Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau.

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von der man nur noch insofern heute Spuren findet,
als ältere Personen von etruskdschen Vasen sprechen,
während sie griechische Vasen meinen, wurde durch
eine neue Erklärungsart verdrängt, die ein mehr
pathologisches Interesse für sich in Anspruch nimmt.
Man glaubte nämlich überall Andeutungen der tief-
verborgenen Mysterienweisheit finden zu müssen
Aber auch dieser Krankheitszustand ist mit der Zeit
vergangen, so dass man heute ohne vorgefasste Mei-
nung jeder Darstellung an sich gerecht zu werden
versucht. Dabei ergiebt sich, dass man die Vasen-
bilder in drei Klassen sondern kann, erstens solche,
die aus der Mythologie genommen sind, zweitens
solche, die Scenen aus dem täglichen Leben dar-
stellen, und drittens solche, die Mythologie mit Dar-
stellungen des täglichen Lebens durchflechten, z. 13.
wenn Eros in den Gemächern sterblicher Frauen
dargestellt wird u. dergl. Das Grenzland zwischen
Thatsachen und Dichtung, das wir „Geschichte"
nennen, wird nach Miss Harrison bei den Vasen-
malern zur Darstellung nicht mit herangezogen,
außer wenn sie es in das Gebiet der Mythologie
übergeführt hatten, wie z. B. in den Gestalten des
Croesus, Harmodios, Sappho u. s. w. Das ist in ge-
wisser Weise richtig, und doch würde dadurch eine
falsche Vorstellung erweckt werden. Es ist deshalb
wohl besser, darauf aufmerksam zu machen, dass
bei den Griechen nicht, so wie bei uns, ein Unter-
schied zwischen Sage und Geschichte gemacht wird,
sondern dass auch Thatsachen der allernächsten Ver-
gangenheit durch übernatürliche Zusätze aus der Ge-
schichte in das Gebiet der Sage gerückt werden,
oder dass Erzählungen, deren fabelhafte Natur für
uns ohne weiteres feststeht, von den Schriftstellern
als sicher beglaubigte Thatsachen berichtet werden.
So wird z. B. frühzeitig die Schlacht von Marathon,
ja der ganze Perserkrieg durch übernatürliche Zu-
sätze dem Gebiet der Geschichte entzogen, oder an-
dererseits Kämpfe mit den Thrakern unter Eumolpos
oder mit den Amazonen als unzweifelhafte That-
sachen berichtet. Entweder muss man demnach den
Griechen Geschichte, so weit es sich um den Bericht
sicherer Thatsachen handelt, gänzlich absprechen
und die Mythologie bis in die allerjüngste Vergan-
genheit ausdehnen, oder man muss auch die Ge-
schichte soweit nach rückwärts ausdehnen, dass sie
noch die Mythologie in sich begreift. Danach konnte
es für den athenischen Vasenmaler keinen Unterschied
machen, ob er z. B. Kämpfe des troischen Krieges
oder die Ermordung des Hipparchos darstellte, weil
eben alles bei ihm auf demselben Gebiete lag, mochte

er dies als Gebiet der Fabel oder der Geschichte
empfinden.

Das Schlusskapitel handelt von den Beziehungen
des Vasen maiers zu der Litteratur und der künst-
lerischen Überlieferung, es wird mit Recht darin
hervorgehoben, dass litterarische Quellenstudien im
allgemeinen bei den Vasenmalern nicht anzunehmen
sind, sondern dass sie bei ihren Kompositionen vor
allem durch die in ihren künstlerischen Vorlagen
geübte Uberlieferung geleitet werden.

In Bezug auf die Erklärungen, die links von
den Abbildungen gegeben werden, muss anerkannt
werden, dass die Verfasserin größte Kürze mit größ-
ter Deutlichkeit zu vereinigen gewusst hat; so kurz
die Erklärungen auch sind, man wird bei genauem
Zusehen immer herausfinden, dass sie alles Wesent-
liche enthalten. Ein paar kleine Versehen seien hier
für eine neue Auflage notirt. Zu Tafel 34 heißt
es: a carpenter is taking measurements; das ist nicht
richtig, sondern der Tischler bohrt mit dem Drill-
bohrer ein Loch in den Kasten, wie H. Heydemann,
Arch. Zeit. 1872, S. 37, nachgewiesen hat. Zu Tafel
35 heißt es: the eye of Ariadne is drawn without
pupil to denote sleep. Das ist ungenau ausgedrückt,
denn es fehlt ja nicht bloß die Angabe der Pupille,
sondern auch der oberen Augengrenze. Ariadne ist
einfach mit geschlossenen Augen, d. h. schlafend
I dargestellt. Zu Tafel 38: Dionysos attended by
two Satyrs with vine-sprays and double flutes. Das
sind aber nicht Doppelflöten, sondern Kastagnetten,
was die Satyrn in den Händen halten. Es hätte wohl
auch hervorgehoben werden können, dass Dionysos
singt.

Aber diese Kleinigkeiten werden dem Erfolge
! des Buches keinen Abbruch thun.

R. ENGELMA .VA'.

BÜCHERSCHAU.

Briefe von. W. Lttbke an //. Kestner aus den Jahren
1846—1859. Mit Lübke's Jugendbild. Herausgegeben von
seiner Gattin. Karlsruhe, Komm.-Verlag von A. Bielefeld.

1895. 8.

Diese an einen Jugendfreund des Verewigten gerichteten
Briefe, zumeist aus Lübke's Berliner Studienzeit, ergänzen
in vielen Punkten die von Lübke selbst veröffentlichten
„Lebenserinnerungen". Sie zeigen uns in rührender, oft er-
greifender Weise das Kämpfen und Ringen des Jünglings
mit den Wirrnissen und Nöten des Lebens; wir begleiten ihn
auf seinen ersten, mit den dürftigsten Mitteln unternommenen
Kunstwanderungen, erleben die Entstehung seines grund-
legenden Buches über die westphälische Heimat, sehen ihn
dann die ersten Erfolge als populärer Schriftsteller und be-
liebter Lehrer erringen, und finden ihn endlich auf der Höhe
des Lebens angelangt, in Italien unter den Kunstschätzen
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