Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst — 1903

Seite: 69
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Fanatique u. s. vv. Von dem Lütticher Auguste Donnay
waren aquarellierte Zeichnungen, darunter kleine Land-
schaften, Märchen und mythologische Figuren zu sehen,
alles äußerst einfach und meist nur in leichten Umrissen
ausgeführt. Karel Doudelet war nicht so glänzend ver-
treten wie in früheren Ausstellungen. In einer einzigen
seiner sieben Zeichnungen, LesHeures passent silencieuse-
ment, würdigten wir aber alle die Vorzüge seines in
so hohem Grade idealistischen Talents. Von Georg
Lemmen erwähnen wir eineReihe lithographischerBlätter,
die, wenn auch ziemlich nüchtern aufgefaßt, doch muster-
giltig ausgeführt waren; darunter eine früher in der
»Insel« erschienene Akt-Studie, mehrere Interieurs und
Landschaften. Ganz hervorragend waren vier Bleistift-
oder Kreidezeichnungen von Karel Mertens aus Ant-
werpen: Köpfe, mit beinahe gotischer Genauigkeit bis
in die kleinsten Züge ausgeführt, ausdrucksvoll wie
das Leben selbst. Ein anderer noch sehr junger
Antwerpener, Eugen van Mieghem, osfenbarte sich
in seinen Pastellen und Kreidezeichnungen als Beobachter
des aufgeregten Straßenlebens im Hafenviertel seiner Vater-
stadt, der mit großer Gewandtheit das Charakteristische
in Haltung, Bewegung, Kleidung der Antwerpener Dock-
arbeiter, Straßenbummler und Obdachlosen wiederzu-
geben weiß. Endlich müssen wir ganz besonders noch
die herrlichen Radierungen erwähnen, die Theo van
Rysselberghe von mehreren Aufenthalten im Auslande
oder an den Flandrischen Meeresküsten mitbrachte.
Meisterwerke nennen wir Entree des Barques ä Volen-
dam, Le Chenal de Nieuport, Le Port de Fiume, Le Port de
Trieste, alle durch eine verblüsfende und doch mit den
einfachsten Mitteln erreichte Wiedergabe der Atmosphäre
und des Lichtes ausgezeichnet.
Die XLII. Ausstellung der »königlichen Aquarellisten-
Gesellschaft« war wieder sehr interessant. Von Aus-
ländern beteiligten sich unter andern Ch. W. Bartlett,
L. Dettmann, H. Herrmann, Gaston Latouche,
Fei. von Myrbach, F. Skarbina. Unter den vielen
nord- und südniederländischen Teilnehmern waren wohl
der Brüsseler Frantz Charlet, Alfred Delaunois,
der Amsterdamer Paul Rink und der geniale Einsiedler
aus Moll bei Turnhout, Jakob Smits, am herrlichsten ver-
treten. Smits hatte nur Pastelle ausgestellt: eine Pietä
auf Goldgrund, zwei Damen- und ein Herrenporträt und
ein Kind mit einem Hund, »Kobe und Max«, strahlend von
Leben und doch mit jenem märchenhaften Zauber, den
man auch in den besten Bildnissen des großen Rembrandt
bewundert. VonD elaunois, der,obwohl kaum25Jahre alt,
schon die Ehre genießt, im Staatsmuseum zu Brüssel ver-
treten zu sein, sahen wir Kircheninterieurs, meist aus
seinem Geburtsorte Löwen, die er mit jener ganz be-
sonderen Stimmung zu füllen wußte, die man nur in den
halbdunklen Räumen eines leeren Tempelschifses empfin-
det. Seine Arbeiten atmen förmlich diesen Geist von tiefer
Andacht und melancholischer Stille, der uns aus den
Wölbungen und Säulengängen katholischer Kirchen

anweht. Seit dem schon vor Jahren dahingeschiedenen
Bosboom (Haag) hat niemand derartige Gegenstände
mit solcher Tiefe und Innigkeit behandeln können wie
Delaunois. — Charlet ist ein feinfühlender Lyriker,
welcher über einen Farbenreiz verfügt, um den ihn wohl
die besten Aquarellmaler der Zeit beneiden könnten.
Den Menschen nicht allein, auch der Landschaft und
sogar den leblosen Gegenständen verleiht er den zauber-
haften Reiz seiner eigenen durch und durch dichteri-
schen, wenn auch nicht immer sehr tiefen Empfindung.
Er malt nicht in starken, lautsprechenden Farben,
sondern in sanften, weichen, äußerst feinen Abstufun-
gen und Nuancen. Etwas wie eine stille, diskrete, aber
Herz und Seele bestrickende Musik tönt und singt aus
seinen Aquarellen. — Rink ist ein Realist. Seine See-
leute, Matrosen, Fischer jeden Alters, empfinden wir als
lebendige Menschen. Er ist ein Charakteristiker, der auch
in wenigen, gutgewählten Zügen das Typische eines
Gesichtes, einer Haltung oder Bewegung auszudrücken
weiß. Er wird auch wohl ausführlich dann und wann, zum
Beispiel in seiner alten Kartenlegerin, einer der Perlen des
Salons, einem wirklichen, mit außerordentlicher Treue und
Genauigkeit behandelten Porträt. — Zu erwähnen wären
nun noch die Holländer H. J. Haverman mit einer hol-
ländischen Waise; Frau S. J. Jansen-Grothe mit
Blumen; die Vlamen Cassiers und Stacquet mit hol-
ländischen und vlämischen Stadtansichten; Khnopff mit
idealistischen Zeichnungen; Frau Gilsoul-Hoppe mit
Blumen und die Wallonen Marcette, Donnay u. s. w.
Nicht sehr glücklich war Nico Jungmann vertreten.
Seine Beatrix, — wohl eine Reminiszenz an einen Meister
des Quattrocento ? — war ziemlich oberflächlich; seine Pro-
zession in Kevelar, obgleich realistisch gewollt, entbehrte
die tiefe, packende Wahrheit des wirklichen Lebens.
1902. Als erstes Ereignis des Jahres 1902 nenne ich
die X. Jahresausstellung des Vereines Pour l'Art in
Brüssel, wenn auch nur wenige ausschließlich graphische
Arbeiten dort zu sehen waren. Mehrere der eingesandten
dekorativen und anderen Malereien zeichneten sich jedoch
durch ausgeprägte graphische Eigenschaften aus, so unter
anderem die skizzenhaften Szenen von Colmant, die
prachtvolle Sticharbeit der Gattin des Bildhauers Is. de
Rudder, »Der Sommer«, ausgeführt nach einer muster-
giltigen Zeichnung des letzteren, die zwei Entwürfe für
Teppiche von Emil Fabry, die herrlichen Juwelen von
Phil. Wolfers, worunter viele wahre Meisterstücke
geschmackvoller Zeichnung genannt werden dürften, und
die dekorativen Panels von Ottevaere.
Die eigentliche graphische Kunst war vertreten
durch den leider viel zu früh (im Herbst 1902) gestorbenen
Hannotiau (Aquarelle), Amadeus Lynen, H. P.
Smits (Pastelle), Jan van den Eeckhoudt (Pastelle).
LynensArbeiten allein hätten für die Mühe eines Besuches
reichlich gelohnt und entschädigt. Er hatte, nebst einer
zahlreichen Sammlung Ansichtspostkarten, eine prächtige
mehrfarbige Lithographie, eine vlämische Farm, eine
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