Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst — 1901

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Lucas Cranachs Holzschnitt »Der Adel« (B. 123).

Zu den Holzschnitten, welche in allen früheren
Katalogen Lucas Cranach dem älteren unzweifelhaft
zugeschrieben werden, gehört der nach links reitende
Turnierritter mit der Inschrift »Der Adel« (Bartsch 123,
Schuchardt 125, Lippmann 35). Dr. Flechsig scheidet in
seinen kürzlich veröffentlichten »Cranach-Studien« diesen
Holzschnitt aus zwei Gründen aus: erstens wegen der
Gestalt der geflügelten Schlange, mit welcher er signirt
ist, und zweitens wegen seiner allgemeinen stilistischen
Inferiorität. Er betrachtet ihn als das Werk eines
unerfahrenen Anfängers, nicht Lucas Cranachs selbst in
jüngeren Jahren, sondern eher seines Sohnes Hans, den
Dr. Flechsig mit dem Pseudo-Grünewald identificirt.
Ohne für den Turnierritter einen hervorragenden
Platz unter den Holzschnitten Lucas Cranachs des älteren
in Anspruch zu nehmen, glaube ich doch, dass ihn
Dr. Flechsig zu streng beurtheilt und aus ungenügenden
Gründen verworfen hat. Wollen wir seine Gründe im
einzelnen prüfen. Er wendet sich vor allem gegen die
Stellung der Schlangenflügel. »Der Leib für sich allein
würde immerhin noch der Kritik gegenüber standhalten,
es ist doch noch eine bestimmte Form, die zweite, deutlich
darin ausgeprägt. Dagegen gibt schon die Gestalt der
Flügel zu Bedenken Anlass. Es ist nicht die sonst übliche.
Was aber für Cranach ganz unmöglich ist, das ist ihre

Stellung auf dem Theil des Leibes, der sich unmittelbar
an den Kopf und Hals anschliesst. Man kann hunderte
von echten Schlangen Lucas Cranachs vergleichen, und
man wird keine einzige finden, deren Flügel auf einer
falschen Windung des Leibes stünden, wie bei dieser
hier«. . . »Bei Lucas Cranach können wir annehmen,
dass er auch im Schlafe seine Schlange immer richtig
zeichnete.«
Dr. Flechsig, glaube ich, übertreibt die Gleichmässig-
keit, mit welcher Cranacfs seine Schlangen zeichnete, und
trägt den Verschiedenheiten zu wenig Rechnung. Die zwei
Classen, in welche er die Schlangen sondert (ich spreche
natürlich nur von der Schlange mit den Fledermaus-
flügeln), indem er seine Eintheilung auf die Unterschiede
in der Gestalt des Leibes gründet, müssen etwas weit
genommen werden, um sämmtliche Abweichungen vom
normalen Typus in sich zu begreifen. Die Windungen des
Rumpfes (Hals und Schwanz nicht mit einbezogen)
variiren von einer bis zu drei, indem ihre Gestalt im
Laufe der Zeit complicirter wird. In der ersten Periode bis
1500 wuchsen, wie Flechsig selbst bemerkt, die Flügel
in den meisten Fällen »unmittelbar aus dem ersten
aufsteigenden Theile des Rumpfes« (vergl. L. 22, 25, 26,
27; bei 24 und 36 ist der Unterschied scheinbar, nicht
[ wirklich, denn die erste Windung ist nur der gewölbte

* Gemäss dem vom Curatorium in der Sitzung vom 15. April 1901 genehmigten Berichte des Verwaltungsrathes werden die »M i t th ei 1 u nge n«
von nun an ihren Inhalt ausschliesslich dem Gebiete der graphischen Künste — und zwar sowohl der Vergangenheit als der Gegenwart --
entnehmen, wobei der Stofs in der Regel aus folgende Rubriken vertheilt wird: I. Studien und Forschungen, II. Aus Sammlungen,
III. Ausstellungen, IV. Besprechungen neuer Erscheinungen (Einzelblatter. Mappen und Bücher), V. Anzeigen neuer
Erscheinungen (a. Graphische Arbeiten, nach Mittheilung der Künstler, b. Mappen, illustrirte Bücher und Literatur der graphischen Künste,
c. Zeitschristenschau), VI. Vermischte Nachrichten (Nekrologe, Auctionsberichte u. a.), VII. Mittheil ungender Gesellschas t. Die Rcdaction.
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