Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Baumeister des Heidelberger Schlosses.

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aber zu ganz falschen Schlüssen, indem er nachzuweisen
sucht, dass der Bildhauer Antonj wirklich der Meister
des Baues gewesen sei. Aus den dürren Worten des
Vertrags: „Item das Thürgestell, so Antonj Bildthaver
angefangen hat, soll gemelter Alexander vollendt auß-
machen", hat er ein ganzes Phantasiegewebe entwickelt,
das bei genauerer Betrachtung der einzelnen Vertrags-
punkte in ein Nichts zusammenfällt. Ebensowenig ist
daran zu denken, dem Baumeister Caspar Fischer das
Monogramm an der Inschrifttafel und am Kamin des
Rupprechtsbaues zuzuschreiben, wie Alt mit großer Sicher-
heit behauptet. Das bezieht sich einfach, wie schon
Leger sagt, auf Titel und Namen des Kurfürsten
Friedrich. Und wie konnte man dieses Monogramm,
welches ja speciell an Bildhauerarbeiten vorkommt, auf
den Werkmeister deuten? Das verstößt gegen den all-
gemeinen Usus der Zeit! ') Caspar Fischer wird ur-
kundlich sonst nicht genannt, jedoch scheint sein Kol-
lege Leyder in der That identisch mit dem genannten
Haider zu sein, was auch Alt als sehr wahrscheinlich
voraussetzt.

Man muss sich übrigens über den Begriif Baumeister
zu jener Zeit klar sein; öfters bezeichnet der Ausdruck
nur den Beamten, welchem die Besorgung der Bau-
mittel und die Verrechnung oblag; so war z. B Eucharius
Holzschuher in Nürnberg nicht der Erbauer des Rat-
hauses daselbst, sondern nur der vom Rat hierzu be-
orderte Verwaltungsbeamte. Wir können demnach unter
den beiden Namen recht gut auch bloße Verwaltungs-
beamte vermuten, umsomehr als sich sowohl für Fischer
als auch für die Namensform Leyder keine irgendwie
sonst nachgewiesene Bauthätigkeit auffinden lässt. Immer-
hin darf man nicht aus der Acht lassen, dass einer der
Genannten auch wohl als Werkmeister am Otto-Heinrichs-
bau thätig gewesen sein kann; keinenfalls ist ihnen aber
ein Anteil an der „Visirung", als geistige Urheber an
der prächtigen Fassade, zuzuschreiben.

Die bisherige Forschung hielt daran fest, dass der
Architekt des Otto-Heinrichsbaues ein Deutscher gewesen
sei, welcher in Oberitalien seine Studien gemacht habe.
Und selbst Lübke, dem ja in erster Linie ein Urteil in
dieser Frage zuzutrauen war, sieht in der Fassade die
höchste Leistung der deutschen Renaissance, den edel-
sten Spiegel und die höchste Blüte des deutschen
Humanismus. Auch er lässt sich verleiten, dem Bild-
hauer Antonj einen wesentlichen Anteil an dem Entwurf
der Fassade zuzuschreiben, wofür doch gewiss nicht die
geringsten Anhaltspunkte vorhanden sind.'2)

Obgleich der Name Colins und seine Heimat Mecheln

1) Ich behalte mir vor, die Aufstellungen Alts an anderem
Orte ausführlich zu widerlegen.

2) Nach Oechselhäuser „Das Heidelberger Schloss" gab
es einen Meister Antony van Helmont, der 1569 bei der Her-
stellung der Kanzel in der kath. Kirche von Herzogenbosch er-
wähnt wird und einen Meister Antonio, der urkundlich 1553

seit Jahren fest stand, hat doch erst Rosenberg in seinem
Texte zu dem Sauerwein'schen Werke 1883 auch in den
architektonischen Details der Fassade niederländische
Motive richtig erkannt, wurde aber damit sogleich von
Alt (Kunstchronik 1884, Nr. 28) abgewiesen. Nachdem je-
doch die Herren Seitz und Koch in dem officiellen Werke
der badischen Schlossbaukommission den niederländischen
Charakter nicht bloß der Bildhauerarbeiten, sondern auch
der architektonischen Details im Innern und Äußern
des ganzen Baus bis zur Evidenz nachgewiesen haben,
ist kein Zweifel mehr vorhanden, dass wir auch den
ganzen Baugedanken, den Entwurf der Fassade, einem
niederländischen Baumeister zuzuweisen haben und es
entsteht nur noch die Frage, ob Colins selbst oder ein
anderer der Meister des Werkes ist.

Da ist zunächst die Stelle zu beachten, weicht". I).
v. Schönherr in seiner Abhandlung über Alexander Colin
im II. Bande der Mitteilungen des Heidelberger Schloss-
vereins citirt. Diese Stelle ist der Bittschrift entnommen,
welche der Sohn des Colins, Abraham, an den Erzherzog
Maximilian im Jahre 1623 richtete und worin es heißt:
es habe Kaiser Ferdinand ohne Zweifel während seines
Aufenthaltes in Frankfurt im Jahre 1562 vernommen,
dass sein Vater unlängst zuvor bei dem Fürsten Otto
Heinrich zu Heidelberg in Diensten gestanden und da-
selbst mit zwölf Gesellen den Bau eines stattlichen Palastes
geführt habe, oder wie im Original steht: „ain statt-
lichen Palast im wen zu pauen." Nach der plötzlichen
Erkrankung des Kurfürsten und darauf gefolgtem Tode
wäre aber das Werk eingestellt worden, sein Vater
habe seine Gesellen entlassen und sei nach Hause
gereist.

Ich glaube, damit ist schon ausgesprochen, dass
Colins auch der Urheber des ganzen Baugedankens ist,
selbst wenn sonst keine anderen Indicien vorliegen würden.
Betrachtet man aber die Fassade, so wird man unwill-
kürlich aussprechen müssen: hier hat das malerisch-
dekorative Element die Oberhand vor der architektonischen
Komposition. Ein Architekt dieser Zeit, selbst wenn er
auch in Italien studirt hätte, wäre niemals imstande ge-
wesen, eine solche Fassade zu komponiren; wer daran
noch zweifelt, dem empfehle ich die Werke Serlio's, welche
damals allgemein auch in Deutschland verbreitet waren.
Das ist Architektur, wie sie sich aus dem Studium der
antiken Bauwerke ergab; wie ganz anders aber die
architektonische Komposition des Otto-Heinrichsbaus! Man
hat auf die Backsteinfassaden Oberitaliens hingewiesen;
aber diese sind doch in ganz anderer Art durchgeführt
und schon Lübke hat es offen ausgesprochen, dass an
einen italienischen Meister nicht zu denken sei.

In den Niederlanden ist der Meister zu suchen ; hier
war schon im Mittelalter ein Bestreben nach Reichtum

bei Anfertigung des Prachtthors am Schloss zu Brieg in
Schlesien auftritt.
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