Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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poels und Khnopff. Der erstere scheint mir ein Maler,
dessen Begabung dahin zielt, den Menschen in kräftiger
Weise wiederzugeben, sich dabei liebevoll in altmeister-
lichem Angedenken in tausend Details zu vertiefen, ohne
jedoch sein künstlerisches Ziel zu verlieren. Aber seine
Handschrift deutet auf viel zu viel derbe Weltfreudig-
keit, um übersinnlich zu wirken, wie es doch sein Bild
,.das Schicksal und die Menschen" offenbar thun soll,
auf dem sich hunderte von Händen einem als strahlende
Sonne am Himmel erscheinendem Gottesantlitz entgegen-
sh-ecken. Man vergisst dabei die gute Malerei — fette
Malerei wie Muther sagt — zu wenig. Und so segelt das
Bild wohl mehr als Kuriosität, denn als Kunstwerk, das
allein ästhetische Befriedigung gewährt. Ganz anders
FernandKhnopff,der ein echter Mystiker von Geblüt ist, das
sich in keinem Strich verleugnet; mag er uns nun eine
Ecke seines Ateliers mit einer Figur als schlichten
Naturausschnitt vorführen, wie er es in seinem „der
blaue Flügel" tlmt, oder eine traumhafte Erscheinung
malen (..Vielleicht"), nirgends kann er seine Handschrift
verstellen, die allem, was er schafft, ein seltsam rät sei- I
hartes Fragezeichen aufprägt. Gerade an dem erst- ;
genannten Bilde kann man es sehen, wo er nichts anderes
als ein Stück Natur giebt, dass ihm gefiel und das er
allerdings auch so malte, wie es ihm gefiel. Und das
entzückende Kunstwerk, das dabei herauskam, nehmen
die Leute ganz allgemein so, als sei es nur gerad zum
Nüsseknacken da; wer Khnopff kennt, weiß, dass er nie
daran denkt, aus seinen Bildern einen Scherz ä la „wo
ist die Katz?" zu machen.

Gerade wie sein Bild in der Pinakothek: ..I lock
my door upon myself." Ja, wer es nicht weiß, dass
solche Augen unlösbare Rätsel aufgeben, der soll es
nicht versuchen, den geistigen Inhalt des Bildes zu
extrahiren, sondern sich in Gottes Namen mit Genuss
Eberle's „Verspätetem Mittagessen" zuwenden.

Khnopff leitet zu England hinüber. Seine Profile
haben englischen Typus, in England liegen die Keime
seiner Kunst.

Wenn es irgend woher wie ein Stück Renaissance
wehte, so kommt diese Brise über den Kanal. Wer nur
etwas Witterung dafür gehabt hat, wusste das auch in
Deutschland schon seit Jahren, aber jetzt wird diese
Erkenntnis so allgemein, dass schon viele stets negierende
Köpfe von einer überhand nehmenden Anglomanie reden,
gegen die sie Front machen müssten.

Thatsächlich ist jetzt die lebensfähige Natur der
Engländer wieder die erste, die auf die 'Prinzipien der
alten Meister: ..Hand in Hand gehen der Kunst mit
dem Handwerk", „die Kunst dem Volke", zurückzugehen
scheint. Das ist gerade in Deutschland in der letzten
Zeit bereitwilligst anerkannt worden und man versucht
davon zu lernen, wenn auch bei uns das Gegebene ganz
anders ist. Der Reichtum in England spricht dort das

entscheidende Wort und lässt künstlerische Bestrebungen
eine breitere Basis gewinnen, als bei uns, wo drei Viertel
aller freien künstlerischen Regungen durch Armut im
Keime erstickt werden. Wohlverstanden: die intimen
Bestrebungen, nicht die Galerieankäufe, die bei uns viel-
leicht größer sein mögen. Aber eine jede Kunst ver-
schmachtet im Sande, wenn sie von „staatlicher Hilfe"
leben soll. Nur ein reges und warmes Interesse im
ganzen Volke vermag sie zu fördern und dies geschieht
scheinbar in England; wenigstens wüsste ich nicht,
anderswo schon eine so ehrliche, dem Bedürfnis ent-
sprossene und von ausgesucht feinem Geschmack ge-
tragene. Kunst gesehen zu haben. Wer macht ihnen
ihre vornehmen Porträts nach ? Seit Gainsborough's Tagen
sind die schönsten Frauenbildnisse in England gemalt
worden und auch heute noch können sie stets allen als
Vorbilder dienen für äußerste Vornehmheit der Auffassung
und souveränes Beherrschen des Malerischen. Das ist
mir besonders jetzt wieder aufgefallen, als ich englische
und französische Bildnisse dicht nebeneinander hängen
sah. Hier Raffinement, dort Vornehmheit. Leider haben
einige der besten Bildnismaler nicht ausgestellt; Sargent,
Shannon fehlen ganz. Dafür schickt Whistler eine aus-
gesucht schöne Arbeit, ein Damenporträt in jenem feinen
bräunlichem Dämmerton, in dem er wie gewöhnlich die
Formen auflöst, die trotz alledem, ja vielleicht gerade des-
halb die Person ganz meisterhaft knapp charakterisiren.
Sn/oiiinn gellt in seinem „Herrenporträt", das die goldene
Medaille erhielt, andere Wege, giebt jedoch auch eine
vorzügliche Arbeit. Dabei sei noch der ausgezeichneten
Porträts des Deutsch-Engländers Georg Sauter gedacht.
Das Charakteristische der diesjährigen Beschickung liegt
jedoch nicht in Porträts, sondern mehr in freien poetischen
Dichtungen, wie sie besonders für Englang typisch sind.
Vor allem lernen wir ein bekanntes Bild von Burni
Jones kennen, das die Begriffe der Vergangenheit. Gegen-
wart und Zukunft verkörpert und eines der schönsten
Proben seines Werkes ist, das uns wie das Hohelied
auf englische Jungfräulichkeit anmutet.

Leigl/ton, der Akademiker, bringt seine „Rizpah, die
Mutter der Makkabäer", die trotz Akademie und klassi-
schen Mustern so viel lebensfähige Frische und indivi-
duelle Schönheiten zeigt, dass man ganz gern Deutschland
solche Akademiker wünschte. In vielen ihm verwandt
ist Weiterkönne, der eine reizende Waldnymphe ausstellt,
ferner zahlreiche dekorative Talente, wie Gratis und
Fowler, der sich meines Wissens dem deutschen Publi-
kum zum erstenmal präsentirt und ebenso zart getönte
wie gezeichnete Tafeln von wundervoller Reinheit der
Empfindung bringt. Eines der schönsten englischen
Bilder ist Brangvryn's „der wunderbare Fischzug" in
der Secession. Bekanntlich strebt Brängwyn in seiner
Malerei eine breite flächige Wirkung an, die direkt an
den Gobelin erinnert, erreicht in diesem Werke aber
einen über alles kunstgewerblich-dekorative weithinaus-
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