Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL VON LUTZOW

WIEN
Heugasse 58.

und DR. A. ROSEN BERG

BERLIN SW.
W:trtenburgstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VIT. Jahrgang.

1895/96.

Nr. 9. 19. Dezember.

Hie Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewcrbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 88 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
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AUSSTELLUNG IN DER BERLINER KUNST-
AKADEMIE.

Man mag die Sache drehen und wenden, wie man
will — die Ausstellung, welche die königl. Akademie der
Künste zur Ehrung von drei Mitgliedern veranstaltete,
die das patriarchalische Alter von achtzig Jahren er-
reicht haben, ist — gelinde gesagt — nicht geglückt.
Eigentlich sind es vier Mitglieder, die diese Ehre ver-
dient hatten. Der vierte, ein längst vergessener Maler
militärischer Genrebilder, der für seine Zeit sehr Ver-
dienstliches geleistet hatte, war so klug gewesen, auf
die Ehre zu verzichten, neben einem Menzel Fiasko zu
machen. Vielleicht hätten aber Edmund Rabe's Soldaten-
scenen neben Menzel besser Stand gehalten als Julius
Sehrader's historische Genrebilder, die doch nur Er-
neuerungen des alten Düsseldorfer Stils mit einem
größeren koloristischen Aufwand sind, der eine Zeit lang
die Augen der Zeitgenossen blendete. Auch er hätte
gut daran gethan, auf eine Ehrenausstellung zu ver-
zichten, zumal da seine großen Hauptwerke nicht zur
Stelle geschafft werden konnten. Wäre die Akademie
nicht eine so schwerfällige Körperschaft, wie sie trotz
aller „Neuorganisationen" immer noch ist, so würde sie
aus einer Ausstellung drei gemacht haben, und dazu
hätten ihre Räume ausgereicht. Von Schräder abge-
sehen, können aber zwei so unbeschreiblich fruchtbare
Maler wie Andreas Achenbach und Adolf Menzel nicht
in einer Ausstellung zusammen ihren ganzen künst-
lerischen Reichtum entfalten. Was hätte das werden
können, wenn man bei Zeiten eine besondere Achenbach-
und eine besondere Menzel-Ausstellung vorbereitet hätte!
Jetzt ist Achenbach ganz in den Hintergrund gekommen,
und die Drei-Künstler-Ausstellung ist zu einer Menzel-
ausstellung geworden, welche die Kenner des Künstlers
noch lauge nicht befriedigt.

Will man etwa bis zu seinem Tode warten? Viel-
leicht! Denn es ist nun einmal bei uns zur Gewohnheit
geworden, dass selbst große Künstler, die täglich auf der
Straße, im Cafe und Abends in den Gesellschaften zu finden
sind, zu gewöhnlichen Erscheinungen herabsinken. Erst
nach ihrem Tode werden sie etwas Seltenes, von dem
sich jeder ein Stück verschaffen muss. Bei Menzel ist
das freilich nicht so buchstäblich zu nehmen. Von dem,
was er geschaffen hat, ist das Meiste in festen Händen,
oder, wenn einmal ein reicher Bankier seinen Menzel
verkaufen muss, macht er immer ein Geschäft mit
10—15 Prozent. Es wird wohl noch geraume Zeit so
bleiben, und die wenigen Ölskizzen, Zeichnungen und
Studien Menzel's, die noch ein von seinem vollen Ver-
trauen gewürdigter Kunsthändler besitzt, werden, wenn
er sie verkauft, schwerlich zu geringeren Preisen auf
den Markt kommen. Bei dieser Wandelbarkeit des
Privatbesitzes hätten wir aber gerade gewünscht, dass
wenigstens ein ernster Versuch gemacht worden wäre,
uns das gesamte Menzel werk zu seinem 80. Geburts-
tage vorzuführen.

Es ist nicht geschehen! Eines der wichtigsten
Felder Menzel'schen Schaffens, seine Arbeit für das
Volk, seine Zeichnungen für den Holzschnitt, sind sogar
völlig unberücksichtigt geblieben. Da es jedoch keinen
praktischen Zweck hat, an einem misslungenen Unter-
nehmen eine Kritik zu üben, wollen wir wenigstens
einige Bemerkungen an den Bestand der Menzelaus-
stellung knüpfen. Von seinen Ölgemälden wenigstens
fehlt kaum eines, das einen Markstein in seiner Entwick-
lungsgeschichte bezeichnet. Vermisst haben wir nur das
berühmte Nachtstück, den Überfall bei Hochkirch, das
leicht herbeigeschafft werden konnte, das Ballsouper und
den Gemüsemarkt (Piazza d'erbe) in Verona. Für
diesen Verlust werden wir durch einige Neuigkeiten
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