Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 16.1905

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WELTAUSSTELLUNG ST. LOUIS 1904, SAAL DER OSTERREICHISCHEN FACHSCHULEN

IM ÖSTERREICHISCHEN HAUSE

BAUERNHAUS UND ARBEITERHEIM

DIE Kunstgeschichte pflegt in den von ihr be-
handelten Gebieten durchschnittlich nur das
Beste oder Auffallendste herauszugreifen. Sie
beginnt auch, was die zeitliche Entwicklung betrifft,
ihre Betrachtungen — das famose Buch von Wör-
mann ausgenommen — zumeist mit einem Stadium
der menschlichen Entwicklungsgeschichte, das man
durchaus nicht als »Fundament« bezeichnen kann,
sondern viel richtiger »Bei etage« nennen dürfte, denn
bis die Höhe dessen erreicht war, was so gemeinhin
als Beginn, als Anfang »wirklich künstlerischer Ent-
wicklung« bezeichnet wird, sind ungeheure Schwierig-
keiten überwunden worden. Man liest an technischen
und anderen Hochschulen die herrlichsten Kollegien
über eine Welt ausgebildeter Stilformen, man hält in
den Kursen der Volkshochschulvereine und Frauen-
bildungsanstalten Vorträge über griechische Plastik, über
Quattro- und Cinquecentoerscheinungen der Kunst,
über Barokko und Gotik, aber selten nur wird der An-
fänger mit dem Urbeginn, mit der einfachsten Sprache

Kunstgewerbeblatt. N. F. XVI. H. 4-

der Kunst bekannt gemacht; man läßt die Schüler
des Architekturstudiums ohne weiteres die Säulen-
ordnungen der Antike und der Renaissance mit dem
Zirkel nachkonstruieren, aber die originelle Welt der
einfachsten Schmuckformen bleibt ihnen zumeist ein
Buch mit sieben Siegeln. Kein Wunder, daß jeder
sich bestrebt, den Entwürfen, die als Aufgaben ge-
stellt werden, all diesen Formenkram einzuverleiben,
ehe er über die Wirkungen der einfachen Mauer-
fläche, wie sie sich als belichtete oder im Schatten
liegende Partie gibt, ins klare kommt. Daß die Archi-
tektur allmählich Stilwucherungen aufweist, die viel-
fach direkt widerwärtig wirken, ist unter diesen Ver-
hältnissen unausbleiblich.

Sind wir denn überhaupt berechtigt, die Grenze
zu ziehen, wo der Begriff »Kunst« anfängt? Statt
den Maßstab der Entwicklung anzulegen, mißt man
ohne weiteres nach Begriffen, die das Resultat einer
ungeheueren Kette von Vergleichsergebnissen sind, und
bringt auf diese Weise überhaupt schon gleich einen
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