Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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vorragender Abdruck) und der mir noch unbekannte j
köstliche kleine liegende weibliche Akt.

Und nun Klinger! Ist über ihn nicht schon genug
Gutes und Böses, Eichtiges und Unrichtiges, Sinnvolles
und Sinnloses gesagt und geschrieben worden? Wenn
man darauf mit einem kräftigen „Ja!" antworten kann,
so schließt das von vornherein ein nochmaliges Aus-
breiten über den inhaltlichen Teil seines Werkes aus.
Über einen Menschen wie diesen zu schreiben, seine
himmelanstürmenden Gedanken, seine trotzigen, tiefen
und schweren, ringenden Gefühle, seine Grübeleien und
Excentricitäten, sein Lachen und Weinen in Worte zu
übersetzen, hat etwas beinahe Respektloses an sich. Nur
die technische Seite seiner Kunst möchte ich in dieser
Fachzeitschrift heute in Kürze streifen.

Man hat ihm, unter anderen Fehlern, natürlich auch
den, dass er nicht zeichnen könne, vorgeworfen. Zunächst
trägt es sich, wer überhaupt dazu berufen ist, einem
Künstler Zeichenfehler vorzuhalten? Die Frage beant-
wortet sich von selbst: der Fachmann. Aber gerade
die Niclitfachmänner, die Halbwissenden fahnden am
liebsten danach; man kann so billig dadurch zu einem
gewissen Ansehen — beim Parterre — kommen. Aber
selbst wenn einmal diese dii minorum gentium Recht
behalten sollten, so ist dann noch immer die Frage
aufzuwerfen, ob eine sogenannte „Verzeichnung" nicht
beabsichtigt, dem Zweck der Gesamtwirkung unter-
worfen ist. Es giebt bewusste „Verzeichnung", d. h.
Vereinfachung, Unterordnung oder Betonung, je nach
dem individuellen Sinn und Zweck des Schaffenden und
seiner Schöpfung. Böcklin und kein geringerer als
Michelangelo haben bewusst diese Freiheit geübt. Sie
ist keineswegs ein Beweis von Nicht-Können, allerdings
freilich unter dem Vorbehalt, dass was dem Einen recht,
dem Andern hier noch lange nicht billig ist. Wenn
Klinger dieses Recht für sich in Anspruch nimmt, so
ist das seine Sache. Seine Natur ist kantig. Er er-
findet, philosophirt, zwingt seine Gestalten nach seinem
Willen. Wo man in Granit einhaut, da springen scharfe
Ecken ab.

Einem reinen Naturzeichner, und wäre er so
tüchtig wie Stauffer-Bern, könnte man einen Fehler
weniger vergeben. Bei ihm würde er einer Flüchtigkeit
oder einem Beweis von Nicht-selien-können gleichkommen.
Anders bei Klinger. Zugegeben, dass er Fehler gegen
Schulgesetze macht — ich habe mich noch nicht darauf
gelegt, sie zu notiren — dürfte man doch immer auf
der sicheren Seite sein, wenn man annimmt, dass er
wußte, was er gewollt hat, so schwer es uns auch zu-
weilen werden mag, hinter seine Absichten zu kommen.
Dass Klinger zeichnen kann, dazu genügen als Beispiele
drei beliebig ausgesuchte Blätter: dasjenige, auf dem
der mit ausgebreiteten Flügeln auf der Stange balan-
cirende Adler radirt ist, den die am andern Ende
sitzende Elfe neckt (man sehe sich genau die Stellung

der Füße und Krallen an, sowie die in den zitternden
Flügeln angedeutete Unruhe, das „Geärgertsein"), dann
den Adam (bei der Vertreibung aus dem Paradies), der
die vorschreitende Bewegung bergab macht. Endlich
den monumentalen Tiger, der zu so riesenhafter Wirkung
kommt. Vergebens wird man mir einwenden, da!ss kein
Tiger so groß im Vergleich zu hohen Felswänden er-
scheint, so starr, so unbeweglich. Ich kann nur sagen:
für Klinger war er so groß, so starr, so unbeweglich.
Sein inneres Antje, sah ihn so, und Klinger wollte —
nehmen wir es einmal an — den Schreck malen, der einen
Menschen überkommen würde, dem zwischen so engen
Felsenwänden ein Königstiger begegnet, vor dem kein
Entrinnen ist, oder etwas dergleichen. Ob Klinger ein
Maler ist oder jemals werden wird, wage ich nicht zu
sagen, da mich die Herbheit, die in seinen Radirungen
zur Größe wird, in der Farbe stört und verletzt; aber
dass er zeichnen kann, dafür könnte ich Bürgschaft
leisten. Zum Glück braucht er sie nicht.

Unter den ausgestellten Werken waren mir einige
aus Opus II (Rettungen Ovidischer Opfer vom Jahre 1879)
unbekannt, darunter ein köstliches Blatt „Narcissus und
Echo", worin ganz entgegen der manchmal auffallenden
Strenge und düsteren Schwere seiner späteren Arbeiten
eine solche Fülle der Formen, liebliche Klarheit und
hellenistischer Geist zu einem spricht, dass man schier
meinen könnte, man sei — auch in Arkadien geboren.
Diese lachenden Fluren — man fühlt das Grün der
Berge und das Plätschern der Bäche hört man deut-
lich, — diese beiden Satyrn (zum Prügeln sind sie!) und
diese sich küssenden seligen Menschenkinder am Fluss-
ufer drüben . . . Genug davon.

Ein starkes Talent von einer Akuratesse des
Blicks, die an Stauffer erinnert, ist Ernst Klotz , ein
Leipziger, also Landsmann Klinger's. Im Katalog steht:
„Radirt seit einem Jahre". Es geht eigentlich das
Publikum nichts an, wie lange einer arbeitet, wenn er
nur was kann. Aber erstaunlich muss diese kurze
Frist dem erscheinen, der eine Ahnung vom Handwerk
hat. Die Studienköpfe sind vom Künstler selbst jedes-
mal in drei Druckstadien gegeben, leicht, aber bestimmt
getönt. Das Selbstporträt, mit dem kolossal festen,
eckigen Kopf, giebt den Schlüssel zu dieser energischen
Griffelhandschrift.

Man kennt Karl Koeppmg als gewissenhaften
Rembrandtradirer, als bewunderten Interpreten von
alten und neuen Meistern. Was er hier an Original-
arbeiten giebt, ist für den Maler von Interesse und von
technischer Bravour ersten Ranges. Die Lichtflecken-
wirkung der großen Blätter ist von der plein air-Be-
wegung noch stark inspirirt. Der im Schmerz zu-
sammengebogene Körper des Weibes im Helldunkel ist
von einer Meisterschaft empfundener Abtönung, von
einer Sprache des Lichtes an sich, das Entzücken für
das malerische Auge bedeutet. Mehr allerdings nicht,
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