Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst — 1920

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MITTEILUNGEN

GESELLSCHAFT FÜR VERVIELFÄLTIGENDE KUNST.

BEILAGE DER „GRAPHISCHEN KÜNSTE".

1920.

WIEN.

Nr. 2/3.

Studien und Forschungen.

Chinesische Farbenholzschnitte des XVII. Jahrhunderts.

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Unter den wenig zahlreichen Beispielen des alten chinesischen Farbenholzschnittes, die bis jetzt in Europa
bekannt geworden sind, hat eine Reihe von sieben Einzelblättern in der Graphischen Sammlung zu München noch
nirgends eine Erwähnung gefunden. Sie tragen die lnventamummern 62553 bis 62559.1 Auf welchem Wege sie in
die alten königlich bayrischen Sammlungen gekommen sind, ist noch nicht aufgeklärt, ein Inventar vom Anfang
des XIX. Jahrhunderts führt sie bereits auf als: sieben alte chinesische kolorierte Kupferstiche. Diese Blätter sind
nach ihrem künstlerischen Wert nicht ohne Reiz, auch ihren Vorwürfen nach gewiß für manchen von Interesse,
vor allem sind sie für die Erforschung der noch so wenig bekannten Geschichte des chinesischen Farbenholzschnittes
deshalb von Bedeutung, weil sie in ihrer Entstehung sowohl zu lokalisieren als auch zu datieren sind.

Beschreibung.
Es handelt sich um zwei sachlich zusammengehörige Folgen von je vier Blatt. Die eine ist vollständig vorhanden,
bei der andern fehlt offenbar ein Blatt. Die Blattgröße der ersten Folge ist mit leichten Variationen 33: 27 bis 28 cm,
die der zweiten Folge 33 : 26 an. Die Bilder sind im Hochformat angeordnet, die technische Ausführung wird später
besprochen. Das Thema geben bei beiden Folgen die vier Jahreszeiten.

I.

Die erste Folge bringt auf jedem Blatte drei Monatsbilder. Jeder Monat ist durch eine Szene von Figuren in
landschaftlicher Umgebung illustriert. Die einzelnen Szenen sind unregelmäßig so über das Blatt verteilt, daß
immer das eine Einzelbild schräg über dem andern erscheint, jedoch in einer perspektivischen Andeutung, als erblickte
man schräg von obenher zuerst hinten die eine, dann weiter vorne die zweite und schließlich im Mittelgrund die
dritte Szene. Verschiedene Bodenzungen und Raumkulissen, von den Rändern hereintretend, überschneiden einander,
Wasser und jenseitige Berge schließen in der Ferne die Bühne ab. Das Ganze erscheint als einheitliches Raumbild,
wenn auch ohne die europäische Konsequenz der Perspektive: Menschen und Gegenstände erscheinen in allen drei
Raumschichten gleich groß. So kann das Auge spielend von einer Szene zur andern spazieren gehen.

Bei jeder Szene befindet sich eine Beischrift, die eine Erklärung in Versen enthält. Es sind jedesmal vier Verse,
die aus je sieben Worten bestehen und sich auf denselben Endlaut reimen. So reimen sich zum Beispiel bei den
ersten vier Monaten sämtliche Verse auf ai. Wollte man in unserem Sinne von einem Versmaß reden, so wäre
es am ehesten das trochäische: _!_ ^ J__ ^_, J—^, —■ Der erste Vers ist jedesmal gleich gebaut: die ersten beiden
Worte bezeichnen den Monat, die nächsten zwei bedeuten »Tee pflücken« und sind mir in ihrer Bedeutung unver-
ständlich — ich habe sie in der Übersetzung ausgelassen —, die letzten drei endlich nennen einen Naturvorgang,
der für den betreffenden Monat kennzeichnend ist, zum Beispiel »die Wasserrosen öffnen sich« oder »die Lotus-
blätter werden rund«. Die folgenden drei Verse enthalten dann die eigentliche Erklärung der Szene, die man daneben
abgebildet sieht. Ich gebe im folgenden eine gereimte Übertragung der Beischriften und anschließend die Erläuterung
dessen, was auf dem Bilde zu sehen ist.2

1 Gute photographische Aufnahmen verdanke ich Herrn Dr. Karl Berger, der sich zuerst für die Blatter interessiert hat.

2 Die Übertragung erfolgte auf Grund meiner eigenen Interlinearversion sowie einer Übersetzung des chinesischen Hilfsarbeiters bei der ost-
asiatischen Kunstabteilung der Berliner Museen. Deren Direktor, Herrn Dr. Otto Kümmel, bin ich für die Vermittlung zu besonderem Dank verpflichtet.

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