Lustige Blätter: schönstes buntes Witzblatt Deutschlands — 14.1899

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Die übermüthigen Landbiindler.
Wann wird Herkules wohl sich erheben und sie zerschmettern?
Die Festung Guetun.

Komische Operette von Waldeck und Rousseau, Musik von Gallifet. Inscenirt von Mr. Le Mouton de Dromadaire.

Polizeihauptmann: Im Namen des
Gesetzes, öffnen Sie!
Guerin (steckt den Kopf zum Fenster hinaus):
Fällt mir gar nicht ein; ich lasse mich
nicht verhaften.
Couplet des Polizeihauptmanns.
Wenn er nicht will, dann will er nicht!
Fatal, fatal ist die Geschieht',
Der Gauner schliesst sich oben ein,
Und wir, wir dürfen nicht hinein.
Ich habe zwar zweihundert Mann,
Indess, was fang' ich damit an,
Er ist ein gar zu arger Wicht,
Wenn er nicht will, dann will er nicht!
*
Ein Polizeioberst: Herr Haupt-
mann, haben Sie diesem hartnäckigen
Subjekt Gas, Wasser und Telephon ab-
geschnitten?
Der Polizeihauptmann: Bereits
vor zwei Stunden.
Der Oberst: Und er ergiebt sich
immer noch nicht?
Der Haupt mann: Gar nicht daran
zu denken. Er hält sich mit grösserer
Energie als die 80000 Mann, die in Sedan
eingeschlossen waren. Der Kerl scheint
von Eisen zu sein.
Der Oberst: Höchst eigenthümlich.
Aber auch ebenso bewunderungswürdig.
Der Mensch hat etwas Imposantes. Da
wird allerdings nichts übrig bleiben, als
ihm das Gas, das Wasser und die
Telephonleitung wieder zuzuführen.

Couplet und Chor.
(Soli: Der Oberst, der Hauptmann. Ensemble: 200 Poli-
zisten. 300 Liniensoldaten, 400 berittene Chasseurs.)
Du hieltst bis jetzt Dich brav im Streit,
Das nenn' ich höchste Tapferkeit,
Ja Titotapferkeit.
Dafür erhältst Du auch als Lohn
Den Draht von Deinem Telephon,
Ja Titutelephon,
Es sprudelt auch bereits hervor
Der Strahl aus Deinem Wasserrohr,
Ja Wiwowasserrohr,
Und brauchst Du Gas, es steht Dir frei,
Dafür sorgt schon die Polizei,
Ja Pipupopopolizei.
*
Der Seinepräfekt: Ich werde
persönlich mit ihm reden. Herr Guerin!
Guerin (mit einer Nachtmütze bekleidet am
Fenster): Scheeren Sie sich nach Hause!
Der Präfekt: Ich habe Vollmachten
von der Regierung!
Guerin: Pökeln Sie sich Ihre Voll-
machten sauer ein!
Der Präfekt: Bedenken Sie, dass
wir stärker sind als Sie; die französische
Armee steht hinter mir; ausserdem
haben wir ein Bündniss mit Russland.
Guerin: Genügt nicht, ich habe
fünfzehn Flinten in meiner Wohnung.
Der Präfekt: Dann habe ich die
Ehre, Ihnen als kriegführender Macht
ein internationales Schiedsgericht vor-

zuschlagen, bestehend aus Holland,
Italien, Amerika und Montenegro.
Guerin: Je refuse.
Der Präfekt (singt eine Romanze von der
langen Nase und zieht mit dieser ab).
*
Der Höchstkommandirende der
französischen Armee: Herr Guerin!
Würden Sie wohl so liebenswürdig sein,
uns den Frieden zu diktiren?
Guerin: Das klingt schon anders;
wie denken Sie sich die Sache?
Der Höchstkommandirende: Wir
wollen Sie vom Gerichtshof glänzend
freisprechen lassen und Ihnen alsdann
rauschende Ovationen bereiten.
Guerin: Acceptirt. Ich gebe Ihnen
freies Geleit aus der Rue de Chabrol
und begleite Sie nach dem Polizei-
gefängniss. Warten Sie nur zehn
Sekunden, ich komme gleich herunter.
Schlusschor der Soldaten.
Heil dir, o grosse Nation,
Heil dir, zu deinem grossen Sohn,
Guerin, hoch soll er leben!
Er hat so gründlich uns blamirt.
Drum wollen wir ihn tief gerührt
Zu unserm Chef erheben.
Er zittert nicht wie Mercier
Und nicht wie Gonse, o jemine,
Drum fort mit der Bagage,
Guerin allein, Guerin allein
Soll künftig unser Führer sein,
Der hat doch noch Courage! m.

No. 36.

LUSTIGE BLÄTTER.

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