Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Korrespondenz aus Dresden.

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Zudem fehlte das Ausland gänzlich, da man mit Rück-
sicht auf den mangelnden Raum von vornherein von einer
Einladung nichtdeutscher Künstler abgesehen hatte. Noch
empfindlicher wie diese Lücke war das Fernbleiben einer
langen Reihe jüngerer Dresdener Künstler, deren Fort-
schritte beobachten zu können für jeden Dresdner Kunst-
freund eine Art Herzensangelegenheit bilden sollte. Denn
wenn Dresden je wieder in einen ernstlichen Wettbewerb
mit den übrigen großen deutschen Kunstplätzen treten
soll, so kann dies nur dann geschehen, wenn in Dresden
selbst eine starke, leistungsfähige Künstlerkolonie auf-
blüht, deren Interesse mit demjenigen aller einheimischen
Kunstfreunde auf das Engste verwächst, und die sich
von der Teilnahme der besten Kreise getragen und ge-
stärkt fühlt. Darum sollte man gegenüber diesen in
der Stille sich regenden und nicht selten von materieller
Not bedrängten jungen Kräften nicht allzu rigoros sein
und in den Dresdener akademischen Ausstellungen auch
Arbeiten Aufnahme gewähren, die noch nicht ausgereift
erscheinen, vorausgesetzt, dass Spuren eines verheißungs-
vollen Talentes in ihnen anzutreffen sind. Die jungen
Kräfte, von denen wir reden — sie gehören zumeist
dem erst seit einigen Jahren bestehenden Verein bilden-
der Künstler Dresdens (der Dresdener Secession) an —
sollten aber ihrerseits alles daran setzen, um geschlossen
aufzutreten und durch häufigere, kleinere Ausstellungen,
für die sich wohl unschwer ein geeignetes Lokal finden
ließe, nicht nur von ihrem Dasein Zeugnis abzulegen,
sondern auch das Publikum mit dem Geist und Sinn
ihrer Bestrebungen vertraut zu machen. Können sie
doch nur dann mit einiger Sicherheit darauf rechnen,
auch außerhalb Dresdens der Dresdener Kunst wieder zu
Ansehen zu verhelfen, wenn sie in Dresden selbst festen
Boden gefaßt haben.

Entsprechend dem geringen Angebot bedeutender
Kunstwerke ist auch die Zahl der aus den Zinsen der
Pröll-Heuer-Stiftung für die königliche Gemäldegalerie
angekauften Bilder nur klein ausgefallen. Im ganzen
wurden überhaupt nur drei Gemälde erworben: Hans
Thomas „Selbstporträt", Paul Baum's „Trauer" und
Carlos Orethe's „Fliegender Fisch". Von diesen drei
Gemälden ist wenigstens das erste, das Selbstporträt
Thoma's, das zuerst in der Thoma-Ausstellung des Ernst
Arnold'schen Kunstsalons zu sehen war, ein voller Treffer,
zu dessen Erwerbung man der Galerieverwaltung nur
Glück wünschen kann. Thoma hat wenige Bilder ge-
schaffen, die sich an innerer Vollendung mit diesem
Werke messen können. In Thoma's eigenartigen Zügen
spiegelt sich die ganze Tiefe des Gemütes, die diesem
urdeutschen Künstler eigen ist, auf das Lebendigste wie-
der, und die technische Ausführung steht in diesem Bildnis
auf einer Höhe, die der Meister in nur wenigen seiner
Ölgemälde noch einmal wieder erreicht hat. Dagegen
können wir weder an dem Bilde Grethe's noch auch an
der Landschaft Baum's die künstlerischen Qualitäten

entdecken, die für ihre Erwerbung maßgebend gewesen
sind. Grethe's „Fliegender Fisch", dessen Motiv uns
unklar geblieben ist, kann als Farbenstudie ein gewisses
Interesse beanspruchen, und Baum's „Trauer" ist als
symbolische Landschaft immerhin der Beachtung wert,
aber weder das eine noch das andere dieser Bilder
scheint uns bedeutend genug für die Auszeichnung zu
sein, in die Dresdener Galerie aufgenommen zu werden.
Nach unserem Geschmack wäre eine andere Auswahl
wohl möglich, und jedenfalls mehr im Sinne der meisten
Ausstellungsbesucher gewesen. Indessen spielt in allen
solchen Fragen das subjektive Urteil der Einzelnen keine
Rolle und zwar um so weniger, je mehr wir überzeugt
sein können, dass sich die gegenwärtige Galerieverwal-
tung bei ihren Anschaffungen von festen Prinzipien leiten
lässt, und dass eine möglichst vielseitige Vertretung der ver-
schiedensten Kunstrichtungen ihr klar erfasstes Ziel bildet.

Die Thoma-Ausstellung der Arnold'schen Kunsthand-
lung war jedesfalls die erfreulichste Erscheinung, die uns,
den Dresdener Kunstfreunden, in diesem Sommer geboten
wurde, und wir würden sie sicher an dieser Stelle ein-
gehend gewürdigt haben, wenn sie zuerst für Dresden
zusammengestellt und nicht bereits vorher anderwärts
gezeigt und eingehend besprochen worden wäre. Um so
mehr aber können wir uns freuen, dass eines ihrer besten
Stücke durch den Ankauf für die Galerie unser bleiben-
des Eigentum geworden ist, um das uns andere Städte
wohl beneiden können.

Noch aparter, aber allerdings auch nur für das
Verständnis eines engeren Kreises von Kunstfreunden
berechnet war ein zweites Unternehmen der Ernst
Arnold'schen Kunsthandlung, die in ihrem Teil eifrigst
bemüht ist, uns mit den besten und modernsten Er-
scheinungen bekannt zu machen, die von ihr veranstaltete
Ausstellung von Erzeugnissen des englischen Kunst-
drucks, in der sämtliche Teile dieser Branche von den
Originalzeichnungen an bis herab zu den Tapetenmustern
und Plakaten vertreten waren. Ihr Schwerpunkt beruhte
aber auf den Radirungen, unter denen sich eine stattliche
Anzahl Blätter von Whistler und seiner Schule, ferner
von Seymour-Haden, Herkomer, Cameron und anderen
englischen Meistern befand. Die Leser unserer Zeit-
schrift werden sich dabei erinnern, dass wir in dem
letzten Jahrgang den Versuch gemacht haben, wenn
auch in kurzen Zügen, ein vollständiges Bild von der
Entwicklung der modernen Radirung zu entwerfen, und
wir können daher auf das an jener Stelle Gesagte ver-
weisen, zumal wir gerade über die neuere englische
Radirung eingehender gehandelt haben. Wir wollen
daher hier noch nur darauf hinweisen, dass die von der
Arnold'schen Kunsthandlung ausgestellten Blätter durch-
weg vorzügliche Exemplare waren, deren Beschaffung
eine nur dem Kenner geläufige Summe von Arbeit er-
fordert haben muss. Auch darin liegt ein Verdienst,
das dankbar anerkannt werden soll.
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