Weinfurter, Stefan
Päpstliche Herrschaft im Mittelalter: Funktionsweisen - Strategien - Darstellungsformen — Mittelalter-Forschungen, Band 38: Ostfildern, 2012

Seite: 223
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MARIE-LUISE HECKMANN

Der Fall Formosus
Ungerechtfertigte Anklage gegen einen Toten, Leichenfrevel oder
inszenierte Entheiligung des Sakralen?

Die etwas provozierend formulierte Überschrift „Der Fall Formosus - ungerecht-
fertigte Anklage gegen einen Toten, Leichenfrevel oder inszenierte Entheiligung
des Sakralen" umreißt einige Aspekte des vorliegenden Beitrags, der insbesondere
die beiden Körper des Papstes in den Blick nimmt1. Er beginnt mit der Vorge-
schichte, dem eigentlichen Ablauf und den unmittelbaren Folgen des Falles. So-
dann wird kurz auf die Quellengrundlage eingegangen. Kern der Darlegungen
sind die Interpretationen des Falles Formosus in der bisherigen Forschung und
mögliche neue Lesarten des Verfahrens. Diese stehen unter vorstellungsgeschicht-
licher und religionswissenschaftlicher Perspektive und ergänzen die älteren kir-
chen- und rechtsgeschichtlichen Deutungen. Abschließend werden vier Ansatz-
punkte zu einer vertieften Interpretation des geschilderten Falles zur Diskussion
gestellt.

I. Die Vorgeschichte
Formosus war seit 864 Bischof von Porto und scheint den Päpsten Nikolaus I.,
Hadrian II. und Johannes VIII. zunächst treue Dienste geleistet zu haben. Letzterer
schickte Formosus 875 sogar ins Frankenreich, um Karl den Kahlen zur Kaiserkrö-
nung nach Rom einzuladen. Wenig später verlor Formosus jedoch die päpstliche
Gnade, weil er Verbindungen zum stadtrömischen Adel unterhielt. 876 entzog er
sich dann durch Flucht einem Prozess, den Papst und Kaiser gegen ihn ange-
strengt hatten. Ihm wurde vorgeworfen, gegen Karl den Kahlen konspiriert zu ha-
ben. Er habe aus unwürdigem Ehrgeiz die Metropolitanwürde in Bulgarien und
sogar das Papstamt angestrebt. Formosus wurde für schuldig befunden, exkom-
muniziert und seiner Bischofswürde enthoben. Anathem und Suspension wurden

1 Agostini Paravicini Bagliani, Der Leib des Papstes. Eine Theologie der Hinfälligkeit. Aus
dem Italienischen übersetzt von Ansgar Wildermann, München 1997, behandelt den Tod ein-
zelner Träger des Papstamtes.
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