Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die internationale Kunstausstellung in Berlin. II.

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risirt werden. Deutschland hat sich erhoben, und ob seiner
festen, majestätischen Haltung stürzen die wilden, nackten
Gestalten, die aus der Tiefe emporgestiegen sind und
schon das Plateau des Felsens zu erklimmen drohen,
wieder in die Finsternis zurück, der sie entsprossen waren.
Aus dem Knäuel dieser riesenhaften Gestalten, die an den
Eubens'schen Höllensturz erinnern, tritt besonders ein
rothaariges junges Weib hervor, anscheinend das Sinn-
bild des Anarchismus, das die kräftigen Arme seiner
Genossen vergebens in die Höhe zu heben versuchen.
Hinter den drei thronenden Lichtgestalten klettern Genien
an Masten empor, vermutlich um die Banner des Friedens
zu hissen. Seit der Vollendung seiner historischen Fries-
bilder für das Treppenhaus der Universitätsbibliothek
ist Knille nur mit unbedeutenden Kleinigkeiten in die
Öffentlichkeit getreten. Um so freudiger wirkt die Über-
raschung, die er uns mit diesem Gemälde bereitet hat,
das, ein Werk von genialem Wurf, einen neuen Auf-
schwung seiner auf die höchsten und edelsten Ziele ge-
richteten Kunst und seiner ungewöhnlichen koloristischen
Kraft bezeichnet.

Wer im übrigen den guten Willen hat, zu suchen
und mit unbefangenen Augen zu sehen, der wird nament-
lich auch in den Berliner Sälen, gegen die sich der Groll
einer gewissen, durch das gewaltige Aufblühen Berlins
er- und verbitterten Kritik am meisten richtet, genug
Bilder finden, die, aneinander gereiht und mit richtigem
Geschick und Baffinement in Scene gesetzt, es mit den
meisten Eliteausstellungen der Fremden aufnehmen könn-
ten, ganz gewiss mit denen der Briten und Franzosen.
Dass die englischen Künstler mit so gründlicher Ver-
achtung auf den Kontinent herabblicken, dass sie das
Mittelmäßigste und Unbedeutendste — für uns Deutsche
wenigstens — als gerade gut genug erachten, ist längst
bekannt. Nur einmal ist es — Dank der persönlichen
Vermittlung der damaligen Kronprinzessin, jetzigen
Kaiserin Friedrich — gelungen, eine wirkliche Elite-
ausstellung englischer Malerei für Berlin zu gewinnen
— seit 1886 wurde jede folgende immer schwächer.
Dass aber auch die Franzosen trotz der glänzenden Ge-
schäfte, die sie im vorigen Jahre gemacht haben, in diesem
so wenig Wert auf eine würdige Vertretung gelegt
haben, scheint uns doch ein bedenkliches Zeichen dafür
zu sein, dass der Hass gegen uns selbst den bei den
Franzosen stark entwickelten Geschäftstrieb überwindet.

Bei der Durchmusterung der Berliner Säle wollen
wir ganz von den Landschaften und Marinen absehen,
obwohl gerade sie — wir nennen nur die Namen Ernst
Körner, Konrad Lessing, Felix Possart, Paul Vorgang,
Franz Ho ffmann-Faller sieben, P. Flickel, C. Rathjen —
besonders glänzend vertreten sind. Es ist der alte Euhm
der Berliner Schule, und wenn es ihr ihre geschworenen
Gegner beständig zum Vorwurf machen, dass die Ber-
liner Landschaftsmaler in zäher Pedanterie immer noch
an ihren alten Idealen festhalten und den Sprung in die

trüben Fluten, des Naturalismus und Impressionismus
nicht mitmachen wollen, so können jene Schmähsüchtigen
den Berlinern wenigstens den einen Vorzug nicht ab-
streiten, dass sie an Vielseitigkeit der Motive, an Reise-
lust und Forschungsdrang die Landschaftsmaler aller
übrigen Nationen weit übertreffen. Von den Landschaften
und Marinen wollen wir also absehen. Gilt es denn
aber gar nichts mehr, wenn ein Mann wie Ludwig
Knaus mit einem erst in diesem Jahre vollendeten,
figurenreichen Genrebilde auftritt, das uns an einem
warmen Sommerabend einen Blick in die alte Frank-
furter Judengasse thun lässt? Hier lebt und webt wie-
der der alte Knaus mit seinem prächtigen Humor, mit
seiner liebe- und gemütvollen Charakteristik, die uns
das innerste Wesen eines jeden Individuums enthüllt und
es aus der Masse heraushebt, und noch dazu mit allen
koloristischen Feinheiten und Reizen, mit dem goldigen
Licht und dem warmen Helldunkel, das alle Gestalten
umspielt. Das Verständnis dafür, dass in solchen Bildern
unsere nationale Kunst wurzelt, scheint in der jüngeren
Generation der Künstler und Kritiker immer mehr
verloren zu gehen. Desto lauter preist man riesige,
keck, flott, wir möchten beinahe sagen, frech hinge-
schmierte Illustrationen aus dem Pariser Leben, wie
z. B. den Allerseelentag auf einem Pariser Friedhof von
F. Skarbina und den noch schlimmeren Blumenkorso
in Paris von Friedrich Stahl, dem früheren Zeichner der
„Fliegenden Blätter", der jetzt das alte Handwerk in
Öl auf Leinwand, leider in sehr vergrößertem Maßstabe,
fortsetzt. Beide Künstler haben es glücklich soweit ge-
bracht, ihre Nationalität von Grund aus zu vernichten,
und so sind aus erträglichen deutschen Malern schlechte
französische geworden, die, wenn sie sich überhaupt noch
halten wollen, nunmehr gezwungen sind, den ganzen Pariser
Hexensabbath mitzumachen. Als der dritte der neuen
Götter wird immer noch Ludwig von Hofmann in allen
Zungen gepriesen. Selbst Kunstgelehrte, die sonst An-
spruch auf ernsthafte Behandlung haben, sind in den
Chorus eingefallen und haben von dem Künstler eine
Wiederbelebung des italienischen Q.uattrocentostils im
modernen Geiste erwartet. Wenn sie noch nicht ent-
täuscht worden sind, wird vielleicht die große „Idylle",
die dieser „Neuidealist" in Berlin ausgestellt hat,
dazu helfen: wieder ein unbeschreiblich stumpfsinniges,
junges Menschenpaar — er ganz, sie halbnackt — in
einer Landschaft, in der sich die grellsten Farben-
dissonanzen zu einem wahrhaft schauerlichen Konzert
vereinigen! Aber wenn auch die Verehrer des Quattro-
cento wiederum stumm vor Entzücken bleiben und ihrem
Propheten weitere Heeresfolge leisten wollten, so bleibt
immer noch die Frage unbeantwortet: wird unserer
nationalen Kunst durch solche Nachahmungen geholfen?
Lernen wollen und sollen unsere Künstler von den
Fremden; aber erst die Überwindung des Fremdländischen
macht aus den Schülern wieder Meister.
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