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Pan <Berlin> — 5.1899-1900 (Heft III und IV)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3165#0159
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Musik. Man kann vielleicht manches in seinen Blättern
finden, das man geneigt wäre auf diese Leidenschaft zurück-
zuführen: vage, traumhafte Inhalte, denen — wie in der
Musik — ein sinnlicher, unverworrener technischer Aus-
druck in den Linien gegeben ist. Welchen Litteraturen galt
Beardsleys Vorliebe? In der Knabenzeit waren es Abenteurer-
romane neben dem Leben der Heiligen, dann waren es die
alten englischen Dramatiker, die Gruppe um Shakespeare.
Später wird es die französische und englische Litteratur des
18. Jahrhunderts, die ihn anzieht und bildet. Auch jener
Gruppe der Franzosen ist nicht zu vergessen, die man so
summarisch die Dekadenten nennt, Baudelaire, Mallarme,
Verlaine, Henri de Regnier liebte er besonders. Doch
war seine Neigung für die älteren Litteraturen stärker,
die antiken las er — wie jeder wohlerzogene Engländer —
in der Originalsprache. Beardsleys Freunde waren erstaunt
über seine Belesenheit, die keineswegs eine grofse Kenntnis
von Buchinhalten allein war; man erstaunte über die feine
Ordnung, den schönen harmonischen Verbrauch dieser Kennt-
nisse bei solcher Jugend. Nichts las er, nichts erfuhr und er-
lebte er, das sich nicht seinem bereits Erworbenen organisch
eingefügt hätte. Er kannte keine Verblüffung und spottete,
wenn andere von inneren Gährungen sprachen. —

Wer die beiden Bände des Morte d'Arthur in Dents Aus-
gabe durchblättert, wird erstaunt sein über die Fülle von
Schmuck, den der zwanzigjährige Beardsley hier gegeben hat;
der Einflufs der Praeraphaeliten — besonders Burne-Jones'
— ist deutlich, aber mit welcher Phantasie sind diese von
der Schule gebilligten Formen erfüllt, zu welcher Dekoration
das Ornament gesteigert! Hierin hat Beardsley seine Lehrer
übertroffen, wenn er auch ihren Intentionen folgt. Und diese
Gefolgschaft wurde ihm während der Arbeit lästig — der
zweite Band ist voll Wiederholungen, er bringt wenig neues;
Beardsley läfst Burne-Jones fallen, behält von ihm, was seiner Art
zusagt und stellt sich unter einen neuen Einflufs. Darin be-
stand die Originalität dieses so ganz unoriginalen, immer be-
einflufsten Künstlers, dafs er von Stil zu Stil gehend, vom
älteren einiges behält, dies mit der neuen Entlehnung mischt,
das Ganze wieder bis auf ein weniges aufgiebt, um mit diesem
wieder eine neue Mischung mit einem neuen Einflufs zu be-
reiten. Er ahmt immer nach und ist selber unnachahmlich;
man fühlt, man spürt seine Originalität und kann sie nicht
bestimmen wie ihr Gegenteil. Neben Burne-Jones und Man-
tegna, von dem er, auch später, „immer noch Geheimnisse
lernt", wie er selbst sagte, sind es in derselben Zeit die Ja-
paner, die ihn gefangen nehmen, ihn lehren, die früher flie-
genden und schwingenden Linien in die Groteske zu ziehen
und ihm eine Liebe zum Detail beibringen, die Beardsley nie
verlassen hat. Aus dieser Zeit sind die Blätter ,La Comedie
aux Enfersc und ,The birthday of Mme Cigale'. Kaum dafs
diese Einflüsse festgehalten, werden sie auch schon von andern
Stilen abgelöfst. Und dies sind nicht zufällige Aenderungen —
das wäre dilettantisch. Alle Einflüsse, die auf Beardsley
wirken, sind in seiner Art, die er mitbrachte, die er als Unter-
grund hatte, vorbedingt. Es ist wie ein schrittweises An-
nähern an sein Ideal, das zu erreichen er die zuerst befreiende,
dann drückende, da aber auch schon verlassene Hülfe anderer
braucht. Das Ideal ist die Kunst in Schwarz und Weifs —
nicht in der Art Klingers, sondern in der Beardsleys. Diese
ist, seine Darstellung nicht nur frei von allem Malerischen

und Zufälligen zu machen, sondern den Gegenstand in Essenz
zu geben mit den Mitteln der Linie und dem Ziel der Deko-
ration, dem Verzieren eines weifsen Blattes Papier. In den
Blättern aus seiner letzten Zeit, der ,Lysistratac z. B. verzich-
tet Beardsley auf allen Hintergrund. — Was ihn weiterführte
waren nun Whistler und die antiken Vasenbilder. Das Por-
trät der Mme Re'jane giebt ,whistleredc Beardsley. Die Bilder
zu Popes ,Lockenraubc zeigen ihn in einer neuen Vollendung.
Nun halten die Maitres debonneurs des 18. Jahrhunderts das
so oft getaufte Kind über das Becken. Dies ist so eigentüm-
lich bei diesem Künstler: er ändert sich und man erkennt ihn
sofort wieder, das ist, er ahmt nicht nach, sondern lernt sein
Wesen an dem Verwandter entdecken. — Ein so subtiler
Künstler wie Beardsley legt Wert auf die Art seiner Signierung.
Zuerst unterschreibt er seine Zeichnung mit seiner Handschrift:
Aubrey V. Beardsley — dann fällt das V weg, Japan bringt
die stilisierten Samenballen der Tussilago, ein Zeichen, das in
reicher oder minder reicher Ausführung lange gebraucht wird
wegen seines ornamentalen Reizes. Auf einigen Blättern
findet sich ein ganz dürerisch gehaltenes Signet, schliefslich
nur mehr in Marginalien AVBREY BEARDSLEY.

Wie immer auch die Meinungen über den Künstler aus-
einandergehen, darin sind alle einig, dafs Beardsley ein aufser-
ordentlicher Zeichner war, dafs er die ornamentale Linie be-
herrschte wie wenige. Eine Zeit lang drohte er dieses sein
Können selbst zu zerstören, in der Zeit, da er sich unter dem
Einflufs der Japaner der Tusche bediente. Doch rasch fand
er das ihm eigene Mittel wieder. Beardsley zeichnete das
Blatt zuerst mit Bleistift, alle Entwürfe und Möglichkeiten
auf dasselbe Blatt; mit der Feder zog er dann nach. Das
gleiche Verfahren übte er auch bei Wiederholungen. Man
sucht vergebens bei ihm nach Studien, da erste Anlage und
letzte Hand sich auf demselben Blatt findet, das eine sorg-
fältig ausradiert. Einiges ist — wie die Bilder zu Gautiers Mlle
Maupin — farbig; ich habe davon nichts gesehen, doch ver-
sichern die Kenner dieser Blätter, dafs Beardsley die Farbe er-
geben war, was das hiefür geübte Auge auch leicht an den
Schwarz-Weifsblättern erkennt. Kritiker, deren Urteil darin
kulminiert, ob etwas auch „richtig" gezeichnet ist, fanden,
diese Hand sei zu grofs, dieser Fufs zu klein — sie messen
hier mit einem falschen Mafs, weil sie am unrechten Ort da-
mit messen. Sie mifsverstehen Beardsleys Kunst, die vor allem
eine dekorative war und auch sonst gar nicht den Anspruch
erhebt, eine Kunst der äufseren Naturwahrheit zu sein. Be-
ardsleys Neigung war, einen seelischen Zustand, einen Cha-
rakter, eine Leidenschaft in den Linien des menschlichen
Körpers und seiner Bewegungen darzustellen; er läfst nichts
Verborgenes verborgen sein; es genügt ihm nicht, etwa blos
den Blick der Augen zu ändern, um einen Affekt auszudrücken,
er ändert den ganzen Körper — Hände, Füfse, Kleidung,
Haar und auch die Umgebung erfahren Aenderungen, nicht
sogenannt symbolischer Art. Keine Uebersinnlichkeiten stellt
Beardsley dar, keine „Philosophien" und „Ideen". Der Mensch
in seiner innern Schönheit und Häfslichkeit ist sein Gegen-
stand. —

Zu den Dingen, welche Beardsley liebte und häufig dar-
stellte, gehören die Bewegungen eines barocken Tanzes, Frauen
bei der Toilette, eigenartige, vielen Moden und Stilen ent-
lehnte Kleider, ein Schmücken der Räume mit merkwürdigen
Tischen und Stühlen; schlanke Kandelaber mit dünnen Kerzen



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