Speer, Heino
Herrschaft und Legitimität: zeitgebundene Aspekte in Max Webers Herrschaftssoziologie (Teilw. zugl.: Bielefeld, Univ., Diss.) — Berlin, 1978

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94 Kap. III: Traditionale Herrschast
1. Patrimonialismus
Die Formen traditionaler Herrschaft unterscheiden sich für Max
Weber je nach Existenz und Art eines Verwaltungsstabes1. Dabei sind
die Fälle der Herrschaftsausübung ohne Verwaltungsstab die „primären
Typen der traditionalen Herrschaft"2. Sie scheiden sich in Gerontokratie
und primären Patriarchalismus: „Gerontokratie heißt der Zustand, daß,
soweit überhaupt Herrschaft im Verband geübt wird, die (ursprünglich
im wörtlichen Sinn: an Jahren) Ältesten, als beste Kenner der heiligen
Tradition, sie ausüben. ... Patriarchalismus heißt der Zustand, daß
innerhalb eines, meist, primär ökonomischen und familialen (Haus-)
Verbandes ein (normalerweise) nach fester Erbregel bestimmter Ein-
zelner die Herrschaft ausübt3." Sobald ein Verwaltungsstab gebildet
wird, verwandeln sich Gerontokratie und Patriarchalismus in den
Patrimonialismus. Dabei rekrutiert sich der Verwaltungsstab primär
patrimunial, d. h. aus „traditional, durch Pietätsbande, mit dem Herrn
Verbundenen"4; er kann aber auch extrapatrimonial aus solchen Per-
sonen gebildet werden, die kein Pietätsverhältnis zu dem Herrn be-
sitzen. Die Verwaltungs- und damit Herrschaftsausübung im Patri-
monialismus teilt sich in der Regel in einen patrimonialen und einen
extrapatrimonialen Bereich auf, von welchen der letztere der sekun-
däre ist. „Alle mit Dauerzuständigkeit versehenen Beauftragten sind
zunächst Hausbeamte des Herrn, ihre nicht hausgebundene (,extra-
patrimoniale') Zuständigkeit ist eine an ihren Hausdienst nach oft
ziemlich äußerlichen sachlichen Verwandtschaften des Tätigkeitsgebiets
angelehnte oder nach zunächst ganz freiem Belieben des Herrn ... ihnen
zugewiesene Zuständigkeit5."
Das Wesen des Patrimonialismus besteht in der besonderen Art der
Zuordnung der Herrschaftsmittel zur Person des Herrn oder dem Ver-
waltungsstab: „Die patrimoniale und insbesondere die ständisch-patri-
moniale Herrschaft behandelt, im Fall des reinen Typus, alle Herren-
gewalten und ökonomischen Herrenrechte nach Art privater appropri-
ierter Chancen6." Herrschaft findet beim Patrimonialismus in den For-
men des Privatrechtes statt7. Damit ist zugleich der begriffliche Ur-

1 Dazu vgl. unten Kap. III4.
2 WuG., S. 133.
3 WuG., S. 133.
* WuG., S. 131.
s WuG, S. 132.
8 WuG, S. 136 ff. Hierbei ist daraus hinzuweisen, daß Weber unter Patri-
monialismus einmal die „private", unpolitische Herrschaft, zum anderen die
politische Herrschaft nach Art der privaten Herrschast verstanden hat. So
auch Arnold Zingerle, Max Weber und China, Berlin 1972, S. 46.
7 „Appropriierte Chancen" sind Rechte, konkret: Eigentumsrechte, vgl.
WuG., S. 23.
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