Stücke hat Villegas ausgestellt; Alma Tadema ein mit
raffinirter Berechnung angeordnetes Porträt des ver-

storbenen Bildhauers Amendola; in der Art Lenbach's,
aber mit zu sichtlicher Abhängigkeit hat Schuster-
Woldan ein männliches Bildnis gegeben. Mehr als
Genrebilder hat M. Fleischer einige gut beobachtete
italienische Typen hingestellt.

Zum Schluss sei unter den wenigen historischen
Bildern noch ein treffliches von Montefusco herausgehoben:
Luigi Settembrini (der in Italien allverehrte neapoli-
tanische Gelehrte und Freiheitskämpfer) unterrichtet im
Zuchthause seine Mitgefangenen, ein Bild von schöner
Einfachheit und ungesuchter starker Wirkung.

0. HA RNA CK.

KORRESPONDENZ.

Dresden, Ende Dezember 1895.
Wenn die Dresdener Kunstfreunde in den Tagen,
da das alte Jahr zur Rüste geht, rückschauend sich die
Frage vorlegen, inwieweit das vergangene Jahr ihre
Hoffnung auf die Wiederbelebung der Kunst in Dresden
gefördert hat, werden sie kaum besonderen Anlass zur
Freude und zu rosiger Stimmung haben. Das Jahr 1895
war für die Kunstentwicklung innerhalb der Mauern
der sächsischen Hauptstadt ein recht stilles. Die Hoff-
nungen, die sich an die Eröffnung der neu erbauten
Akademie und des Ausstellungsgebäudes knüpften, sind
wenigstens in dem verflossenen Jahre noch nicht in Er-
füllung gegangen. Allerdings haben wir auch dieses
Jahr wieder in dem neuen Ausstellungsgebäude eine
akademische Ausstellung gehabt; aber wenn schon die
vorjährige Ausstellung keine Gelegenheit bot, eine Über-
sicht über den gegenwärtigen Stand der Kunstentwick-
lung zu gewinnen, so hat die diesjährige noch weniger
befriedigt, obwohl sie innerhalb des von vornherein ge-
wählten engeren Rahmens mit Geschmack arrangirt war
und das technische Niveau der aufgenommenen Kunst-
werke zu kritischen Bedenken nur in ganz vereinzelten
Fällen Anlass bot. Wenn sie trotzdem den Beschauer
gleichgültig ließ und nur wenige zu häufigerer Wieder-
kehr angeregt haben mag, so lag das vor allem daran,
dass ihr eine größere Anzahl von Arbeiten fehlte, die
das Maß anständiger Mittelmäßigkeit überragten und
durch ihre Bedeutung zu immer erneuerter Betrachtung
anregten. Denn obwohl sich ein großer Teil der Künstler,
deren Wirken den Höhepunkt der Leistungsfähigkeit
unserer modernen Kunst bezeichnet, von der Ausstellung
ferngehalten hatten, so fehlte es doch nicht an einer
Reihe glänzender Namen; leider aber hatte keiner dieser
führenden Meister, den einzigen Klinger, dessen längst
bekanntes „Urteil des Paris" uns Dresdenern noch einmal
gezeigt wurde, ehe es in Privatbesitz nach dem Süden
entführt wurde, ausgenommen, ein Werk ersten Ranges
nach Dresden gesandt, da sie es vielmehr vorgezogen
hatten, ihre neuen Schöpfungen dem Publikum zur ersten
Prüfung in München, Berlin oder Venedig vorzulegen.
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