Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

Page: XXXIII
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/stintzing1867/0033
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XXXIll

cinstimmende Aeußerungen finden sich in großer Zahl bei Z a sius *), welcher
es liebt, ;wci Klassen von Iuristen zu untcrscheidcn: dic echten Dvctoren
nnd die unwissenden „pliilmlioi, ijui non jnin tomlein elientes, seel ele-
^rluliere et toti>8 vnrnre euziinnt." Und wie viel Wahres in der harten
Acußerung dessclben Schriftstellcrs licgt, wenn er sagt, daß diese Leute „die
Gerichte vergiften, dcr Richter spotten, dic Ruhe slören, dcn Staat zu ver-
wirren suchen und Göttern und Rienschcn vcrhaßt sind" — das zcigen
nns die öfter erwähntcn lauten Klagcn und lebhaften Beschwerden, welche
sich gerade in den unteren Schichten der Bevölkerung gegen die gelehrte
Iurisprudenz erhobcn. Dcnn wenn auch in dicsen Beschwerden meistens
nur die „Doctorcn" gcnannt werden, so versteht es sich wohl von selbst,
daß dabei an die Rechtsgclehrten überhaupt, und speciell an die dem bürger-
lichen Rechtslebcn am näcbstcn stehenden Praktiker gedacht ist**).

Die Schreiber und S a ch walter sind es vorzugsweise, welche an
den übcrlieferten Anschauungen vom Rechte und seiner Pslege rütteltcn
und zerrten, und eben dadurch den Bodcn lockertcn und die ticfen Furchen
ausrissen, welche den neuen Saamcn aufnehmen solltcn. Mochte aus Un-
verstand und bösem Willen viel gesündigr und gcschädigt werden, so ging
doch der wohlthätigc (Zinfluß dcs bcsscren Elcmcnts dancbcn stätig fort;
und trotz aller Klagen gewann das fremdc Recht nur breiteren Boden und
schiug tiesere Wurzcln im bürgerlichen Lcben. Denn im Ernste unternahm
man cs nicht, seine Bertreter auszurotten oder aus der Praxiö zu vcrbannen;
sondcrn wir sehen vielmehr, daß Anstalten getrvsfen wurden, um durch Er-
weitcrung und Vermcbrung der Hochschulcn ihrc Zahl zu vergrößern und
ihre Bildung zu hebcn. Es geschah in dcr richtigen Erkenntniß, daß ein
genügcnder Schutz gcgcn die Gefahren der Rabulistcrci der Schreiber und
cachwaltcr nur dadurch zu erlangcn war, taß man einesthcils diescn Stand
selber veredcltc, andernthcils scine unbedingtc Ucberlegenheit über die Ur-
theiler brach.

Nun ist es zwar in dcr Periode, von welcher wir redcn, noch nicht da-
hin gekommcn, daß dic Schöfsc n aus dcm Vvlke durch rcchtsgelehrte
Nichter verdrängt wurden. Vielmehr habcn wir in den Untergerichten

*) ^usü opera. d'raeok. I5N0. 'l'om. l. eol. 346. 3S8. 488. Stintzing, ZasiuS,
S. 103.

") Vgl. darübcr II. A. dic iLrzähluiig dcÄ Loilorioiis /iimoreiisis in seinem 8pe-
eiilmu v!k:ie Iiii,u:iii:ie t,iü. l o. 18 (vvrj-outor. 1507. t'ol. 2l 0 80:,.). gerncr S to b l' c,'
Recbtsguellen, Bd. 2 S. »0. 102.

Stintzing, riteratnr.

o
loading ...